Kategorie: Kapital und Arbeit

„Da muss sich auf jeden Fall etwas bewegen…“

Mareike, 26 Jahre alt, arbeitet als Pflegekraft im OP. Ihre Ausbildung hat Sie 2017 in Kiel im Bereich Kinderpflege begonnen. Mit einem Wechsel in die Krankenpflege 2021, hat sie diese beendet. Zwei Monate nach ihrer Ausbildung ist sie in das Vollzugskrankenhaus Hamburg gewechselt. Dort musste Mareike 12-Stunden-Schichten arbeiten, was sowohl der Konzentration als auch der Psyche schadet. Mittlerweile arbeitet Mareike in der OP und berichtet uns im Interview von der Situation in der Pflege.

Bild: pixabay/sasint


Was hat dich inspiriert in die Pflege zu gehen?

Bevor ich in die Pflege gegangen bin, habe ich ein Studium in der Biotechnologie angefangen und gemerkt, dass das nichts für mich ist. Ich hatte dann ein paar Monate Zeit etwas zu finden und bin über das FSJ in die Kinderkrankenpflege.

Wie stehen sich deine Erwartungen an den Beruf und die Realität gegenüber?

Ich bin sehr selbstbewusst da ran gegangen und hatte vielen frischen Mut. Ich wusste es wird nicht einfach und hab alles auf mich zukommen lassen. Insofern wurden schon einige Erwartungen erfüllt, aber ich habe es ein bisschen lockerer genommen. Irgendwann war ich dann so weit, dass ich gedacht hab: Okay jetzt breche ich’s ab. Aber man kann mit der Ausbildung in der Krankenpflege schon einiges machen.

Wie würdest du deinen Arbeitsalltag beschreiben, wenn daraus ein Film/Buch entstehen müsste?

Die Realität unterscheidet sich von den ganzen Krankenhausserien. Da trinken alle Kaffee und haben immer viel Zeit. Aber die Zeit geht hauptsächlich für Dokumentationen drauf. Man dokumentiert sich teilweise tot. Das hat juristische Gründe, andererseits ist es aber schwierig, wenn man gleichzeitig Patienten versorgen muss. Entweder ich dokumentiere oder ich versorge Patienten. Letztendlich könnte es jedes Genre von Buch sein. Manchmal eine Komödie, da könnt‘ ich lachen und weinen zugleich. Aber öfters Horror oder Thriller. Klar gibt es schöne Momente, das will ich gar nicht klein reden. Gerade wenn das Team stimmt. Es gibt aber auch Mobbing unter Pflegekräften. Man könnte meinen, wir säßen alle im selben Boot und müssen zusammenhalten. Das wird aber meistens von oben durchbrochen.

Wie vereinbaren sich deine Arbeitszeiten mit einem ausgewogenen Leben?

Ich habe mich relativ schnell entschieden, nicht mehr auf Station zu arbeiten, weil mir diese sogenannte „Work-Life-Balance“ gefehlt hat. Man muss sehr gut organisiert sein, wenn man auf Station arbeitet – gerade, wenn man sich auch um eigene Kinder kümmert. Es gibt dann Probleme, wenn bereits alles durchgeplant ist oder du im Urlaub bist und dann angerufen wirst und mit Nachdruck auf Arbeit gebeten wirst. Das ist nicht mit einer guten und gesunden Freizeitplanung zu vereinbaren. In der OP, wo ich jetzt arbeite, ist das noch bisschen anders. Unter der Woche habe ich nur Frühdienst und am Wochenende frei. Wenn das nicht gegeben ist, sagen Viele, sie wollen raus aus der Pflege, wenn sich nichts ändert. Das kann ich sehr nachvollziehen.

Warum sind die Arbeitszeiten denn so hart?

Ein großes Problem ist der Fachkräftemangel. Das war schon vor der Corona-Krise ein Thema. Aber Corona hat die Probleme nicht nur aufgezeigt, sondern auch verschärft. Es gibt zu wenig Leute, die in die Pflege gehen wollen. Ich habe an einer großen Klinik gelernt und da waren wir zwar ein größeres Team, aber es sind viele schon während der Probezeit gegangen. Es kam auch häufig vor, dass welche während der Ausbildung gegangen sind.

Nebenbei sind dann noch Stellen wegen Kosten gestrichen worden. Meine Erfahrung ist, dass dies an der Fallpauschale liegt. Den Kliniken steht für eine definierte Erkrankung eine gewisse Geldmenge zur Verfügung und dann wird geschaut, wofür am meisten Geld gebraucht wird. Für eine Operation brauchen wir Personal, Material, Ärzteschaft – dann wird am Personal gekürzt. Vor allem benötigtes Personal für die Zeit nach der OP wird abgebaut. Es werden einfach – meistens bei privaten Krankenhäusern – Stellen aufgrund der Kosten gestrichen. Dass führt dazu, dass zu wenig Personal auf zu viel Patienten fällt, was besonders bei der Mobilisierung eines Patienten zum Problem wird.

In Deutschland haben wir vergleichsweise viele Betten, aber zu wenig Personal. Das kann aufgrund von Gesetzen dazu führen, dass Betten geschlossen werden. Hast du ähnliches schon mal beobachtet?

Ja, zum Beispiel auf meiner Examensstation. Wir waren bereits wenig Personal. Als Corona kam wurde Personal auf die Corona-Stationen verlegt. Dann waren wir noch Wenigere und es kam zur Bettenschließung, wodurch ich dann sehr große Schwierigkeiten hatte, Examenspatienten zu finden.

Inwiefern beeinträchtigten Fallpauschale und Unterbesetzung die Qualität eines Krankenhauses oder die Versorgung eines Patienten?

Ich kann zwar nicht aus der Zeit davor berichten, aber meinem Empfinden nach, wurde es mit der Fallpauschale schlimmer und die Qualität des Pflegedienstes mangelt dadurch ganz klar. Es ist logisch, dass mit dem Streichen von Stellen, immer mehr die Frage aufkommt, wer sich um den Patienten kümmert. Es wäre eigentlich ein schöner Beruf, das möchte ich nochmal betonen, aber definitiv nicht unter den jetzigen Umständen. Deshalb gehen viele aus der Pflege. Man sagt bei uns, die Halbwertszeit einer Pflegekraft liegt nach dem Examen bei ca. 2-5 Jahren.

Gerade bei Unterbesetzung kommen viele Probleme auf. Beispielsweise, wenn Pflegekräfte fehlen, um einen Patienten zu mobilisieren. Oder auch Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Logopäden, usw. die hauptsächlich mobilisieren. Wenn Fachkräftemangel herrscht, dann liegt der Patient immer im Bett und die Nachsorge seiner Wunden und Verletzungen kann nicht gewährleistet werden. Dadurch können sich wiederum andere und neue Krankheiten entwickeln. Während meiner Ausbildung habe ich oft gedacht: Oh Gott, ich bin psychisch und körperlich über meine Grenzen gegangen. Besonders weil ich in der Neurologie viele Menschen hatte, deren Eigenständigkeit sehr eingeschränkt war, die sich nicht bewegen und nicht sprechen konnten Da stand ich teilweise alleine da. Ich hatte auch oft nicht den Mut nachzufragen, ob mir jemand hilft. Ein großes Thema, weil jeder beschäftigt war. All diese Prophylaxe, die man in der Ausbildung lernt, um Patienten zu mobilisieren, sind in der Realität gar nicht anwendbar. Hier driften Theorie und Praxis weit voneinander ab. Das Optimum ist gar keine Realität bei uns.

Auf einer Skala von Eins bis Zehn (1 ist Sehr stark), wie stark ist deine Arbeitsumfeld unterbesetzt?

So wie ich es jetzt im OP mitbekomme, würde ich sagen drei oder vier. Es ist kein Dauerthema, über das jeder die ganze Zeit spricht, aber jeder weiß, dass wir unterbesetzt sind. Man schaut, wie das alles zu planen ist und irgendwie geht es doch immer. Aber das will ich nicht mehr hören, denn irgendwann geht es dann nimmer. In der OP ist es schon krass, aber auf Station sowieso. Da würde ich auf der Skala eins sagen. Mein Respekt geht an alle, die auf Station arbeiten müssen. Generell an alle im Gesundheitswesen.

Wo siehst du Gründe für die Unterbesetzung generell und bei euch im Krankenhaus?

Ein Grund ist der geringe Nachwuchs in der Pflege. Vor allem aber auch gestrichene Stellen und die Privatisierung des Gesundheitswesens. All das Spielt mit rein. Es ist auch auf die Arbeitsbedingungen, wie den Zeitdruck, zurückzuführen. Ich habe bereits die Halbwertszeit von Pflegenden erwähnt und dass ich auch überlegt habe eine andere Ausbildung zu machen. Ich hätte dann wahrscheinlich den pharmazeutisch-technischen Assistenten gelernt. Aber dann denk ich mir immer: Der gesamte Gesundheitsbereich ist krank. Und wenn das System, das eigentlich kranken Menschen helfen sollte, selbst krank ist, dann möchte ich eigentlich raus und dass sich was verändert.

Inwieweit merkst du bei euch den Fachkräfte- bzw. Kräftemangel?

Ja, wir sind zu wenig! Wir sind ein kleines Team von 20 Leuten und es fehlen und es gehen auch Leute. Gerade erst ist eine Kollegin gegangen, deren Stelle ich jetzt habe. Wir haben vier Säle: Allgemeine Chirurgie, Gynäkologie, Unfallchirurgie und noch einen gesonderten Saal, wo z.B. Patienten mit Infektionen reinkommen. Es ist schwierig mit der knappen Anzahl an Kollegen das OP-Programm zu koordinieren. Es kann jeder Zeit ein Notfall kommen, dann muss immer jemand parat sein. Dann wird geschaut, welche Säle parallel fahren können, wie viele Patienten wir parallel abarbeiten können, aber wir sind knapp besetzt. Wenn jemand krank wird oder fehlt, werde Ich mit Nachdruck gebeten aus meiner Freizeit in die Arbeit zu kommen. Wenn ich etwas Schönes geplant habe, finde ich das nur ungerechtfertigt, wie hier mit Menschen umgegangen wird! Erholung durch Freizeit ist in jedem Job wichtig. Diesen Ausgleich gibt es aber nicht.

Es gibt eine Umfrage der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Dort heißt es, 50 Prozent der Pflegekräfte leiden an drei oder mehr Muskel-Skelett-Beschwerden. 60 Prozent an drei oder mehr psychosomatischen Beschwerden. Kannst du dich oder dein Arbeitsumfeld in diese Studie einordnen?

Bei uns in der OP tragen wir häufig Röntgenschürzen. Die haben ein enormes Gewicht und schützen die Organe vor Röntgenstrahlen. In der OP gibt es eine Person, die instrumentiert und eine die alles außen rum macht. Ich instrumentiere zwar nicht, aber diejenige Person hat keine Gelegenheit sich hinzusetzen. Ich kann mich wenigstens – zwar mit Schürze – paarmal hinsetzen und nur beobachten. Es gibt einige, die Probleme mit den Schultern oder dem Rücken haben. Dadurch kommt es auch zu Krankheitstagen oder einem Bandscheibenvorfall.

Vor Corona, aber vor allem seit Corona sagen immer mehr Pflegekräfte, dass sie an Depressionen erkrankt sind. Zu psychischen Schäden bei uns weiß ich nichts Genaues. Wir tragen immer Verantwortung, haben immer Druck, aber immerhin geregelte Abläufe. Ich habe auch schon OPs gesehen, die chaotisch waren und das fand ich auf Dauer psychisch belastend.

Substanzmittel- und Alkoholmissbrauch ist auch ein großes Thema bei Pflegekräften und vor allem auch bei Ärzten. Die können sich das Rezept mehr oder weniger selbst ausstellen. Ich habe das auch im Vollzugskrankenhaus bei den Patienten mitbekommen. Aber das von der anderen Seite zu beobachten, finde ich interessant.

Ein großes Thema in der Pflege ist die Leiharbeit, da sie mehr Freizeitgestaltung und Gehalt bietet. Inwieweit ist das ein Thema für dich oder euch auf der Station?

Im normalen Krankenhaus habe ich das erlebt. Da haben einige gesagt: Ich gehe jetzt in die Leiharbeit von einem externen Unternehmen. Solche Pflegekräfte arbeiten, dann ein paar Monate auf der einen Station, dann in einem ganz anderen Krankenhaus. Das hat Vorteile, wenn man, wie ich einen geregelten Zeitablauf braucht. Du kannst selbst entscheiden, in welche Schicht du möchtest. Mir würde aber ein festes Team fehlen, von dem ich weiß, dass es immer hinter mir steht. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass der höhere Lohn zu Anfeindungen gegenüber Leiharbeitern führt. Aber es gibt bestimmt gute Teams, die sie gut integrieren, auch wenn es nur für ein paar Wochen ist.

Dazu kommt, dass man viele Bereiche abdecken und sich immer neu einarbeiten muss. Da braucht man schon ein dickes Fell. In meiner Ausbildung war das ähnlich. Da habe ich alles durchwandert. Und das erste was ich machen musste ist nachzuschauen, wer ist wer oder wo ist was. Das hat mindestens eine Woche gebraucht. Also Hut ab vor denen, die sich das antun.

Bist du Mitglied in einer Gewerkschaft und inwieweit konnte sie dir helfen?

Während meiner Ausbildung war ich lange bei ver.di, ich bin aber ausgetreten, als ich ins Vollzugskrankenhaus gewechselt bin, weil ich in die dort spezifische Gewerkschaft wollte. Jetzt möchte ich wieder in eine Gewerkschaft eintreten und aktiv sein. Mich hat beeindruckt, was viele Mitauszubildende in einer Gewerkschaft geleistet haben. Dass sie sich mit Kraft und Zeit eingesetzt und Demos organisiert hatten; ich leider nicht. Ich war in der Gewerkschaft, um meinen Beitrag zu zahlen, damit Geld für Demos und Streiks zur Verfügung stand.

Ich würde mir wünschen, dass sich mehr tut. Ich möchte mich auch in der Gewerkschaft mehr einbringen. Zu lange haben Pflegekräfte geschwiegen. Ich habe mal mit einer etwas älteren Pflegekraft gesprochen, die gesagt hat: „Wir haben es verbockt, weil wir hingegangen sind, wenn die Leute krank gewesen sind; weil wir hingegangen sind und uns immer dafür hingehalten haben und die ganze Last auf uns ausgetragen wurde. Wir haben nie etwas gesagt und sind immer zur Arbeit gegangen. Wir haben zu wenig gemacht und zu lange geschwiegen!“ Es gibt leider aber auch viele, die sich bewusst dagegengestellt haben, weil sie dachten es bringt nichts. Aber das ist falsch. Es bringt nur nichts, wenn sich keiner einbringt. Dasselbe gilt auch für den 8. März.

Denkst du es muss sich lohntechnisch was bewegen und inwieweit bist du mit deinem Lohn zufrieden?

Ich bin im Funktionsdienst und verdiene ein bisschen mehr als auf Station. Aber die Kolleginnen auf Station, hätten wesentlich mehr Gehalt verdient. Die sind meiner Meinung nach unterbezahlt. Das ist auch ein großer Grund warum so wenige in die Pflege gehen. Bei mir im Funktionsdienst komme ich gut mit dem Gehalt klar. Ich lebe aber auch sparsam. Das müssten bei mir knapp über 3000 Euro brutto sein, netto knapp über 2000 Euro. Dennoch finde ich dieses Gehalt nicht ausreichend. Das ist nicht nur in meinem Beruf so, sondern in nahezu jedem, bei dem man eine ähnliche Verantwortung hat. Wir haben tagtäglich mit Menschenleben zu tun. Wenn wir nicht sauber arbeiten, sterben Menschen!

Welche Veränderungen wünscht du dir in der Pflege und wo würdest du als erstes beginnen?

Ich würde immer sofort auf die Fallpauschalen zurückkommen. Man müsste auch die Privatisierung wieder rückgängig machen und uns Pflegekräften mehr bezahlen. Aber auch der Profit, der auf den Rücken von Menschen gemacht wird, die Hilfe brauchen und die Ausbeutung der Beschäftigten. Da muss sich auf jeden Fall etwas bewegen, sonst kann es gut sein, dass auch ich bald aus der Pflege raus bin. Ich habe die Bonuszahlung von der Regierung bekommen und damit sagt die Regierung, dass wir zu wenig verdienen. Aber nur eine Bonuszahlung ist zwecklos.

Gerade weil Corona das alles verschärft hat, sind auch einige während meiner Ausbildung gegangen, weil sie das nicht mitmachen wollen. Da ist ein ganzer Schwung weg. Es gibt aber auch viele alte Kollegen, die in Rente gehen. Dass darf man auch nicht vergessen. Im Hinblick auf die wenigen Azubis ist das ein Problem. Ich hatte eine Kollegin, die war als erstes in der Altenpflege und ist dann ins Krankenhaus und in den Pflegepool gewechselt. Das passiert auch häufig, dass sich Pflegekräfte Nischen suchen, also wo die Situation nicht ganz so angespannt ist. Sie suchen sich entweder Nischen oder gehen aus der Pflege. Es ist einfach eine traurige Situation. Und es wird nicht besser.

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