Kategorie: Kapital und Arbeit

Telekom-Management will massive Lohnsenkung

Interview mit Otto Seckler, Sprecher der ver.di-Betriebsgruppe T-Com Wiesbaden, Bezirksvorsitzender des ver.di-Fachbereichs 9Telekommunikation/IT und Betriebsrat in der Festnetzsparte T-Com.


Warum wurde der Telekom-Vorstandsvorsitzende Kai-Uwe Ricke gefeuert? Der Konzern erwartet doch immer noch einen Jahresüberschuss von über fünf Milliarden Euro.

Dafür gibt es zwei wesentliche Gründe. Zum einen der dahin dümpelnde Aktienkurs. Und zweitens die Tatsache, dass die Festnetzsparte T-Com in sehr kurzer Zeit sehr viele Kunden verloren hat. Erst seit September kann das Unternehmen wieder konkurrenzfähige Preise, etwa Flatrate-Tarife, anbieten. Zuvor war dies durch die Regulierungsbehörde untersagt. In den Wochen vor Rickes Absetzung wurde eine Gewinnwarnung herausgegeben - wenn auch auf sehr hohem Niveau. Für 2006 sind "nur" etwa 5 Milliarden Euro zu erwarten. Gegenüber dem Rekordgewinn von 6 Milliarden Euro im Jahre 2005 ist dies aus Sicht der Aktionäre ein nicht hinnehmbarer Rückgang. Dadurch bedingt ist die Kapitalrendite eben nicht hoch genug. Darum mußte Ricke gehen.

Welche Erwartungen verbinden Telekom-Beschäftigte mit dem neuen Vorstandsvorsitzenden René Obermann?

Ihm wird mehr Führungsstärke nachgesagt, was immer das sein mag. Insider nennen ihn auch Bulldozer. Anders als sein Vorgänger diskutiert er nicht so viel. Ricke war dafür bekannt, dass er sich vor einer Entscheidung jede Meinung angehört hat. Das soll jetzt so nicht mehr stattfinden. Wenn Obermann von "Kostenkultur" spricht, dann verbirgt sich dahinter Lohndrückerei, Lohndumping und die Flucht aus bestehenden Tarifverträgen.

2005 entzündete sich ein Konflikt um die Ankündigung Rickes, bis 2008 außerplanmäßig 32.000 Stellen abzubauen. Nun sollen nochmals 35.000 Beschäftigte in eine T-Service GmbH und weitere 10.000 Callcenterbeschäftigte in einen separaten Betrieb ausgegliedert werden.

Diese Umorganisationen haben nur ein Ziel, nämlich unter dem Vorwand der Kostensenkung, der Qualitäts- und Effizienzsteigerung, bestehende Einkommens- und Beschäftigungsverhältnisse zu zerschlagen. Mit anderen Worten: Lohndrückerei mit Dumpinglöhnen. Der Arbeitgeber behauptet, daß die Einkommen um bis zu 50% gesenkt werden müssten. Das bedeutet für viele Kolleginnen und Kollegen ein Bezahlungsniveau weit unterhalb des Durchschnittseinkommens und die Schaffung von prekären Arbeitsverhältnissen, bis hin zu Armutslöhnen und -gehältern. Dagegen formieren wir zur Zeit Widerstand.

Anfang November drohte SPD-Fraktionschef Peter Struck gegenüber dem Telekom-Vorstand mit einem energischen Eingreifen des Bundes gegen den massiven Beschäftigungsabbau. Der Bund hält noch 30 Prozent der T-Aktien.

Aus der Sicht der Beschäftigten, der Betriebsräte und von ver.di wäre dies positiv. Der Bund ist immer noch größter Einzelaktionär. Man wird allerdings sehen, ob diesen Worten auch Taten folgen. Nach meiner persönlichen Einschätzung hätte er es schon bisher in der Hand gehabt, regulierend einzugreifen, was er aber unterlassen hat. Einzelne regionale Abgeordnete und Regierungsmitglieder wie Heidemarie Wieczorek-Zeul und Brigitte Zypries haben sich öffentlich mit uns solidarisiert. Hessens Ministerpräsident Roland Koch hat uns hingegen lang und breit erklärt, dass er keine Möglichkeit habe, in unternehmerische Freiheiten einzugreifen.

Nun gab es vor einem Jahr allerdings viel Kritik an der Tatsache, dass der damalige Finanz-Staatssekretär Volker Halsch (SPD) als Mann der Bundesregierung im Telekom-Aufsichtsrat die Chance nicht wahrgenommen hat, gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern eine Mehrheit zu bilden und Rickes Personalabbaupläne zu stoppen. Könnte sein Nachfolger Thomas Mirow dies jetzt nicht endlich wettmachen?

Eigentlich ja, das würde aber bedingen, dass Mirow sich auf die Arbeitnehmerseite schlägt. Mir ist nicht bekannt, wie er bisher im Aufsichtsrat entschieden hat bzw. wie er sich entscheiden wird.

Nun wird immer wieder behauptet, die Telekom-Privatisierung habe günstigere Tarife für die Kunden gebracht.

Preissenkungen sind ein Versuch, Marktanteile zu erobern. Erfahrungen lehren uns, dass ein niedriger Preis und niedrige Kosten nie ein Garant für Arbeitsplatzsicherheit oder nachhaltiges volkswirtschaftliches Wachstum sind. Diese "Geiz ist geil"-Mentalität bedeutet nur: Weniger Menschen mit weniger Geld erbringen immer höhere Leistung. Preissenkungen oder Flexibilisierung haben in der Vergangenheit sehr viele Arbeitsplätze zerstört. Den Nutzen hatten nur wenige, die wirtschaftlich betrachtet, sowieso auf der sicheren Seite stehen.

Während etwa Ferngespräche billiger geworden sind, waren Ortsgespräche viel früher günstiger. Vor 20 Jahren konnte man noch für den Preis einer Gebühreneinheit zeitlich unbegrenzt ein Ortsgespräch führen. Auch die Telefonauskunft hat früher nichts gekostet, aber heute zahlt man für eine einmalige Auskunft 1,96 Euro. Im Callcenter-Bereich findet ein unglaublicher Preiskampf und Verdrängungswettbewerb statt, der nur zu einem unguten Ergebnis führen kann. Ich kenne Fälle, in denen Großunternehmen ihre Callcenter zuerst in Billiglohnländer auslagerten und dann wieder zurückholen mußten, weil sie ein fatales Qualitäts- und Effizienzproblem hatten.

Zehn Jahre nach dem Telekom-Börsengang arbeitet die Bundesregierung nun auf einen Börsengang der Deutschen Bahn hin. Was würden Sie den Eisenbahnern empfehlen?

Auf keinen Fall einen Börsengang. Börsengang bedeutet Kapital einsammeln für irgendwelche Maßnahmen und grundsätzlich eine Abkehr von sozialen Errungenschaften, weil nur noch die Interessen einzelner Finanzinvestoren zählen. Ein Börsengang kann weder für die Beschäftigten noch für die Volkswirtschaft etwas Positives bringen. Die langfristige Wirkung auf die Allgemeinheit ist fatal.

Interview: Hans-Gerd Öfinger
gekürzte Fassung in junge Welt 24.11.06

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