Kategorie: Kapital und Arbeit

Trauer um „Emmely“: Wer kämpft, kann gewinnen

Ihr Kampf zur Verteidigung des eigenen Arbeitsplatzes gegen eine willkürliche Kündigung war in aller Munde. Jahrelang stand sie unter dem Namen „Emmely“ als Deutschlands berühmteste Verkäuferin im Rampenlicht. Nun erreichte uns die traurige Nachricht, dass Barbara Emme im März 2015 im Alter von 57 Jahren plötzlich und unerwartet an Herzversagen verstorben ist.


 

Barbara Emme war im Berliner Osten schon seit Jahrzehnten ohne Tadel im gleichen Arbeitsverhältnis als Verkäuferin und Kassiererin tätig, als Anfang 2008 das Management der Einzelhandelskette Kaiser's Tengelmann wegen des Verdachts auf falsche Abrechnung zweier herrenloser Pfandbons in Höhe von 1,30 Euro die fristlose Kündigung aussprach. Dies war offensichtlich ein Schlag gegen eine engagierte Kämpferin und Gewerkschafterin und ein Bestandteil systematischer Bestrebungen im Einzelhandel, um ältere, nach Tarif bezahlte Vollzeitbeschäftigte und engagierte Gewerkschaftsmitglieder durch wesentlich schlechter bezahlte Leiharbeiter oder 400 Euro-Kräfte zu ersetzen.

 

Barbara Emme ließ diesen willkürlichen Rauswurf nicht auf sich sitzen und klagte vor dem Arbeitsgericht. Als das Berliner Landesarbeitsgericht in zweiter Instanz die Kündigung skandalöserweise bestätigte, brach sie in Tränen aus. „Als ich sah, dass meine Tochter weinte, konnte auch ich meine Tränen nicht unterdrücken“, erinnerte sie sich.

 

Nicht aufgeben

 

Viele hielten den weiteren Kampf damals bereits für aussichtslos, auch der zuständige ver.di-Sekretär riet ihr, eine Abfindung als Entschädigung für den Arbeitsplatzverlust anzunehmen. Doch Barbara Emme wollte sich mit diesem schreienden Unrecht und dem drohenden dauerhaften Absturz in Hartz IV nicht abfinden und gab nicht auf. Auf ein Angebot der Arbeitsagentur, die ihr über eine Leiharbeitsfirma einen Job bei Kaiser’s für nur noch 6,51 Euro pro Stunde statt der tariflich vereinbarten 12,96 Euro anbot, ging sie nicht ein. Ein engagierter Unterstützerkreis stärkte ihr den Rücken und organisierte bundesweit Solidaritätsveranstaltungen. Sie blieb standhaft und unerschütterlich, trat öffentlich in Erscheinung, wuchs über sich selbst hinaus, lernte viele gleichgesinnte Menschen kennen und erweiterte ihren Horizont.

 

Ihr Rechtsanwalt  Benedikt Hopmann bereitete den Weg für den Gang zum Bundesarbeitsgericht in Erfurt und baute eine Argumentation auf, der sich die Richter anschlossen. Seine Mandantin habe sich keiner Straftat schuldig gemacht und weder Diebstahl noch Unterschlagung, Betrug oder Täuschung begangen, so der Jurist. Barbara Emme habe faktisch ein Berufsleben lang unbeschadet für die Einzelhandelskette gearbeitet. Ein Betrag von 1,30 Euro entspräche allenfalls einem privaten Telefonat oder E-Mail vom Arbeitsplatz oder einer Raucherpause während der Arbeitszeit, so der Anwalt.

 

Ich bin in meinem Leben Barbara zweimal bewusst begegnet. Einmal bei einer Kölner Konferenz zum Thema „Arbeitsunrecht“ im Jahre 2009 und schließlich im Juni 2010 im Bundesarbeitsgericht in Erfurt, als die ganze Republik mit Spannung das Urteil erwartete. Das war für mich ein unvergesslicher Tag und dürfte einer der glücklichsten Tage in ihrem viel zu kurzen Leben gewesen sein. Jubel und Beifall brandete bei den vielen angereisten UnterstützerInnen im Gerichtssaal auf, als der vorsitzende Richter die Kündigung für unwirksam erklärte. Damit hatte sie Anspruch auf volle Nachzahlung aller ihr seit Anfang 2008 zustehenden Lohngelder.„Die Leute haben sich mit mir gefreut, geklatscht und sich umarmt“, erzählte sie strahlend. „Der Richter hat mich rehabilitiert“.

 

Barbara Emme kehrte erhobenen Hauptes an den alten Arbeitsplatz zurück, wurde in den Betriebsrat gewählt und nahm 2012 am langen ver.di-Arbeitskampf im Einzelhandel teil. Ihr früher Tod zeigt auch, dass im alltäglichen, real existierenden Kapitalismus viele arbeitende Menschen mitten im Leben vorzeitig verschleißen und gar nichts davon haben, dass „wir alle immer älter werden“, wie es uns die bürgerliche Propaganda einzuhämmern versucht. Behalten wir Barbara Emme in Erinnerung als Kollegin, die kämpfte, siegte und Geschichte schrieb. Und als Vorbild für die jüngere Generation. Denn wer seine Rechte preisgibt und nicht kämpft, hat schon verloren.

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