Kategorie: Kapital und Arbeit

Der Zusammensturz des Kölner Stadtarchivs und das Erdbeben in Italien: Wenn die Erde bebt...

Die Weltwirtschaft wankt. Die Grundfesten unserer Gesellschaft werden von den Schockwellen der kapitalistischen Krise erschüttert. Unter dem Finanzsystem wackelt der Boden. Doch nicht nur durch Entlassungen, Firmenpleiten und Betriebsschließungen fordert die Krise ihre Opfer. Auch die Toten und Verschütteten von Köln und L’Aquila (siehe Foto, Hilfsmaßnahmen im Erdbebengebiet) wurden Opfer der Profitgier.



Zwei Tragödien, eine Ursache

3. März 2009, 13:58 Uhr. In der Kölner Südstadt stürzt das historische Stadtarchiv ein. Zwei Kölner Jungs von 17 und 24 Jahren sterben in den Trümmern, rund 30 Kilometer Regale historischer Dokumente von unschätzbarem Wert werden begraben.
6. April 2009, 03:32 Uhr. In den italienischen Abruzzen bebt die Erde mit 5,8 auf der Richterskala. In der mittelalterlichen Stadt L’Aquila und umgebenden Dörfern stürzen die Häuser ein. 295 Menschen finden in den Trümmern den Tod, rund 28000 macht das Beben obdachlos.

Erdbeben gelten noch immer als weitgehend unvorhersehbare, schicksalhafte Naturkatastrophen. Das gilt für die Bewegung der Erdplatten. Die Folgen, wenn die Erde bebt, sind hausgemacht. Wie im Kapitalismus so üblich, zahlt die Zeche und das Leid die Arbeiterklasse. Aufrütteln sollten die Tragödien von L’Aquila und Köln unser Bewusstsein, so dass die politischen Nachbeben die Festung des Kapitalismus erschüttern.

Erdbeben in Italien

Die Region der mittelitalienischen Stadt L’Aquila war aufgrund ihrer besonderen tektonischen Gegebenheiten in der Geschichte häufig schon Schauplatz von Erdbeben. 1703 wurde die Stadt beinahe vollständig zerstört, mehr als 5000 Menschen kamen ums Leben. 1915 forderte ein großes Beben in der Region knapp 30000 Todesopfer. Obwohl es bekannt ist, dass die Erdplatten unter Zentralitalien immer wieder gewaltig rumoren können, wurde es seit den 1960er Jahren systematisch verpasst, bauliche Vorkehrungen zu treffen und die Gebäude in der Region erdbebensicher zu machen. Mörtel wirft mehr Profit ab, wenn er mit Sand gestreckt wird. Selbst bei Neubauten der letzten Jahre, wie der örtlichen Präfektur oder dem Krankenhaus von L’Aquila, schlampte die Bauindustrie. Beide Bauten sind nach dem Erdbeben nicht mehr beziehbar.

Das Unglück von Köln

„Es wird vielleicht nicht unbedingt jemand sein, der das direkt verursacht hat“, so Oberbürgermeister Schramma an der Kölner Unglücksstelle. 2004 senkte sich der Turm der Kölner Kirche St. Johann Baptist um 77cm in Westrichtung, nachdem zuvor ein unterirdischer Versorgungsschacht für den U-Bahnbau in der Kölner Südstadt vorgetrieben wurde. Spätestens das Mahnmal des „schiefen Turms von Köln“ hätte zu einer Offenlegung aller Baurisiken führen müssen. Mehrmals gab es seit dem Herbst 2008 Alarm vor einem „hydraulischen Grundbruch“ und fehlerhaftem Abpumpen des Grundwassers in den Bautunneln. Systematisch wurden Warnungen unterschlagen und Sicherheitsvorkehrungen unterlassen. Korruption und Profitinteresse stinken zum Himmel.

Auf Kapitalisten ist nicht zu bauen

Der Zusammenbruch des Kölner Stadtarchivs ist ein tragisches Beispiel für die Folgen von Outsourcing und Deregulierung am Baumarkt.
Der U-Bahnbau oblag schon 2004 nicht mehr einer öffentlichen Kontrollinstanz. Der Stadtrat übergab kurzerhand die Aufsicht den Kölner Verkehrbetrieben (KVB), den U-Bahn-Bauherren selbst. Gängige Praxis bei öffentlichen Baugroßvorhaben ist es, nach europaweiten Ausschreibungen den Auftrag dem billigsten Anbieter zu vermachen. Für die Kölner Südstadttrasse soll nun ein privates Düsseldorfer Ingenieursbüro zuständig sein. Anstatt öffentliche Transparenz zu schaffen, sichere und qualitative Bauabläufe zu garantieren und Korruption und Klüngel, die in Köln Wirtschaft und Politik wie ein unterirdisches U-Bahnnetz durchziehen, auszuheben, soll die Öffentlichkeit medienwirksam von den Hauptproblemen abgelenkt werden. Derweil stellt die Stadt für die Sortierarbeit der Archivfundstücke anstelle befristeter Arbeitskräfte rund 50 Ein-Euro-Jobber ein. In Schichtarbeit sortieren Hartz-IV-EmpfängerInnen mit Mundschutz in einer staubigen Lagerhalle die gehobenen Archivalien – Schicht- und Fahrtkostenzuschuss exklusive.

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