Kategorie: Kapital und Arbeit

Meyer Werft: Überleben nur auf Kosten von Massenentlassungen?

Vor Beginn der Corona-Pandemie boomte die Kreuzfahrbranche und damit auch der Bau von Kreuzfahrtschiffen. Die Papenburger Meyer Werft gehört seit 30 Jahren zu den Profiteuren dieser Entwicklung. Meyer hat etwa 3600 eigene Beschäftigte, dazu kommen Mitarbeiter von Fremdfirmen aus der Region und zu Hochzeiten über 3000 Werkvertragsarbeiter vor allem aus Osteuropa.

Bild: der funke


Seit dem Frühjahr 2020 hat die Werft keine neuen Aufträge an Land ziehen können. Meyer ist es nach Verhandlungen mit den Reedereien gelungen, den Bau der vor der Pandemie in Auftrag gegeben Schiffe zu strecken, die dann bis 2025 fertig gestellt werden können. Langfristig stehen 14000 Arbeitsplätze in der Region und 24000 in der gesamten Republik auf dem Spiel.

Die bisher getroffenen Maßnahmen (Kurzarbeit, Produktionsstopp im Sommer und im Dezember 2020) und die Zusage der Reedereien, dass Meyer die georderten Neuaufträge bis 2025 strecken kann, reichen nicht aus. Es gibt in den nächsten Jahren 40% weniger Arbeit und es müssen 1,25 Mrd. Euro eingespart werden, so Seniorchef Bernard Meyer. Das geht nach Auffassung der Werft-Bosse ausschließlich über die Streichung von Arbeitsplätzen.

Der Betriebsrat kämpft für den Erhalt der Stammbelegschaft

Dem Betriebsrat ist es gelungen, bis Ende Juni 2021 Kündigungen zu verhindern, dafür haben die Kollegen auf einen Teil des Weihnachtsgelds verzichtet. Die Meyer-Bosse wollen jetzt möglichst schnell Nägel mit Köpfen machen und Ende Juni mit Massenentlassungen beginnen. Aus der örtlichen Presse konnte man erfahren, dass bis zu 1800 Beschäftigte Gefahr laufen, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Entlassungen sind für die Geschäftsleitung ein Muss, während der Betriebsrat um jeden Arbeitsplatz kämpfen will. Nico Bloem, der Betriebsratsvorsitzende der Werft, erklärte in einer Videobotschaft an die Kollegen, dass Arbeit genug vorhanden sei, dass aber weiterhin viele Arbeiten, die auch von den Werftbeschäftigten zu verrichten seien, von Werkvertragsarbeitern ausgeführt werden. Der Betriebsrat fordert seit Monaten die Herausgabe von Zahlen zur Auslastung der einzelnen Produktionsbereiche und die Anzahl der auf der Meyer-Werft beschäftigten Werkvertragsunternehmen. Diesem Ansinnen sind die Bosse bisher nicht nachgekommen. Dem Betriebsrat ist bewusst, dass nicht alle Arbeiten auf der Werft von der Stammbelegschaft ausgeführt werden können, aber viele Tätigkeiten die von Schlossern, Schweißern, Elektrikern usw. durchgeführt werden, übernehmen momentan noch Fremdfirmen. Der Betriebsrat befürchtet langfristig einen Austausch der Stammbelegschaft gegen billigere Werkvertragsarbeiter.

Mitte Januar demonstrierten über 700 Beschäftigte der Werft gegen das Verhalten der Geschäftsleitung. Ein vom NDR veröffentlichtes Strategiepapier der Bosse, in dem verschiedene Entlassungsszenarien durchgespielt wurden, in denen mit den Zahlen von 600, 900, 1800 Kündigungen und die möglichen Reaktionen in der Öffentlichkeit und das Standing des Betriebsrats operiert wird, hatte unter den Kolleginnen und Kollegen für zusätzliche Wut über das arrogante Verhalten der Meyer-Führung gesorgt.

Nico Bloem machte deutlich, dass es die Meyer-Beschäftigten gewesen sind, die in den letzten 30 Jahren die Werft zu einem führenden Unternehmen im Bau von Kreuzschiffen gemacht haben und die Bosse keinerlei Wertschätzung für diese Arbeit zeigen. In den Gesprächen mit dem BR werde behauptet, dass die Fremdfirmen bessere Arbeit leisteten und die Meyer-Leute zu teuer seien. Mit dem so genannten Strategiepapier werde mit dem Schicksal der Arbeiter gespielt, ohne zu bedenken, dass hinter diesen Zahlen Menschen stünden, Arbeiter mit Frauen und Kindern.

Weiter führte er aus, dass der Betriebsrat bereit sei, auch 24 Stunden am Tag zu verhandeln, um jeden einzelnen Arbeitsplatz zu erhalten, wenn Meyer endlich bereit sei, die entsprechenden Informationen über den Einsatz von Werkvertragsarbeitern vorzulegen.

Solidarität

Die Gespräche zwischen BR und Geschäftsleitung liegen erst einmal auf Eis. Unterstützung erhalten die Kolleginnen und Kollegen von der IG Metall, aber auch von der Linkspartei und der SPD.

Der niedersächsische Bundestagsabgeordnete Victor Perli (Die LINKE) erklärte: „Die Geschäftsführung der Meyer Werft will die aktuelle Krise ausnutzen, um die Stammbelegschaft dauerhaft zu senken. Sie ist dabei ertappt worden, wie sie den Betriebsrat ausbooten und in der Öffentlichkeit gute Miene zum bösen Spiel machen wollte. Die taktischen Spielchen zu den Entlassungen zeigen eine dreiste Geringschätzung gegenüber den Beschäftigten, die jahrzehntelang den Erfolg der Werft erarbeitet haben.

Wir fordern Ministerpräsident Weil (SPD) und die Landesregierung auf, sich klar an die Seite der Beschäftigten zu stellen und deutlich zu machen, dass die Meyer Werft bei einer Massenentlassung nicht mehr mit staatlicher Unterstützung und Steuergeld rechnen kann.“

Franziska Junker aus Hesel, Mitglied des Landesvorstands der Partei Die LINKE ergänzte: „Wir solidarisieren uns mit den berechtigten Forderungen des Betriebsrats, zu deren Durchsetzung ein harter Kampf um jeden Arbeitsplatz nötig sein wird. Neben dem Erhalt der Arbeitsplätze muss auch die langfristige Sicherung der Einkommen der Beschäftigten im Vordergrund stehen.

Das wäre machbar, wenn die Geschäftsführung sich nicht weiter mit Lohndumping durch Leiharbeit und Schein-Werkverträge aus der Verantwortung stiehlt. Die Geschäftsleitung muss endlich ein Konzept vorlegen, das die Sicherung der Arbeitsplätze aller Beschäftigten beinhaltet. Die Rechnung hierfür ist doch ganz einfach: Werkverträge runter und Stammbelegschaft halten!“

Alternative Produktionsfelder

Natürlich ist die Lage auf dem Kreuzfahrtmarkt desolat, aber einfach darauf zu hoffen, dass die Lage sich in zwei, drei Jahren vielleicht wieder ändert und in der Zwischenzeit 1800 Arbeitsplätze abzubauen, zeugt von der Dekadenz der heutigen Kapitalistenklasse. Wir sehen das nicht nur bei Meyer, sondern auch bei den Autozulieferern. Es wird gar nicht erst nach alternativen Produktionsfeldern gesucht, sondern man verlässt sich darauf, dass der Staat schon irgendwie eingreifen wird, um das Schlimmste zu verhindern.

Das Schicksal der Mitarbeiter, die über Jahrzehnte dafür gesorgt haben, dass Meyer zu einem der Großen im Bau von Kreuzfahrtschiffen geworden ist, interessiert die Bosse nicht sonderlich, denn sie haben ihre Schäfchen längst ins Trockene gebracht und ein Vermögen von schätzungsweise 800 Mio. Euro angehäuft. Und selbst mit einer um 40% verringerten Belegschaft werden die Werftbesitzer noch Profite machen, während die entlassenen Kolleginnen und Kollegen auf der Straße stehen und nicht mehr in der Lage sind, ihre Mieten oder die Hypotheken für ihre Häuser zu bezahlen.

Das Verhalten der Werftbosse ist symptomatisch für das kapitalistische System, in dem Arbeiter und Angestellte geschätzt werden, solange die Unternehmer Profite machen. Im Fall einer Krise, wie der jetzigen, wird ein riesige industrielle Reservearmee aufgebaut, um auch langfristig die Löhne der Noch-Beschäftigten zu drücken.

Wir haben mehrfach darauf hingewiesen, dass Meyer stets Wert auf die Weiterqualifizierung der Belegschaft gelegt hat, dass in neuen Produktionsfeldern (Brennstoffzellen) geforscht wird, Kreuzfahrtschiffe mit LNG-Antrieb auf der Werft gebaut worden sind. Kann man diese Erfahrung nicht kurzfristig für neue, innovative Produktionsfelder nutzen?

In der Vergangenheit hat Meyer über 25 Fähren für Indonesien gebaut, die mit Hilfe des Entwicklungsministeriums finanziert wurden. Wie wäre es z.B., wenn die Bundesregierung Meyer den Auftrag erteilen würde Schiffe zur Ortung und Bergung von Munition aus dem 2. Weltkrieg in Nord- und Ostsee oder Krankenhausschiffe, die vor der afrikanischen Küste eingesetzt werden, zu bauen?

Was nun?

IG Metall und Betriebsrat stehen jetzt in der Verantwortung, ihre Ideen umzusetzen. Dazu wird aber ein knallharter Kampf um jeden Arbeitsplatz nötig sein. Meyer hat jahrzehntelang von der guten Arbeit der Beschäftigten profitiert und ein Vermögen in Höhe von 800 Millionen Euro angehäuft. Das steht jetzt den Beschäftigten zu. Keine Entlassungen! Aufteilung der vorhandenen Arbeit auf alle und Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich! Für einen alternativen Produktionsplan unter der Kontrolle der Beschäftigten! Lasst die Belegschaft ran, sie kann es besser! Die Meyer-Bosse sollten jetzt die Geschäftsbücher öffnen und dem Betriebsrat und der IG Metall darlegen, wie es momentan und zukünftig um die Werft bestellt ist. Der Firmensitz muss von Luxemburg zurück in das Emsland verlagert werden. Es ist nicht einzusehen, dass öffentliche Gelder aus Steuermitteln an eine steuerflüchtige Firma ausbezahlt werden sollen.

Ohne eine Veränderung der Eigentumsverhältnisse werden aber alle Bemühungen der Gewerkschaften und der Belegschaft langfristig nicht von Erfolg gekrönt sein. In §2 der IG Metall-Satzung ist als Ziel der Gewerkschaft festgehalten: „Überführung von Schlüsselindustrien und anderen markt- und wirtschaftsbeherrschenden Unternehmungen in Gemeineigentum“. Die Werftindustrie und insbesondere ein Konzern wie Meyer gehört sicher dazu. „Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art. und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden“, heißt es im Grundgesetz-Artikel 15. Daher: Meyer Werft vergesellschaften und unter Arbeiterkontrolle stellen!

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