Kategorie: Jugend

Schlecker macht weiter Schule

Leiharbeit als Instrument zur Verdrängung von Stammarbeitsplätzen nimmt deutlich zu. Die Jugend bleibt in prekären Jobs hängen. So belegen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, dass die Betriebe angesichts der aktuellen Wirtschaftsbelebung für mehr als jede dritte neue Stelle Leiharbeiter suchen.



Entgegen aller Bekundungen diene Leiharbeit nicht zum Abfedern von Auftragsspitzen, sondern zunehmend als „strategisches Instrument zur Etablierung einer neuen Billiglohnlinie“, sagt der stellvertretende IG-Metall-Vorsitzende Detlef Wetzel. Die von der IG Metall bereits vor zwei Jahren kritisierte Ersetzung von Stammarbeitsplätzen durch Leiharbeiter hält unvermindert an. So hat das Ausmaß der Leiharbeit nach einem krisenbedingten Einbruch in den letzten beiden Jahren mit rund 826.000 Beschäftigten wieder das Vorkrisen-Niveau vom Sommer 2008 erreicht, Tendenz steigend. Mittelfristig rechnen die deutschen Zeitarbeitsunternehmen gar mit einem Anwachsen auf 2,5 Millionen Beschäftigte in ihrer Branche, also einer glatten Verdreifachung. Damit sind Leiharbeiter doppelte Verlierer. Im Aufschwung werden sie mit Hungerlöhnen abgespeist und in der Krise arbeitslos.

85 Prozent prekär

Die IG Metall hatte in einer Umfrage Mitte September bei mehr als 5100 Betriebsratsvorsitzenden aus der Metall- und Elektroindustrie alarmierende Tatsachen zu Tage gefördert. So decken nur 15 Prozent aller Betriebe, die Arbeiter oder Angestellte neu einstellen, ihren Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften durch unbefristete Arbeitsverhältnisse ab. Hingegen behelfen sich 43 Prozent mit Leiharbeit und 42 Prozent mit befristeten Einstellungen. „Die Arbeitgeber setzen auf prekäre Beschäftigung“, beklagt Wetzel.

Nur noch 34 Prozent der befragten Betriebe kommen derzeit ohne Leiharbeit aus. In einem Viertel der befragten Metall-Betriebe besteht, gemessen an der Gesamtbelegschaft, bereits eine Leiharbeitsquote von 10 bis 50 Prozent. Dieser Trend gefährdet die Existenzgrundlage von mehreren hunderttausend tariflich abgesicherter Arbeitnehmer und trägt zur Spaltung von Belegschaften und Gesellschaft bei. Leiharbeit betrifft zunehmend auch Hochqualifizierte etwa in industriellen Entwicklungszentren. Fast jeder achte Vollzeit-Leiharbeiter ist Hartz-IV-Aufstocker.
Die gewerkschaftliche Forderung nach gleicher Bezahlung von Leiharbeitnehmern findet sich in einem neuen Gesetzentwurf des Bundesarbeitsministeriums nicht wieder. Damit leistet die Bundesregierung einem ungebremsten Abbau von Stammarbeitsplätzen und damit der Ausweitung des Niedriglohnsektors Vorschub. So macht das Vorbild konzerninterner Leiharbeit wie beim Drogeriekonzern Schlecker weiter Schule. Leiharbeit hat sich zu einem massiven Dumpingwerkzeug entwickelt.
Die Behauptung, Leiharbeit fördere den Sprung in den 1. Arbeitsmarkt und bewirke einen „Klebeeffekt“, hat sich als „Fata Morgana und Zweckpropaganda interessierter Kreise“ erweisen: „Diese von der Politik wohlgefällig wiederholte Propaganda ist wissenschaftlich in sich zusammengebrochen“, sagte der Gewerkschafter. Kleben bleiben die allermeisten Leiharbeiter nicht in der Stammbelegschaft im Einsatzbetrieb, sondern in der miserabel bezahlten Leiharbeit.

Generation Praktikum

„Auch nach der Krise prägen Praktika, Leiharbeit und befristete Jobs zunehmend den Alltag junger Arbeitnehmer“, so Wetzel. Für sie sei Prekarisierung „verfestigte Realität“. Sie steige weiter auf hohem Niveau an. So seien 54 Prozent der Erwerbstätigen unter 25 Jahren in Leiharbeit, befristeten Jobs und ABM-Stellen und damit prekär beschäftigt, neun Prozent mehr als im Krisenjahr 2009. 28% dieser Altersgruppe hätten im bisherigen Berufsleben nur befristete Jobs gehabt.
Gegenüber 2009 sei die Chance der Übernahme aus der Leiharbeit heraus in eine unbefristete Stelle in der Kernbelegschaft gar von neun auf sieben Prozent gesunken. Der Berufseinstieg werde für eine ganze Generation zunehmend schwieriger, viele würden „abgehängt und an den Rand gedrängt“. Somit gehe der Aufschwung „an einem Großteil der Jugend spurlos vorbei“. Zudem sei ein Fünftel aller Beschäftigten unter 35 – zumeist unfreiwillig – in Teilzeit tätig. 88 Prozent der 20 bis 24jährigen Teilzeitbeschäftigten wünschten sich eine Vollzeitstelle.

Was nun?

Wir fordern eine Gleichstellung der PraktikantInnen mit regulären Beschäftigten. Die Bezahlung nach Tarifvertrag und gleiche Arbeitsbedingungen sind unumgänglich, um eine Ausbeutung von PraktikantInnen, Lohndrückerei und ein Absinken von Standards zu verhindern. Prekäre Beschäftigungsformen (wie Arbeitnehmerüberlassung, Zeitarbeit, 400-Euro-Jobs, Scheinselbständigkeit) sind grundsätzlich gesetzlich zu verbieten. Alle bestehenden gewerkschaftlichen Forderungen nach gleicher Bezahlung und Einschränkung der Leiharbeit können dabei allenfalls ein Zwischenschritt sein.

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