Kategorie: Kapital und Arbeit

Der Streik bei Amazon ist erst der Anfang

Mit einem eintägigen Streik haben Beschäftigte in den Amazon-Logistikzentren Bad Hersfeld (Osthessen) und Leipzig am Dienstag ihre Forderung nach mehr Lohn und einer Anerkennung der Tarifverträge für den Einzel- und Versandhandel unterstrichen. Nach Angaben der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di folgte dabei die Mehrheit der Früh- und Spätschicht dem Aufruf zur ganztägigen   Arbeitsniederlegung.


 

„Die Stimmung ist bombig und super“, erklärte uns ein Amazon-Arbeiter in Bad Hersfeld. Neben Gewerkschaftsmitgliedern streikten auch etliche Nichtorganisierte und Beschäftigte mit befristeten Verträgen mit. Einige von ihnen traten am Dienstag der Gewerkschaft bei.

Da das Amazon-Management nach wie vor stur bleibt, sind weitere Streiks in den kommenden Wochen und Monaten wahrscheinlich. „Wir haben genügend Pfeile im Köcher und sind auf eine Steigerung vorbereitet“, sagt ver.di-Streikleiter Heiner Reimann. Mit seinen Löhnen unter Tarif verschaffe sich Amazon ungerechtfertigten Wettbewerbsvorteil gegenüber Versandhändlern, die nach Tarif bezahlten, kritisierte der Gewerkschafter. Der US-Konzern gilt mit einem Anteil von über 25 Prozent am deutschen Internethandel als Marktführer und diktiert die Preise auf dem Online-Buchmarkt.

 

Von einem „historischen Tag“ sprach in ihrem Grußwort auch Janine Wissler von der Linksfraktion im hessischen Landtag, die sich als einzige Landespolitikerin vor Ort solidarisierte. Es sei unerträglich, dass ein wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen wie Amazon in den letzten Jahren öffentliche Fördergelder in zweistelliger Millionenhöhe eingesteckt habe und gleichzeitig 20 Prozent unter Tarif zahle, so Wissler. „Die Menschen wollen, dass die prekären Arbeitsbedingungen bei Amazon beseitigt werden“, erklärte ver.di-Landesleiter Jürgen Bothner: „Es geht hier um die Ehre der arbeitenden Menschen.“ Amazon war im Januar nach einer TV-Reportage über Arbeits- und Wohnbedingungen für spanische Leih- und Wanderarbeiter in das öffentliche Rampenlicht geraten. Solidarisch zeigten sich auch Post-Betriebsräte.

ver.di hatte den Arbeitskampf monatelang vorbereitet. Bei einer Urabstimmung hatten in Bad Hersfeld und Leipzig jeweils über 97 Prozent der Mitglieder im Betrieb für einen Streik votiert. Nun drängt ver.di Amazon zu Verhandlungen über einen Anerkennungstarifvertrag. Das Management lehnt dies bislang strikt ab und behauptet, Amazon gehöre zur Logistikbranche und könne nur die dort üblichen Löhne bezahlen.

 

Tarifbindung ist für Amazon bislang ein Fremdwort. Stattdessen gilt ein von oben verfügtes und nach Standort unterschiedliches „Vergütungssystem“. Damit liegt das Lohnniveau deutlich unter den Einzel- und Versandhandels-Tarifen. In Leipzig müsste Amazon nach Tarif 10,66 Euro Einstiegslohn bezahlen, der reale Satz liegt aber bei 9,30 Euro. Der Einstiegslohn in Bad Hersfeld beträgt 9,83 Euro, der entsprechende Tariflohn in Hessen liegt jedoch bei 12,18 Euro. Somit liegen auch viele Amazon-Arbeiter in Bad Hersfeld mit ihren Einkommen unterhalb der offiziellen Niedriglohngrenze von 1890 Euro (West) brutto. Bei einer Durchsetzung der Forderung nach Anerkennungstarif lägen sie über dieser Schwelle. Während die Amazon-Belegschaft den Tarifvertrag für den Einzel- und Versandhandel anstrebt, haben die Arbeitgeber in der Handelsbranche genau dieses Tarifvertragswerk aufgekündigt. Damit geht es jetzt „ans Eingemachte“. Sollte sich der Arbeitgeberverband mit dem Ziel einer Streichung der Lohnzuschläge etwa für Spätöffnungs- und Nachtarbeit durchsetzen, so hätten viele VerkäuferInnen bis zu 300 Euro pro Monat weniger in der Tasche. Manchen VerkäuferInnen droht die Degradierung zu Regalauffüllern mit erheblichem Lohnverlust. So stehen Amazon und dem Einzelhandel schwere Auseinandersetzungen bevor. Vor allem sind auch ein starker Wille und Solidarität durch andere Gewerkschaften und eine breite Öffentlichkeit nötig.

 

Siehe auch: Streik bei Amazon? Viel Unmut im Betrieb - Heuern, ausbeuten und feuern

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