Kategorie: Kapital und Arbeit

Botschafter für Strike Bike und selbstverwaltete Produktion

Als die Belegschaft des Fahrradwerks Bike Systems in Nordhausen letzten Sommer den Betrieb besetzte und im Oktober eine Woche lang in eigener Regie und kostendeckend Strike Bikes montierte, erregte dies bundesweit Aufsehen. Auch wenn das aufmüpfige Kollektiv danach die besetzte Fabrik räumte und fast komplett in eine Transfermaßnahme wechselte, hat ihr viermonatiges Engagement Spuren hinterlassen.


Der Verein „Bikes in Nordhausen e.V.“, der die Strike Bike-Produktion geplant, organisiert und durchgeführt hatte, nimmt seinen Vereinszweck sehr ernst und arbeitet jetzt mit Hochdruck auf die Wiederaufnahme der Fahrradproduktion am Standort Nordhausen hin.

Gleichzeitig wollen engagierte Vereinsmitglieder und Strike Biker ihre reichhaltigen Erfahrungen weitergeben und reisen dazu auch im neuen Jahr quer durch die Republik – als Botschafter der Idee einer solidarischen, selbstverwalteten Produktion. Dieser Tage waren der Vereinsvorsitzende André Kegel und sein Mitstreiter Jens Müller zu Gast im hessischen Marburg und berichteten dort im Rahmen des bundesweiten Filmfestivals „ueber morgen“ vor einem aufgeschlossenen Publikum über ihre Erfahrungen.

Dem Gespräch vorausgegangen war die Aufführung des französischen Dokumentarfilms „LIP - Die Phantasie der Macht“, der den Belegschaftskampf bei der Uhrenfabrik Lip im ostfranzösischen Besançon in den 1970er Jahren schildert und Zeitzeugen zu Wort kommen lässt, die sich noch Jahrzehnte danach an Details erinnern, als wäre es erst gestern gewesen. „Der Kampf hat mich in jeder Hinsicht verändert und eine herzliche, brüderliche Beziehung in der Belegschaft geschaffen“, gesteht einer der Lip-Veteranen. Viele Arbeiter traten aus dem Schattendasein heraus, wuchsen im Kampf über sich selbst hinaus und entfalteten ungeahnte Talente. „Dein Chef braucht Dich, aber Du brauchst ihn nicht“ lautete ihre Parole. Sie bildeten ein Aktionskomitee, produzierten und verkauften Uhren in eigener Regie. Die Solidaritätsbewegung wuchs. Um eine neue Welle landesweiter Betriebsbesetzungen wie im Mai 1968 zu verhindern, setzten Staatspräsident Giscard d’Estaing und Premier Chirac alles daran, die aufmüpfige Belegschaft zu sabotieren und das Vorbild Lip zu zerstören, „bevor sie die ganze Gesellschaft anstecken“ (O-Ton Giscard).

Kaum besser war die Rolle der Thüringer Landesregierung während der Besetzung in Nordhausen. Wirtschaftsminister Jürgen Reinholz hatte in einer Landtagsdebatte in Erfurt ausdrücklich vor den „Risiken“ der Strike Bike-Produktion gewarnt und „völliges Desinteresse an unserem Schicksal gezeigt“, so André Kegel. Die beiden Strike Bike-Aktivisten nahmen den Lip-Film „mit sehr viel Interesse und Begeisterung“ auf. André Kegel stellte „bis zu 90% Übereinstimmung und Parallelen“ (O-Ton) mit den Erfahrungen in Nordhausen fest: „Man sieht, wie die Belegschaft zusammenrückt, gemeinschaftliche Entscheidungen trifft, teilweise auch ratlos ist und überlegt, ob man es richtig macht“. Kegel und Müller standen bis tief in die Nacht einem interessierten Publikum Rede und Antwort und schilderten ihre Erfahrungen. „Eine gelungene Veranstaltung“, so das Fazit des Marburger Mitveranstalters Volker Seel.

In Marburg sprachen die beiden Nordhäuser erstmals öffentlich über ihre Pläne zur Fortsetzung der Fahrradproduktion vor Ort. Ab Frühsommer sollen, zunächst mit 20 Personen aus der bisherigen Belegschaft, auf dem alten Fabrikgelände wieder hochwertige Fahrräder produziert werden. Hierzu wird derzeit von Belegschaftsangehörigen eine GmbH gegründet. Chancen rechnet sich der Verein mit einem „optimierten Strike Bike“ aus. Interesse am Produkt haben Händler bekundet, die bereits im Herbst Strike Bikes vertrieben, so Müller.

„Es wird keine Bevormundung durch Kapitalgeber stattfinden“, versichert Kegel: „Alle im Betrieb sollen gleiches Mitspracherecht erhalten“. Kein Gesellschafter werde hinter dem Rücken der Belegschaft Alleingänge machen können. Die Personalkosten würden auf der Basis eines Einheitslohns für alle kalkuliert. Wenn sich das Experiment festigt und der Betrieb nach einem Jahr Gewinne macht, dann solle die Belegschaft entscheiden, was mit dem Geld gemacht wird. „Die Idee der Selbstverwaltung lebt weiter“, betont Kegel.

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