Kategorie: Kapital und Arbeit

Gewerkschaften dürfen ihren eigenen Medienbetrieb nicht hergeben!

Interview mit Petra Werkmann, Betriebsratsvorsitzende der (überwiegend gewerkschaftseigenen) Druckerei Alpha Print Medien (apm) in Darmstadt. Die apm gehört der Beteiligungsgesellschaft der Gewerkschaften IG Metall, ver.di, Transnet und IG BAU (GBG). Derzeit laufen Geheimverhandlungen über einen Verkauf. Die Belegschaft ist dagegen und wehrt sich.


Sie haben den Streik bei apm Anfang September als Akt der Notwehr bezeichnet, weil damals Lohngelder nicht überwiesen wurden. Ist im Betrieb wieder Ruhe eingekehrt?

Löhne und Schichtzuschläge wurden inzwischen bezahlt. Jetzt herrscht Ruhe vor dem Sturm. Seit Wochen geben sich Juristen und andere die Klinke in die Hand. Offensichtlich wird ein Verkauf der Firma vorangetrieben. Beschäftigte und Betriebsrat erfahren aber gar nichts.
Wir wollen keinen Verkauf und werden am 21. Oktober bei der DGB-Demonstration in Frankfurt mit Transparenten auf unsere Situation aufmerksam machen. Dem Hauptredner der Kundgebung, dem IG BAU-Vorsitzenden Klaus Wiesehügel, werden wir unser Anliegen vortragen.

Manche bezeichnen es als Nestbeschmutzung, solche Konflikte öffentlich auszutragen.

Unser Protest hat mit Nestbeschmutzung nichts zu tun. Man muss auch in Gewerkschaften für kritische Diskussionen offen sein.

Warum will die GBG überhaupt apm verkaufen?

Eine offizielle Begründung haben wir nie erhalten. Offenbar wollen die Gewerkschaftsvorstände die Verantwortung abgeben. Sie haben seit 2002 verschiedene Unternehmensvorstände eingesetzt und hatten dabei kein glückliches Händchen. Man hätte viel Geld sparen können, wenn man nicht so viel ins Management gesteckt und Abfindungen dafür bezahlt hätte, daß die ihrem Job nicht gewachsen waren.

Warum lehnen Sie einen Verkauf der apm ab und fordern, dass der Betrieb wieder zu 100 Prozent in Gewerkschaftshänden ruhen soll?

Wir sehen doch, was aus Betrieben wird, die in die Hände von Finanzinvestoren geraten. Diese wollen ja oft nur mit Verlusten aus dem aufgekauften Betrieb ihre Gewinne kaschieren und Steuern sparen. Wir befürchten weitere Entlassungen. Vielleicht haben die Gewerkschaftsvorstände den Kaufinteressenten Druckaufträge über Jahre zugesagt. Oder die Investoren zerschlagen den Betrieb, und andere Druckereien reißen die Aufträge an sich. Wir verstehen uns als gewerkschaftseigene Druckerei und Dienstleister für die Gewerkschaftsbewegung.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem apm-Vorstand?

in Vorstand, der letztes Jahr mit uns ein Sanierungskonzept vereinbart hatte, wurde unter fadenscheinigen Gründen wieder abberufen. Anfang 2006 wurde uns gegen das ausdrückliche Votum des Arbeitnehmervertreters im Aufsichtsrat ein neuer Vorstand vor die Nase gesetzt. Dieser tritt Arbeitnehmerrechte mit Füßen. Kollegen haben Abmahnungen bekommen, weil sie kollektiv den Betriebsrat aufgesucht haben, um sich über die brisante wirtschaftliche Lage des Betriebs zu informieren. Es gab eine Abmahnung gegen die Betriebsratsvorsitzende wegen angeblicher Täuschung und Betrug. Alle Gütetermine beim Arbeitsgericht sind gescheitert, weil der Vorstand nicht kompromißbereit war. Jetzt wird im November verhandelt.

Hat die Belegschaft Ideen für die Zukunftssicherung des Betriebs?

Schon 2002 forderten wir, auf eigenem Grund und Boden zu produzieren. Die Firma hatte ein passendes Grundstück in der Region. Jetzt aber zahlen wir in Darmstadt eine hohe Miete ausgerechnet an den Verleger und Gewerkschaftsfeind Hubert Burda, der hier vor zehn Jahren eine ganze Belegschaft auf die Straße gesetzt hat.
Wir sind eine erfahrene und motivierte Belegschaft. Wir sind überzeugt, daß wir es auch alleine können und keinen brauchen, den wir jeden Monat teuer bezahlen und der dann seinen Job nicht macht. Wir brauchen auch keine teuren Unternehmensberater. Wir brauchen endlich eine kompetente Geschäftsführung aus der Druckindustrie, die das Vertrauen der Belegschaft genießt und mit ihr zusammenarbeitet. Willy Brandt wollte „mehr Demokratie wagen“. Wo soll man denn damit anfangen, wenn nicht in einem Gewerkschaftsbetrieb? Anstatt uns von Managern dirigieren zu lassen, die nur eigene Ziele verfolgen, können wir uns ein Mitarbeiterbeteiligungsmodell mit einem Beirat von Belegschaftsvertretern vorstellen.

Was erwarten Sie von anderen Gewerkschaftern?

Wir erwarten Solidarität und Druck auf die Gewerkschaftsvorstände, den Ausverkauf zu stoppen. Unser Herz hängt an diesem Betrieb. Diese Belegschaft hat keine Misswirtschaft betrieben, sondern hohe Opferbereitschaft gezeigt und auf Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld verzichtet. Wir sind 80 Beschäftigte weniger als 2003. Sensible Produkte wie Streikaufrufe und Mitgliederdaten dürfen nicht in die Hände von Kapitalisten geraten. Eine Gewerkschaft darf einen eigenen Medienbetrieb nicht aus der Hand geben.

Das Interview führte Hans-Gerd Öfinger

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