Kategorie: Kapital und Arbeit

Wie auf einer römischen Galeere

"Die Zeiten der Sozialpartnerschaft sind vorbei. Das Kapital hat den sozialen Konsens aufgekündigt", erklärte Conrad Schuhler vom Münchner Institut für Sozial-Ökologische Wirtschaftsforschung eV. vergangenen Mittwoch in seinem Vortrag auf einer regionalen Betriebsversammlung der Deutschen Telekom in Limburg. Schuhler, der sich ebenso intensiv wie kritisch mit den Hintergründen des forcierten Arbeitsplatzabbaus bei der Deutschen Telekom befasste und hierzu schon mehrfach zu regionalen Betriebsversammlungen geladen war, fand in den über 1000 versammelten Telekom-Beschäftigten aus Hessen und Rheinland-Pfalz in der Stadthalle der Domstadt an der Lahn aufmerksame Zuhörer.

 

Dass Schuhlers Appell, jetzt auf Kampf und Konflikt zu setzen und um jeden einzelnen Arbeitsplatz zu kämpfen, den Erfahrungen der versammelten Telekom-Beschäftigten entsprach, zeigte das lebhafte Echo auf eine Protestaktion in der Betriebsversammlung. Gewerkschafter hatten sich die Gewänder römischer Sklaven angelegt, die, angetrieben von einem Trommler, auf einer römischen Galeere ruderten. Einige (unproduktive) Sklaven wurden über Bord geworfen, die Galeere wurde immer langsamer und schließlich landeten die übrig gebliebenen und völlig ausgelaugten Sklaven auf einer Galeere mit dem Namen Vivento. Vivento ist die Bezeichnung für eine Personal-Service-Agentur, eine Art konzerninterne Arbeitsagentur, in die "überschüssige" Telekom-Beschäftigte abgeschoben werden. Hierzu stellte der Frankfurter Betriebsratsvorsitzende Gerd Grönitz fest: "Eigentlich hat sich in den letzten 2000 Jahren im Umgang mit den "Untertanen" nicht viel verändert. Auch die eingesetzten Methoden unterscheiden sich nicht wirklich. Damals gab es Trommel und Peitsche und zur Belohnung den Abtransport in den Zirkus."

Während ein Vertreter des Telekom-Managements auf der Betriebsversammlung Konkurrenzdruck und Globalisierung als Rechtfertigung für den geplanten Abbau von 32000 Arbeitsplätzen bis 2007 heranführte und den Beschäftigten ein "freiwilliges" Ausscheiden schmackhaft machen wollte, unterstrichen Vertreter von Betriebsrat und Gewerkschaft ver.di, daß die Beschäftigten für hohe Gewinne, eine massive Entschuldung des Konzerns und gute Dividenden für die Aktionäre gesorgt hätten und keine Dispositionsmasse für Vorstände und Aktionärsinteressen seien.

Aufmerksam verfolgten die Versammelten Schuhlers Ausführungen. Die Globalisierung sei keineswegs ein technologischer Sachzwang, sondern ein politisches Fabrikat, so Schuhler. Dabei sei es schon ein politisches Faktum, daß die Konzerne im "Mutterland" überhaupt riesige Kapitalüberschüsse erzielten, für die sie dann weltweit Anlagemöglichkeiten suchten. Der Export von Kapitalüberschüssen werde nicht nur geduldet, sondern auch steuerlich gefördert. EVA, also der vom Unternehmen zu den Kosten hinzugefügte "Mehrwert" (Economic Value Added) sei auch offiziell der unternehmerische Steuerungsfaktor der Telekom. Im Klartext bedeute dies, dass das Unternehmen ein höheres Ergebnis anstrebe, als die Kapitalgeber mit ihrem Geld irgendwo sonst auf der Welt erzielen könnten: "EVA soll also höher sein, als die Kapitalisten mit ihrem Geld an den Börsen der Welt von den Cayman Islands bis nach Hongkong an Zinsen erzielen könnten."

Auch bei der Telekom würden somit unternehmerische Entscheidungen prinzipiell danach getroffen, ob sie den Aktionären einen höheren Kurs oder eine höhere Dividende bringen, erklärte Schuhler. Der frühere "Sozialpartner", die Belegschaft, sei jetzt bloß noch Personalaufwand, der wie Materialaufwand zu minimieren sei. Früher habe ein Kapitalist einen Arbeiter eingestellt, wenn dessen Arbeitsleistung mehr an Wert brachte als der Arbeiter selbst kostete und dieser Wert über dem nationalen Kapitalzins lag. Diese Zeiten seien längst vorbei. Denn während der Diskontsatz in Deutschland derzeit bei 2% liege und die Geldzinsen, die Banken zahlen, eher noch darunter, verlange die Telekom eine Verzinsung von 8%, einen auch im globalen Maßstab hohen Zins. Wenn dieser Maximalzins durch die Arbeitsleistung der Beschäftigten nicht hereinkomme, dann werde eben entlassen bzw. nicht eingestellt. Arbeit bei der Telekom müsse sich also um das Vierfache besser rentieren als die normalen Geldzinsen im Land betrügen. Dieser Druck entfache die aktuellen Diskussionen um eine "Flexibilisierung" des Arbeitsmarkts.

Schuhler verwies darauf, dass selbst der Porsche-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Uwe Hück, der nicht klassenkämpferischer Parolen verdächtigt werden könne, die Folgen der Globalisierung mit den Worten auf den Punkt gebracht habe: "Die Globalisierung hat eins gebracht: dass die Arbeitgeber sich nach den Gehältern der Amerikaner richten und die Arbeitnehmer sich nach denen der Chinesen." Die Unternehmensteile in Deutschland, so Schuhler, seien die Melkkuh für die gewaltige und sich beschleunigende weltweite Expansion der Telekom, vor allem in den USA. Diese Globalisierungsstrategie habe für die Beschäftigten negative Folgen.

Nach den offiziellen Zahlen des Konzerns sei von 2003 auf 2004 der Umsatz um 3,7% gestiegen, die Zahl der Beschäftigten hingegen um 1,5% gesunken. Das Geschäftsergebnis sei "um sagenhafte 368% in die Höhe geschnellt", der "Personalaufwand" jedoch um 2,7% zurückgegangen. "Die höchst profitable Entwicklung der Telekom geht eindeutig zu Lasten der Beschäftigten", lautete Schuhlers Fazit, der die Versammelten dazu aufrief, sich nicht mit Vorruhestand oder Abfindungen abspeisen zu lassen, die in den meisten Fällen nur den Weg in die Altersarmut wiesen. Daher sei ein zäher Kampf um jeden Arbeitsplatz angesagt: "Das Interesse der Menschen an Arbeit und existenzsichernden Einkommen ist moralisch höher zu bewerten als das Profitstreben der anderen Seite", erklärte Schuhler zum Abschluss seiner Vortrags, der im Saale viel Beifall und Zustimmung fand. Denn die Kapitaleigner wollten ihren kurzfristigen Höchstprofit: "Und wenn der in diesem Unternehmen und in dieser Branche nicht mehr zu erzielen ist, dann wird eben Unternehmen und Branche gewechselt."

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