Kategorie: Kapital und Arbeit

Nach über sechs Wochen Arbeitskampf in der Druckindustrie: 35-Stunden-Woche verteidigt!

Während in anderen Branchen in den letzten Jahren oftmals sogar ohne eine Sekunde Warnstreik eine deutliche Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich vereinbart wurde, haben die Drucker in über sechs Wochen Arbeitskampf die 35-Stunden-Woche erfolgreich verteidigt. Am 16. Juni 2005 vereinbarten ver.di (Fachbereich Medien) und der Bundesverband Druck und Medien (bvdm) in Wiesbaden einen neuen Manteltarifvertrag, der in wichtigen Teilen bisherige Regelungen zu Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen festschreibt. Mit der Zustimmung durch die gewerkschaftliche Tarifkommission am Donnerstag nachmittag wurde eine der härtesten Tarifauseinandersetzungen der Druckindustrie seit langem beendet.



Zum Auftakt der entscheidenden Verhandlungsrunde in Wiesbaden hatten am Dienstag noch einmal über 500 streikende Beschäftigte der Druckindustrie aus Hessen und Rheinland-Pfalz an einem historischen Ort Entschlossenheit demonstriert. Hier im Hotel Nassauer Hof war 1989 eine wichtige Etappe hin zur 35-Stunden-Woche in der Druckindustrie ausgehandelt worden. Alle Redner aus bestreikten Betrieben betonten dabei noch einmal den Willen, für die Wiedereinsetzung des alten Manteltarifvertrages und die Beibehaltung der 35-Stunden-Woche noch über Monate, notfalls sogar "bis zur Fußball-WM 2006", zu streiken. Sie forderten die Verhandlungskommission mit dem stellvertretenden ver.di-Vorsitzenden Frank Werneke an der Spitze auf, fest zu bleiben und sich auf keine faulen Kompromisse mit dem bvdm einzulassen.
"Wenn wir heute von 35 auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich hoch gingen, würde jeder siebte von uns arbeitslos", erklärte Emmanuel Korakis von der Frankfurter Societätsdruckerei (FSD). "Für uns sind Tarifverträge die Grundlage unserer planbaren Lebensgestaltung. Das lassen wir uns nicht wegnehmen", betonte Viktor Kalla von der Frankfurter Rundschau. Neben den großen Zeitungsdruckereien im Frankfurter Raum waren auch Vertreter kleinerer bestreikter Betriebe aus der Region - bis hin nach Koblenz und Neuwied - zur Wiesbadener Demo angereist.
Zahlreiche schriftliche und mündliche Grußworte aus anderen Branchen und Gewerkschaften machten den Streikenden Mut. "Ihr seid einer der wenigen Leuchttürme, die die Fahnen und die Ehre der Gewerkschaftsbewegung hochhalten", unterstrich der DGB-Regionalvorsitzende Rhein-Main, Harald Fiedler: "In den vergangenen Jahren wurde es leider weitgehend versäumt, wachsam zu sein gegen Angriffe der Arbeitgeber und der Politik, die Hand in Hand uns die unsere Arbeitszeitverkürzung aus der Hand schlagen wollen."
"Euer Kampf könnte auch unser Kampf werden", sagte Uli Breuer vom Hessischen Rundfunk, wo noch in diesem Jahr mit sehr harten Tarifverhandlungen zu rechnen ist. An den gemeinsamen wochenlangen Kampf von Druckern und Metallern für Arbeitszeitverkürzung im Jahre 1984 erinnerte Alfred Matejka vom Betriebsrat des Wiesbadener Metallbetriebs Federal Mogul. Er erinnerte daran, dass vor zwei Jahren die IG Metall im Osten für die 35 Stunden antrat und dafür eine herbe Niederlage einsteckte, weil die Solidarität in der alten BRD nicht vorhanden war und einige Betriebsratsfürsten und Co-Manager damals in der bürgerlichen Presse sich vom ostdeutschen Metallerstreik distanzierten. "Diese Betriebsratsfürsten haben heute das Problem, dass sie im Häuserkampf eine Niederlage nach der anderen hinnehmen müssen. Wir sind nur gemeinsam stark und haben nichts zu verlieren als unsere Ketten" erklärte Matejka unter Beifall.
Auch in schriftlichen Grußworten hatten Gewerkschafter aus den Bereichen Metall, Bahn und Gesundheitswesen auf eigene leidvolle Erfahrungen mit Arbeitszeitverlängerung bzw. betrieblichen Öffnungsklauseln hingewiesen und die Drucker zum Durchhalten ermuntert.
"Arbeitszeitverlängerung ist mit uns nicht zu machen", rief ver.di-Verhandlungsführer Frank Werneke den Versammelten zu: "Eure Demonstration ist eine Ermutigung für die Verhandlungskommission". Frank Werneke war sich der Erwartungshaltung seiner Basis durchaus bewusst und war in den letzten Tage wegen seiner öffentlich geäußerten Kompromissbereitschaft von Basismitgliedern kritisch beargwöhnt worden.
Der 22-stündige Wiesbadener Verhandlungsmarathon gestaltete sich dramatisch. Am Mittwochabend waren Risse im Arbeitgeberlager sichtbar geworden, die auf Konflikte zwischen großen Zeitungsverlegern einerseits und kleineren mittelständischen Druckunternehmen hindeuteten. Dabei sollen einzelne Mitgliedsunternehmen ihrer bvdm-Verhandlungsführung das Misstrauen ausgesprochen und diese als "Weicheier" bezeichnet haben. Insider rechneten stellenweise sogar mit einem "Auseinanderfliegen" des bvdm, womit ver.di ein verlässlicher Verhandlungspartner abhanden gekommen wäre. "Verhandlungen kurz vor dem Scheitern", lautete der Tenor der bvdm-Website am
Mittwochabend. Am frühen Donnerstagmorgen kam es dann doch noch zur Einigung.
Zu den gewerkschaftlichen Zugeständnissen an den bvdm gehören u.a.:
  • Eine sehr geringe Einkommenserhöhung, die den Reallohn weiter untergräbt: 340 Euro Einmalzahlung für das laufende Jahr und 1 Prozent Anhebung zum 1. April 2006 bei einer Laufzeit von 24 Monaten.
  • Eine Sonderentschädigung für ungünstig liegenden Arbeitsbeginn entfällt.
  • Eine Absenkung von prozentualen Überstundenzuschlägen trifft vor allem Nachtschichtarbeiter.
  • Freischichten für besonders schwere Arbeitsbedingungen entfallen für unter 40-Jährige und sind künftig nach Altersgruppen gestaffelt.
  • Mehr Flexibilität durch Einführung von Arbeitszeitkonten und Erweiterung der Samstagsarbeit.
  • Altersfreizeit nur noch für Jahrgänge, die bis Ende 2006 das 58. Lebensjahr vollenden.
Doch diese Zugeständnisse an den bvdm entsprechen bei weitem nicht den ursprünglichen Forderungen und Erwartungen des Arbeitgeberlagers. "Die Arbeitgeber bedauern, dass sie nicht das erreicht haben, was sie sich ursprünglich unter einer Reform des Tarifvertrags vorgestellt haben", erklärte der bvdm in einer Presseerklärung nach Abschluss der Verhandlungen.
Während die gewerkschaftliche Tarifkommission das Verhandlungsergebnis in einer relativ kurzen Sitzung am Donnerstagnachmittag annahm, gab es am Rande der Sitzung von Vertretern aus Streik-Schwerpunktbetrieben wie der Frankfurter Societätsdruckerei, die in der Tarifbewegung bis zuletzt an vorderster Front gekämpft hatten, auch kritische Stimmen, denen die ausgehandelten Zugeständnisse an die Arbeitgeber zu weit gingen.
An Warnstreiks seit dem Ablauf der Friedenspflicht zum 1. Mai 2005 hatten sich bundesweit über 15.000 Beschäftigte in 190 Betrieben beteiligt. Überall waren Gewerkschafter von der hohen Streikbereitschaft positiv überrascht. Ebenso sind in den letzten Wochen und Monaten bundesweit auch zahlreiche Unorganisierte der Gewerkschaft beigetreten. In den letzten Tagen war auch die Forderung nach Ausweitung der Streiks und Einleitung einer Urabstimmung laut geworden.

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