Kategorie: Jugend

Aktionen im Rahmen des bundesweiten Bildungsstreiks fanden auch in Wiesbaden und Mainz statt

In Wiesbaden zogen über 1500 Schüler und Studierende am Mittag bei schwülwarmer Witterung vom Hauptbahnhof durch die Innenstadt. Vor dem hessischen Kultusministerium legten sie einen Zwischenstopp mit Kundgebung ein.



Studierende der örtlichen Hochschule Rhein-Main hatten sich schwarze Krawatten umgebunden und trugen symbolisch einen Sarg mit der Aufschrift "Hier ruht die Bildung" durch die Stadt. Damit bezogen sie sich auf jüngst von der CDU-FDP-Landesregierung durchgeboxten "Hochschulpakt", ein Kahlschlagspaket, das den landeseigenen Hochschulen massive Kürzungen zumutet. "Damit ist an unserer Hochschule ein kompletter Studiengang bedroht und droht bis 2012 eine faktische Insolvenz", umreißt ein Studierender die Auswirkungen.

"Die Ratten verlassen das sinkende Schiff", lautete das sarkastische Motto auf professionell bedruckten T-Shirts, mit denen Abiturienten der Theißtalschule im nahen Niedernhausen (Taunus) gegen G8, die Schulzeitverkürzung in Gymnasien auf acht Jahre protestierten. Sie sind der letzte reguläre G9-Jahrgang und bedauern die jüngeren Mitschüler um ihren "G8-Stress", der vielen die Freude an der Schule genommen habe und bewirke, dass das ehrenamtliche außerschulische Engagement in örtlichen Vereinen weiter sinke. Andere sammeln Unterschriften für eine Petition von Landesschülervertretung und Landeselternbeirat unter dem Motto "G8 - so nicht!". Damit wollen sie den Hessischen Landtag auffordern, für die Sekundarstufe I wieder die sechsjährige Schulzeit einzuführen.

"Bildung muss frei bleiben", fordert der Wiesbadener Abiturient Sebastian Jakumas. Neben Gymnasiasten waren aber auch zahlreiche Haupt- und Realschüler zur Demonstration gekommen. Etliche Demoteilnehmer trugen Buttons mit der Aufschrift "Schulen sanieren sofort" und protestierten damit gegen den schlechten Zustand vieler Schulhäuser. Für Wut hat in Wiesbaden auch die Tatsache gesorgt, dass Stadt und Land die Einrichtung einer juristischen Fakultät der privaten Elitehochschule "European Business School" mit einem hohen zweistelligen Millionenbeitrag fördern.

"Einige finden das gut und einige nicht", fasste ein Schüler die Haltung der Lehrer und Schulleitungen zum streikbedingten Fernbleiben vom Unterricht zusammen. Zwar hatte das Bildungsbündnis in einem offenen Brief an die Lehrkräfte an seine Solidarität mit dem Streik der Lehrergewerkschaft GEW im letzten November erinnert und versichert, dass sich die Aktion "keineswegs gegen die Lehrer und ihre tägliche Arbeit" richte. Doch einer, bei dem dieser Appell auf taube Ohren stoßen dürfte, ist der Leiter des Wiesbadener Elly-Heuss-Gymnasiums und FDP-Politiker Reinhard Rzytki. Demoteilnehmern, die sich seinem Druck widersetzt haben und mit demonstrierten, könnte nun ein Zeugniseintrag wegen "unentschuldigten Fehlens” drohen.

In Mainz zogen viele hundert Schüler und Studierende am Nachmittag vom Hauptbahnhof durch die Innenstadt. Zwar hatte es hier, auf der linksrheinischen Seite, in den letzten Jahren weniger spektakuläre Bildungsproteste gegeben als in Hessen. Doch auch im SPD-regierten Rheinland-Pfalz, wo das dreigliedrige Schulsystem unter dem Schlagwort "Realschule plus" derzeit durch ein zweigliedriges ersetzt wird, melden sich Kritiker an den Zuständen in Schule und Hochschule zu Wort. "Die Selektion in der vierten Klasse bleibt auch mit der Realschule plus bestehen", gibt ein Sprecher des Mainzer Bildungsbündnisses zu bedenken und verlangt die "Einheitsschule". Auch Susanne Wingertszahn von der DGB-Jugend fordert die Abschaffung des selektiven Schulsystems und "eine Schule für alle". Zudem drängt die DGB-Jugend auf eine Öffnung der Hochschulen für Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung auch ohne Abitur, so die Gewerkschafterin. Neben der DGB-Jugend haben sich mit dem Bildungsstreik auch Aktivisten der Mainzer "Jeden-Monat-Demo" aus ver.di, Hartz IV-Betroffenen und Linkspartei solidarisiert, die seit 14 Monaten regelmäßig gegen Hartz IV auf die Straße gehen.

Erstveröffentlichung: Neues Deutschland, 10.6.2010

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