Kategorie: Kapital und Arbeit

"35 Stunden-Woche zäh verteidigen"

Alfred Matejka ist Betriebsratsvorsitzender des Federal Mogul-Werks (ehemals Glyco Metallwerke) in Wiesbaden.
Der Betrieb mit 1600 Beschäftigten ist ein bedeutender Zulieferer für die Automobilindustrie.
Betriebsrat, Belegschaft und IG Metall wehren sich derzeit gegen Versuche des Konzernmanagements, die 35 Stunden-Woche im Werk wieder abzuschaffen.



Die Wiesbadener Lokalpresse hat unlängst der Belegschaft von Federal Mogul Wiesbaden empfohlen, auf die 35 Stunden-Woche zu verzichten. Was halten Sie von diesem Rat?

Das ist schon auffällig: Wenn die Geschäftsleitung ruft, steht gleich eine halbe Seite in der Zeitung. Erklärungen der IG Metall sind höchstens eine kleine Meldung wert. Seit Monaten versucht die Geschäftsleitung, eine Arbeitszeitverlängerung ohne Entgeltausgleich durchzudrücken. Sie koppelt dies mit der Zusage von Investitionen in Höhe von rund 30 Millionen Euro.

Als Betriebsrat und Gewerkschaft haben wir von Anfang an eine Arbeitszeitverlängerung ausgeschlossen. Wir sind zu Verhandlungen über Kostenstrukturen bereit, aber eine Arbeitszeitverlängerung lehnen wir ab, denn dies bedeutet noch zusätzlich den Abbau von 100 bis 200 Arbeitsplätzen.

Wie hat sich der Konflikt mit der Geschäftsleitung entwickelt?

Wir haben Ende 2006 Verhandlungen zwischen IG Metall und Betriebsrat einerseits und Arbeitgeberverband Hessenmetall und Geschäftsleitung andererseits aufgenommen. Ein vom Betriebsrat bestelltes Gutachten hat gezeigt, daß in den vergangen Jahren im Werk Wiesbaden immer Gewinn gemacht wurde. Hier sind zudem noch zentrale Konzernfunktionen angesiedelt, die auch Kosten verursachen und das Ergebnis drücken.

Wir stehen sicherlich durch den weltweiten Wettbewerb unter Druck. Statt Arbeitszeitverlängerung haben wir der Geschäftsleitung angeboten, die Arbeitszeit zu flexibilisieren, zusätzliche Schichten und eventuell auch Wochenendarbeit einzuführen. Im Durchschnitt müsste aber immer noch 35 Stunden gearbeitet werden. Wir hatten sogar - auf drei Jahre befristet - einen Abschlag von der bevorstehenden Entgelterhöhung angeboten, weil es einfacher ist, etwas anzubieten, was man noch nicht hat. Das wäre noch am ehesten zu verkraften. Jetzt kommt es drauf an, wie weit sich das Management bewegt.

Schon jetzt kann laut Tarifvertrag bei hohen Auftragsvolumen in einzelnen Bereichen befristet 40 Stunden gearbeitet werden, aber durch Freizeitausgleich muß dann im Jahresdurchschnitt die 35 Stunden-Woche eingehalten werden.

Kritiker bezeichnen Ihre zähe Verteidigung der 35 Stunden-Woche als Dogmatismus.

Wir sind der letzte Betrieb im Federal Modul-Konzern mit 35 Stunden-Woche. Wer in der Galvanik, im Akkordbereich, im Prämienlohnbereich oder auch in den Büros arbeitet, der ist mittlerweile einem derart starken Streß ausgesetzt, daß 35 Stunden voll ausreichen. Jede Verlängerung würde noch mehr an der Gesundheit kratzen.

1984 war unsere Belegschaft im Kampf um die 35 Stunden-Woche sechs Wochen lang ausgesperrt. Die damalige Geschäftsleitung ließ das Gelände mit NATO-Stacheldraht umzingeln. Diese Erfahrung haben mehrere hundert Kolleginnen und Kollegen gemacht, die noch heute im Betrieb sind. Auch deshalb halten wir an der 35 Stunden-Woche fest.

Ist die Bereitschaft der Belegschaft ungebrochen?

Wir haben gut 80 Prozent Organisationsgrad. Ende März wurden die IG Metall-Mitglieder im Betrieb per Mitgliedervotum befragt. Von über anwesenden 1000 Mitgliedern, die abstimmten, haben 96,9 Prozent für den Erhalt der 35 Stunden-Woche votiert. Dieses Ergebnis zeigt, dass wir als Betriebsrat und IG Metall mit unserer harten Linie richtig liegen. Bei den letzten Betriebsversammlungen wurde das Management ausgepfiffen.

Wie geht es weiter? Was würden Sie anderen Belegschaften empfehlen?

IG Metall und Betriebsrat werden sich weiterhin für Investitionen in Wiesbaden einsetzen. Die Verhandlungen sind Ende März zwar vorerst gescheitert, wir sind aber weiterhin gesprächsbereit. Kurzfristige vermeintliche Erfolgsaussichten dürfen nicht dazu verleiten, Errungenschaften preiszugeben, die man in Jahrzehnten erkämpft hat. Da mag der Druck noch so groß sein.

Die Unternehmer drohen mit Verlagerungen und nützen die Globalisierung aus, um ein Extraschnäppchen zu machen. Generationen vor uns haben schon in viel schwierigeren Situationen Standhaftigkeit aufbringen müssen. Wir sollten aus der Erfahrung der Arbeiterbewegung lernen: Millionen sind stärker als Millionäre.
Ich möchte aber weg vom reinen Häuserkampf, denn es betrifft ja alle Betriebe.

Wir brauchen Strategiekonferenzen, um einen gemeinsamen Kampf mit der IG Metall und allen Betriebsräten gegen den Abbau sozialer Rechte zu führen.
Wir müssen uns auf sehr harte Kämpfe in der Zukunft gefaßt machen. Die Neoliberalen sind zu stoppen, wenn die Arbeiterbewegung zusammenhält und Gewerkschaften sich darauf besinnen, wozu sie da sind. Wir sollten in der Tat mehr Französisch lernen.

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