Kategorie: Kapital und Arbeit

Erlebter Tatsachenbericht: Ausbeutung durch Zeitarbeit

Ich berichte heute über das Thema Zeitarbeit, welche Chancen und Probleme sie bietet, aber nicht aus theoretischer Sicht, sondern aus eigener Erfahrung.


Nachdem mir in meiner vergangenen beruflichen Laufbahn zweimal betriebsbedingt gekündigt wurde, ich eine selbst gewählte vermeintliche „Qualifizierungsmaßnahme“ des Arbeitsamtes durchlaufen hatte, war ich wieder mal erwerbslos.

Hartz IV mit seinen Problemen hatte zwischenzeitlich auch schon an meiner Pforte angeklopft und es wurde Zeit, irgendeinen Ausweg aus diesem Albtraum zu finden.

So dachte ich mir, der einzige Ausweg aus dieser Misere sei Zeitarbeit; schließlich kann man hierbei ja auch das Glück haben, einen festen Arbeitsplatz zu ergattern, z.B. wenn man an ein Unternehmen „verliehen“ wird, welches in Zukunft plant, die Stelle auch langfristig intern zu besetzen.

Eigentlich lehne ich Zeitarbeit ab, weil hierdurch der Mensch zur Ware wird, mit dem die Zeitarbeitsunternehmen (nachfolgend ZU genannt) finanziellen Gewinn machen wollen.

Wenn man ernsthaft darüber nachdenkt, kann man durchaus Vergleiche zur Prostitution und Zuhälterei ziehen (vor allem wenn man darauf achtet, welchen Lohn der Arbeitnehmer erhält und was das ZU vom Kunden erhält!). Aber das ist ja alles legal in unserem System und im neoliberalen Sprachgebrauch nennt man es einfach eine Chance für erwerbslose Menschen.

Das ZU wirbt mit dem Slogan: „Wir verleihen Ihnen qualifiziertes Fachpersonal, schnell, effizient, zu fairen Preisen und ohne Risiko. Gefällt der Mitarbeiter Ihnen nicht wird er umgetauscht, solange bis was Passendes für Sie und Ihr Unternehmen dabei ist. Das ist sozusagen unsere mitgelieferte Qualitätsgarantie!“

Anspruch und Wirklichkeit

Anfang Mai wurde mir bei einem der größten ZU in Mainz ein Zweimonatsvertrag angeboten, wo ich erstmals als Chefsekretärin eine vierwöchige Krankheitsvertretung übernehmen sollte.

Da man sich wohl schämte, mir einen 4-Wochenvertrag anzubieten, wurde mir großzügigerweise ein 8-Wochenvertrag angeboten. Im 2. Monat sollte ich als Sachbearbeiterin intern im ZU arbeiten.

Die ersten 4 Wochen waren okay, aber langweilig und logischerweise ohne jegliche persönliche Perspektive für mich. Doch im 2. Monat wurde es für mich spannend!

Ich saß im Großraumbüro zusammen mit 3 Disponentinnen und der Niederlassungsleiterin. Mein Vertrag wurde verlängert bis Ende September, weil intern durch die Urlaubszeit etc. ein Personalengpass entstanden war, den ich ja dann auffangen und kompensieren konnte. Für mich war dies eine wunderbare Gelegenheit, Einblicke zu bekommen wie die Zeitarbeit funktioniert und welche Vor- und Nachteile es für arbeitssuchende Menschen dort gibt. Außerdem konnte ich erkennen, wer am meisten davon profitieren würde.

Bei diesem ZU gibt es einen Betriebsrat, was mich auch irgendwie beruhigte. Das ist sehr wichtig anzuführen, denn das Vorhandensein dieses Betriebsrates stellt für die überbetrieblichen Mitarbeiter (nachfolgend ÜM genannt) eine Blockade für eine unbefristete Anstellung dar.

Die jeweiligen Disponenten müssen bei jeder Kündigung ihrerseits dem Betriebsrat (BR) einen Bericht darüber erstatten, warum sie den ÜM entlassen haben. Hat der ÜM keine schwerwiegenden Vertragsverletzungen begangen ist es für den zuständigen Disponenten sehr schwer sich von dem Mitarbeiter zu trennen. Dies kann aber erforderlich sein, weil beispielsweise keine neue Einsatzmöglichkeit in absehbarer Zeit für den ÜM gefunden werden kann. Dann ist er nur ein Kostenfaktor fürs ZU, weil er keinen Gewinn einfährt.

Dadurch werden die ÜM mit ziemlich kurzfristigen Zeitverträgen hingehalten, denn nach mehrfacher Verlängerung und einer bestimmten Frist müsste das ZU den ÜM unbefristet einstellen. Daher lässt man den Vertrag einfach sang- und klanglos auslaufen. So hat man sich ganz legal den gesetzlichen Bestimmungen entzogen und kriegt auch keine Probleme mit dem Betriebsrat. Nach diesen Regeln läuft das Tagesschäft eines Disponenten bei einem ZU. Die Disponenten sehen sich selbst als Handlager, die den Profit der Firma zu steigern haben. Dieses Gefühl wird auch verschärft durch die wöchentlichen Gespräche mit der Niederlassungsleitung, wo es hauptsächlich um Gewinnzahlen geht und die Disponenten somit unter Druck gesetzt werden besser zu funktionieren und schlauer zu disponieren, denn die Gewinnkurve der Niederlassung soll natürlich permanent nach oben verlaufen.

Die Disponenten einer solchen Firma sind nicht um ihren Arbeitsplatz zu beneiden und leiden sehr unter dem Druck, dem sie ausgesetzt sind. Ich habe viele Tränen und Verzweiflung gesehen. Aber die ganz großen Verlierer dieser kapitalistischen Praxis sind die überbetrieblichen Mitarbeiter. Sie stehen nach der 4. Verlängerung wieder unverschuldet beim Arbeitsamt vor der Tür und suchen in vielen Fällen die Schuld wieder mal bei sich selbst. Das Kapital des ZU haben sie vermehrt, dem Unternehmen, in welchem sie eingesetzt waren. Sie haben sie gute Dienste geleistet und aus dem Personalengpass rausgeholfen. Aber sie selbst stehen in den meisten Fällen wieder auf der Straße, trotz Gesetzes und trotz Betriebsrats. Nach fünf Monaten Einblick kann ich nur sagen: Zeitarbeit dient nur dem Kapital und macht die abhängig Beschäftigten zu Sklaven ohne jegliche Rechte und Sicherheiten.

 

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