Kategorie: Kapital und Arbeit

"Wir stehen erst am Anfang einer Systemkrise"

Interview mit Alfred Matejka, Betriebsratsvorsitzender bei Federal Mogul Wiesbaden.
Seit Mittwoch früh wird Federal Mogul Wiesbaden bestreikt, nachdem die Gewerkschaftsmitglieder in der Urabstimmung zu über 94 Prozent ihre Bereitschaft zum Arbeitskampf bekundet haben.



Entspricht dieses eindeutige Ergebnis Ihren Erwartungen?

Ich hatte mit 87 bis 90 Prozent gerechnet, aber nicht mit 94 Prozent.

Wie ist dies zu erklären?

Es war schwer zu kalkulieren, ob und inwieweit die Geschäftsleitung mit ihrem persönlichen Brief an alle Beschäftigten und den Gesprächen und Mitarnbeiterinformationen bei manchen Verwirrung gestiftet hat. All all das hat aber zum Glück nicht dazu beigetragen, dass sich die Leute irremachen ließen. Wir haben hier im Betrieb immer gute Aufklärungsarbeit gemacht.

Streiken ist kein Zuckerschlecken. Was war für den Arbeitskampf ausschlaggebend?

Wir haben wochenlang verhandelt, aber das Management will keine Kompromisse eingehen. Für die war nur die Kopfzahl von 436 Kündigungen interessant, die von der Konzernzentrale vorgegeben wurde. Wir hatten Kompromisse angeboten und einige in der Belegschaft wären auch zu Altersteilzeit und Aufhebungsverträgen bereit gewesen.
Die Belegschaft sieht nicht ein, dass 436 von ihnen noch im Mai rausgeschmissen werden sollen, nachdem für Mai keine Kurzarbeit mehr vereinbart werden konnte. Die von uns geforderte Alternative wäre: Kurzarbeit bis 24 Monate. Das ist rechtlich möglich, also auch Kurzarbeit bis Ende November 2010. Was spricht dagegen, wenn ein Teil der Belegschaft nun anderthalb Jahre lang sogar Kurzarbeit Null macht und dann jederzeit einsatzfähig ist, falls die Konjunktur wieder anspringt. Dies sollte selbstverständlich mit Qualifizierung, Weiterbildung und Umschulung vor sich gehen. Eine besser qualifizierte Belegschaft hätte nach der Krise auf jeden Fall bessere Chancen am Arbeitsmarkt.

Sie wehren sich gegen Entlassungen. Streikgrundlage ist - wie schon vor einigen Jahren bei AEG-Elektrolux in Nürnberg – jedoch die Forderung nach einem Sozialtarifvertrag.

Wir können leider nicht direkt für den Erhalt der 436 Arbeitsplätze streiken, weil das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland die Unternehmensfreiheit vorsieht; es garantiert also die Freiheit des Fuchses im Hühnerstall. Die Hühner spielen dabei keine Rolle. Der Fuchs hat die Freiheit, sie zu fressen. Wenn die Hühner Grips genügend im Kopf hätten, würden sie sich konzertiert auf den Fuchs stürzen und ihm die Augen auspicken. Wir haben ein Gehirn und setzen unseren Kampf ein, um die Abfindungen für eine Entlassung so in die Höhe zu treiben, dass es auch für einen Unternehmer, der nachdenkt und intelligent genug ist, besser ist, von den Entlassungen abzusehen und lieber Kurzarbeit einzuführen. Das ist das Ziel. Wir sind auch schon kritisiert worden, dass die von uns geforderte Höchstsumme in einigen Fällen bei langer Betriebszugehörigkeit 350.000 Euro beträgt. Wir können die Forderung gerne auch auf 500.000 Euro erhöhen.

Haben Sie die Rückendeckung der gesamten IG Metall?

Ja. Schon bei einem Treffen aller Konzern- und Gesamtbetriebsratsvorsitzenden der Automobilindustrie in der vorletzten Woche gab es breite Unterstützung für uns. Auch Opel-Gesamtbetriebsratsvorsitzender Klaus Franz hat dabei festgestellt: Wenn es eine Belegschaft gibt, die kampfbereit ist, dann soll man sie auch kämpfen lassen. Das ist genau die richtige Antwort. Auch wir stehen an der Seite der Opel-Belegschaft und ich bin froh drüber, dass die Kollegen der Autoindustrie nach dem missglückten Streik in der ostdeutschen Metallindustrie vor einigen Jahren dazu gelernt haben. Nur gemeinsam werden wir unsere Forderungen durchsetzen.

Aber das Problem der Überkapazitäten ist damit noch nicht vom Tisch. Könnten die Hi Tec-Betriebe der Branche denn nicht auch andere Produkte herstellen? Welche weitergehenden Alternativen sehen Sie?

Es ist eine Aufgabe der Betriebsräte, über entsprechende Konzepte nachzudenken. Ansätze in der Industrie gibt es auch. Bei uns etwa gab es schon früher die Idee, unsere Gleitlager und mit Kunststoff beschichteten Buchsen nicht nur in Motoren, sondern auch in anderen Bereichen einzusetzen, etwa in Krankenhausbetten.
Wir stehen erst am Anfang einer Systemkrise, die auch morgen nicht überwunden sein wird. Diese Krise wird schwerwiegende Folgen in der Weltwirtschaft haben. Insofern ist es richtig und notwendig, dass auch die Gewerkschaften die Systemfrage stellen. Wir brauchen Alternativkonzepte. Ich persönlich schaue nach Südamerika und freue mich über alle Alternativprojekte und Entwicklungen contra Kapitalismus, die es dort gibt.

Die Belegschaft ist hochmotiviert und hat schon im Kampf um die 35-Stunden-Woche 1984 Erfahrungen gesammelt.

Solidarität spürt man nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen. Für uns ist es absolut wichtig, weil wir am 29. Mai 1984 - vor genau 25 Jahren - sechs Wochen lang ausgesperrt wurden. Der gesamte Betrieb war damals mit Stacheldraht umzäunt. Wir waren damals noch nicht so stark in der Belegschaft, um selbst in den Streik zu treten. Heute sind wir als Ergebnis unserer Arbeit so weit. Die Belegschaft ist stark organisiert und kampfbereit. Wir lassen uns nicht rausschmeißen.
Wir empfehlen: Kommt vor den Betrieb, reiht Euch ein und solidarisiert Euch. Für die jungen Gewerkschafter ist das die beste Bildungsveranstaltung, die man erleben kann. Den 1. Mai als Kampftag der Arbeiterklasse gibt es 365 mal im Jahr.

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