Kategorie: Kapital und Arbeit

Fahrradwerk Bike Systems GmbH Nordhausen seit zwei Monaten besetzt

Hamburger Allee 14 ist eine gute Geschäftsadresse in der Bankenmetropole Frankfurt am Main. Hier residiert die US-amerikanische Investmentfirma Lone Star, die hier- zulande als „besonders aggressive Heuschrecke“ bekannt wurde, weil sie laut Medienberichten durch den Kauf meist unrentabler und notleidender (Immobilien)-Kredite und deren anschließende Verwertung der Kredite ziel- strebig besonders schnell hohe Renditen zu erzielen. Am Donnerstagmittag war die Hamburger Allee durch die Polizei abgesperrt. Die Straße gehörte an diesen Tag aber nicht wütenden und geprellten ehemaligen Immobilien- besitzern, sondern über 100 Beschäftigten des Fahrrad- herstellers Bike Systems aus Nordhausen am Harz. Seit 60 Tagen hält hier die 135-köpfige Belegschaft den Betrieb besetzt, der der LSF Transcontinental, einer 100-Prozent- Tochter von Lone Star gehört.



Die Angst vor der (auch in Nord-Thüringen besonders hohen) Erwerbslosigkeit und die Wut über die schäbige Behandlung durch Eigentümer und Management hatten das Fass im Juli zum Überlaufen gebrachte und die Frauen und Männer zur Tat schreiten lassen. Die Entschlossenheit der Belegschaft, dem Stillegungsbeschluss und aktuellen Insolvenzantrag der Geschäftsleitung zu trotzen und ihre Arbeit vor Ort in der Fahrradproduktion fortzusetzen und sich nicht zur Schlachtbank führen zu lassen, ist hier in der Hamburger Allee unüberhörbar und unübersehbar: Trillerpfeifen, rhythmisches Blechtrommeln, selbst getextete Streiklieder, als Heuschrecken verkleidete Männer und Frauen wie auch mitgebrachte Sandwich-Plakate sprechen für sich. „Lone Star- der Eiterpickel der Finanzwirtschaft“ - „Lone Star – die asoziale Pest aus Texas“ - „Lone Star-Doktrin – Dollar anbieten und sozial Schwache treten“, so und ähnlich lauten die Parolen. Alle haben Hartz IV-Betroffene in der Familie und im Bekanntenkreis. Die Älteren fühlen sich so wie der bis Juni als Zeitarbeiter im Werk eingesetzte Uwe Messing (54): zu jung für die Rente, zu alt zum Arbeiten.

Besonders wütend sind sie, weil sie ein halbes Jahr lang – wie in der Branche vor der warmen Saison üblich – zehn Stunden täglich arbeiteten und dafür jetzt mit einem Tritt in den Hintern „belohnt“ werden sollen.
Zwei der Demonstrierenden gehören zu den Pionieren der Nordhäuser Fahrradproduktion. Dagmar Rüge hat der in den letzten Wochen „ganz schön böse Zeiten durchgemacht“, seitdem sie täglich mit der Angst aufwacht, bald auf der Straße zu stehen. Sie hatte 1974 beim VEB IFA Motorenwerk Nordhausen eine Lehre als Instandhaltungsmechanikerin begonnen und war 1985 mit anderen damit beauftragt worden, im Rahmen der Konsumgüterproduktion die Fahrradproduktion am Ort mit vorzubreiten und die Werkshallen zu errichten, in denen dann ab 1986 Zweiräder produziert wurden. Auch der gelernte Zerspanungsfacharbeiter Holger Totsch ist seit 21 Jahren in der Fahrradproduktion dabei und erinnert sich an Zeiten, zu denen noch über 240 Beschäftigte hier hochwertige Produkte herstellten.

Der Betrieb war von Anfang an keineswegs „marode“, sondern mit modernsten Fertigungsanlagen ausgestattet. Nach 1990 wurde das Nordhäuser Motorenwerk in viele Einzelbestandteile zerschlagen. Die Fahrradproduktion erlebte mehrere Eigentümerwechsel und wurde im Jahr 2000 von der weltweit in der Branche agierenden BIRIA-Gruppe übernommen.

2005 übernahm dann eine Lone Star-Tochtergesellschaft von BIRIA die Fahrrad-Werke Neukirch (Ostsachsen) und Nordhausen. Die Bike Systems-Belegschaft geht inzwischen davon aus, dass es dabei von vornherein nicht um eine langfristige Sicherung der Standorte, sondern um ein finanzielles Ausquetschen der Werk und eine Marktbereinigung und Konzentration der Fahrradproduktion auf den Konkurrenzbetrieb Mitteldeutsche Fahrradwerke (MIFA) in Sangerhausen am Harz ging, an dem Lone Star inzwischen einen Anteil von 25 Prozent erworben hatte. Ende 2006 wurde zuerst das Werk in Neukirch unter Protest geschlossen. Nun ist Nordhausen an der Reihe. Doch am Widerstand dieser Belegschaft könnte sich das Management die Zähne ausbeißen.
Nach der Bekanntgabe der Schließungsabsicht des Werks Nordhausen am 20. Juni und der Aufnahme von Verhandlungen wurde der Belegschaft am 10. Juli mitgeteilt, dass der Eigentümer für die Einhaltung der Kümndigungsfristen, einen Sozialplan und die finanzielle Beteiligung an einer Auffanggesellschaft keine Gelder mehr übrig habe. Darauf hin verlagerte die Belegschaft ihre (immer noch nicht beendete) Betriebsversammlung auf den angrenzenden Bürgersteig. Mit der Besetzung des Werkes rund um die Uhr wirbt sie für ihre Forderung nach Erhalt der Arbeitsplätze und Wiederaufnahme der Produktion.

Die Aktionen der letzten zwei Monate haben die Belegschaft zusammengeschweißt und den Zusammenhalt gestärkt. Materielle und politische Solidarität aus Nah und Fern bestärkt sie in ihrem Durchhaltewillen. Ihr zur Seite steht die IG Metall-Verwaltungsstelle Nordhausen, deren 1. Bevollmächtigte Astrid Schwarz-Zaplinski in Frankfurt dabei mit war, um das Lone Star Management zur Rede zu stellen. „Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet zum Berg gehen“, lautet ihre Devise.

Bei dem Gespräch einer Delegation von Betriebsrat und Gewerkschaft am Donnerstag mit den Lone Star-Repräsentanten gab es dem Vernehmen nach aus Belegschaftssicht keine handfesten Ergebnisse, wobei die Arbeitgeberseit ihre Verantwortung gegenüber ihren Geldgebern betont habe. Einen Hoffnungsschimmer sieht die Belegschaft allerdings in der Tatsache, dass ein Frankfurter Händler in die Hamburger Allee gekommen war und Interesse am Aufkauf von 2000 Fahrrädern aus Nordhausen bekundete. Der Widerstand geht auf jeden Fall weiter

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