Kategorie: Jugend

Studium und Corona: Präsenzklausuren stellen Studierende vor Dilemma

Im zweiten Onlinesemester beginnt die Prüfungsphase. Einige Hochschulen bestehen immer noch auf Präsenzklausuren und zwingen die Studierenden zwischen Gesundheit und dem erfolgreichen Studienverlauf abzuwägen. Studierende der Hochschule RheinMain (HSRM) haben sich dazu entschlossen, eine Online-Petition zu starten. Fast 1.600 Personen haben die Petition bei Redaktionsschluss bereits unterschrieben. Was muss jetzt getan werden?

Bild: Socialist Appeal


Gesundheit vor Leistungsdruck

Die zweite Welle fordert durch die sehr hohen Fallzahlen und das mutierte Virus schärfere Schutzmaßnahmen. Dass diese auch auf die Hochschulen angewendet werden, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Neben den Universitäten Hamburg, Stendal und Marburg, sind auch die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGUM) und die HSRM zwei weitere Hochschulen, die mit heutigem Stand immer noch an Präsenzklausuren festhalten wollen.

Damit gefährden sie die Gesundheit der Studierenden und deren Umfeld unmittelbar. Studierende, die zurück in ihre Heimatorte gezogen sind, müssten lange Reisen auf sich nehmen, um sich dann in den geschlossenen Räumen der Hochschule einem weiteren hohen Infektionsrisiko auszusetzen. Dabei gäbe es mehrere Alternativen zu den Präsenzklausuren. Diese wurden zum Beispiel für Hessen in der „Verordnung über die Durchführung elektronischer Fernprüfungen“ vom 08. Dezember 2020 geregelt.

Die akademische Bürokratie steht jedoch jeglichen Änderungen im Weg. Die erste Infektion mit dem Corona-Virus wurde in Deutschland am 27.01.2020 nachgewiesen. Man müsste meinen, dass die Hochschulen genügend Zeit hatten, um alle relevanten rechtlichen Fragen zu klären. Doch sie halten an ihren umfangreichen Klausuren zum Auswendiglernen fest. Mit diesen fahren sie sicher.

Die Trägheit einiger Hochschulverwaltungen darf in dieser angespannten pandemischen Lage nicht dazu führen, dass sich tausende Studierende sich und damit auch ihr persönliches Umfeld einem erhöhten Infektionsrisiko aussetzen müssen. Dieses Vorgehen gefährdet potenziell die gesamtgesellschaftliche Lage durch einen weiteren Anstieg der Infektionen. Auch die Hochschulen müssen sich der Pandemielage anpassen.

Eigentlich könnte diese Situation als Chance gesehen werden, um uneffektive Prüfungsformen zu überdenken. Die aktuelle Form des „Bulimielernens“ für Klausuren, die den Stoff aus mehreren Veranstaltungen abfragen, weist die Qualifizierung von Menschen nur unzureichend nach. Das Wissen über das Semester verteilt mit kleineren Abgaben, Projekten, o.Ä. abzufragen, wären Möglichkeiten sinnvollerer Leistungsnachweise. Für solche produktiven Ansätze sind die Hochschuldirektionen von Beginn der Pandemie jedoch nicht zu haben. Bei ihren Entscheidungen werden die Fachschaften nicht miteinbezogen. Sie möchten ihre wirkungslosen Prüfungsformen trotz erheblicher Gesundheitsgefährdung durchsetzen.

Das Dilemma

Als ein „Angebot“ verkauft die Leitung der JGUM ihre Regelung, Klausuren in großen Studiengängen wie Medizin oder Psychologie in Präsenz und lediglich unter der Einhaltung der AHA-Regeln während der Prüfung stattfinden zu lassen. Die Studierenden lassen sich von der beschönigenden Wortwahl aber nicht täuschen – sie merken: Das „Angebot“ ist vielmehr ein Zwang. Zwar können sich die Studierenden freiwillig dazu entscheiden, der Präsenz Veranstaltung fern zu bleiben, dadurch verlängert sich die Studienzeit aber automatisch um ein halbes oder gar ein ganzes Jahr. Es gibt keine digitale Alternative und ohne Klausur wird auch keine Studienleistung anerkannt.

Diese Tatsache stellt viele Studierende vor ein Dilemma. Sollen sie ihre eigene Gesundheit, die ihrer Angehörigen und die ihrer Kommilitonen aufs Spiel setzen und zu den Klausuren erscheinen? Oder sollen sie mit dem Fernbleiben ihren rechtzeitigen Abschluss riskieren und sich in finanzielle Nöte stürzen? Das Problem, dass viele trotz Erkältungssysmptomen unter dem Druck von BAföG und Regelstudienzeiten an Prüfungen teilnehmen, wird noch verschärft,

Die Verlängerung der Studienzeit ist für viele Studierenden finanziell nicht zu stemmen. Laut der Studie „Studieren in Deutschland zu Zeiten der Corona-Pandemie“ hat sich für 40% der erwerbstätigen Studierenden die finanzielle Situation durch Corona erschwert. Für Studierende, die keine oder nur wenig finanzielle Unterstützung aus ihrem Elternhaus bekommen, ist ein schneller Abschluss besonders wichtig. Aber auch solche, die Unterstützung bekommen, leiden häufig unter dem selbstgesetzten Druck, den Eltern nicht zu lange auf der Tasche zu liegen. Dieser Druck wächst weiter an, wenn die Eltern coronabedingt in Kurzarbeit geschickt wurden. Zwar wurde an vielen Hochschulen ein Semester mehr auf die Regelstudienzeit gewährt, aber dabei wird außer Acht gelassen, dass wir bald ins dreieinhalbte Corona Semester starten

Wie weiter?

Die Petition „Take-Home-Klausuren an der HSRM zum Schutz aller!“ haben fast 1.600 Personen unterschrieben. In den Kommentarspalten haben hunderte von den zum Teil dramatischen Situationen berichtet, in welche sie durch die Krise und das verantwortungslose Vorgehen der Regierungen und Universitätsleitungen geraten sind. Ein anonymer Verfasser schreibt:

„Und die Argumentation man könne ja verweigern an der Klausur teilzunehmen, können sich nur Personen erlauben, die nicht darauf angewiesen sind, ihr Studium in der Regelstudienzeit abzuschließen und finanziell abgesichert sind. Ich habe durch Corona meinen Nebenjob zeitweise verloren und bin aktuell vollständig abhängig von der finanziellen Unterstützung meiner Eltern. Das Studium weiter hinauszuzögern kann ich mir nicht erlauben. Bitte denkt an die Gesundheit der Menschen!“

Eine Petition kann ein Ausgangspunkt für Gegenwehr durch die Studierenden an der JGUM und der HSRM sein. Aber sie allein reicht nicht aus, um ausreichend Druck auf die Universitätsleitungen auszuüben. Es braucht endlich eine Offensive der Partei die LINKE sowie den Gewerkschaften ver.di und GEW. Bisher gibt es von dieser Seite nur Appelle an die Regierenden und Verantwortlichen in den Verwaltungen. Stattdessen müssen sie Studierende, Lehrende und das gesamte Hochschulpersonal für ein gemeinsames Programm organisieren, das eine wirkliche Lösung der Probleme liefern kann.

Was wir brauchen

Alle Prüfungen müssen entweder im Onlineformat (Take-Home Klausuren) angeboten werden, oder in eine andere Prüfungsform (Hausarbeiten, mündliche Prüfungen per Videochat, etc.) umgewandelt werden. Prüfungen, die nicht auf diese Weise abgelegt werden können (z.B. praktische Laborprüfungen) müssen so organisiert sein, dass alle Beteiligten die nötigen Persönliche Schutzausrüstung erhalten und die Rahmenbedingungen die nötigen gesundheitlichen Sicherheitsvorgaben erfüllen. Gewählte Komitees aus Studierenden und allen Berufsgruppen an den Universitäten sollten dies zusammen mit den Personalräten und Studierendenvertretungen umsetzen. Sie sollten auch insgesamt die gesamten Prüfungsangelegenheiten demokratisch planen und umsetzen.

Das laufende Semester darf nicht für Regelstudienzeit und Bafög gezählt werden! Damit niemand in der Krise in existenzielle Not gerät, braucht es auskömmliche staatliche finanzielle Soforthilfen für alle. Diese müssen unbürokratisch zu bekommen sein. Die Kosten dafür dürfen nicht auf die Arbeiterklasse abgewälzt werden, sondern durch die Profite der Kapitalisten bezahlt werden.

Stopp aller Mietzahlungen bei krisenbedingtem Lohnausfall oder wenn Studierende nicht mehr von ihren Eltern unterstütz werde können! Enteignung von spekulativem Immobilienleerstand und Schaffung von bezahlbarem Wohnraum für alle.

Alle durch Corona bedrohten Arbeitsplätze müssen erhalten bleiben. Volle Lohnfortzahlung auch während Corona! Verstaatlichung aller von Schließung bedrohten Betriebe unter der Kontrolle der Beschäftigten! Keine Schließung von Krankenhäusern!

Die LINKE und die DGB-Gewerkschaften, insbesondere ver.di und GEW müssen für einen gemeinsamen Kampf für diese Forderungen mobilisieren. Sie haben die Verantwortung den Studierenden und Lohnabhängigen einen Ausweg aus der Krise zu weisen. Es braucht endlich eine Strategie, mit der das Coronavirus ausgemerzt werden kann. Es ist die Aufgabe der Führung der organisierten Arbeiterklasse dies in die Hand zu nehmen.

Der Kapitalismus ist die Ursache für die Kommerzialisierung der Bildung und soziale Ungerechtigkeit in der Uni wie auch anderswo. Deshalb müssen Kämpfe um Verbesserungen im Bildungssystem als Teil des allgemeinen Klassenkampfes für die sozialistische Umwälzung der Gesellschaft geführt werden.

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