Kategorie: Kultur

Zum Andenken an Tanvir Gondal (Lal Khan) 1956 - 2020

Ich habe soeben die traurige Nachricht vom Tod von Tanvir Gondal, einem lieben Freund und Genossen von mir, erhalten. Obwohl er seit einiger Zeit an Krebs erkrankt war, war die Nachricht von seinem Tod dennoch ein grausamer Schlag.


Es stimmt, dass wir in letzter Zeit durch einige ernsthafte politische Differenzen getrennt waren, und es ist eine Sache des tiefen Bedauerns, dass ich in dieser letzten, äußerst schwierigen Zeit nicht bei ihm sein konnte. Aber in diesem Augenblick kann ich nicht an die Differenzen denken. Ich kann nur an die große und tiefe Freundschaft denken, die uns viele Jahrzehnte lang miteinander verbunden hat. Letztlich war das, was uns verband, viel größer als alles, was uns trennte.

Dieser Freundschaft gebe ich nun meinen letzten Abschiedsgruß an einen geliebten Freund und Genossen. Ich habe Tanvir 1980 zum ersten Mal getroffen, als er im politischen Exil in Europa war. Ich erinnere mich an ihn als einen gutaussehenden, sympathischen jungen Mann, der sich ganz der Sache des Sozialismus und der Weltrevolution verschrieben hatte. Wir schlossen sofort Freundschaft, die den größten Teil der vier Jahrzehnte hielt.

Im Laufe meines revolutionären Lebens, das nunmehr seit sechzig Jahren andauert, habe ich viele Freundschaften mit vielen guten Menschen geschlossen. Aber ich denke, ich kann sagen, dass keine dieser Freundschaften so eng war wie die, die mich mit diesem Mann verband. Es war nicht nur eine Frage der politischen Übereinstimmung, die fast die ganze Zeit über absolut unerschütterlich blieb. Es war eine warme, menschliche Beziehung, die aus tiefem gegenseitigem Respekte und Vertrauen geboren wurde.

Tanvir wurde als einziger Sohn eines Landbesitzers in einem kleinen Dorf in einem abgelegenen Teil des Punjab geboren. Dieses raue Land war ein Gebiet, das der Armee aus sehr fernen Zeiten bis in die Gegenwart Soldaten bereitstellte. Im Gegensatz zu den üppigen grünen Weiden des zentralen Punjab ist dies ein raues und steiniges Land, das von Bergen, Felsen und Steinen durchbrochen ist. Tanvir pflegte mir zu sagen: „Dieses Land produziert keinen Weizen, kein Obst und kein Gemüse. Es produziert Soldaten.“ Die Menschen hier sind zäh und widerstandsfähig. Sie sind auch fröhlich und genießen Musik, Tanz und Witze. Aber in Zeiten des Krieges, wie er mir erklärte, sind die Dörfer voller klagender Frauen, die den Tod ihrer Männer betrauern.

Sein Vater war Offizier in der pakistanischen Armee und erwartete natürlich, dass sein Sohn in seine Fußstapfen treten würde. Aber Tanvir war immer hartnäckig unabhängig, und er hatte andere Vorstellungen. Er wollte Medizin studieren, Arzt werden. Und die unerträglichen Ungerechtigkeiten der Gesellschaft veranlassten ihn, den Weg zur sozialistischen Revolution zu suchen.

Eines der schwersten Schicksale, das er ertragen musste, war, dass er nicht bei seinem Vater sein konnte, als dieser starb, weil er unter der Diktatur nicht nach Pakistan reisen konnte. Aber er erinnerte sich mit großer Zuneigung an seinen Vater.

Er erzählte mir, dass er in einem der letzten Gespräche, die sie führten, als sein Vater von seiner revolutionären Berufung erfuhr, zu ihm sagte: „Sohn, egal was du tust, kämpfe für das, was du glaubst. Vergiss nicht, dass du ein Soldat bist. Wende dem Feind niemals den Rücken zu. Wenn du getötet werden solltest, sorge dafür, dass du von vorne erschossen wirst.“ Er nahm sich diesen Ratschlag zu Herzen.

In den 1970er Jahren war Tanvir als Medizinstudent und politischer Aktivist in Pakistan an Schießereien mit den fanatischen islamistischen Konterrevolutionären auf dem Campus beteiligt. Nach dem Militärputsch von 1977 unter der Führung von General Zia-ul-Haq wurde er ein Jahr lang inhaftiert.

Es gelang ihm 1980 die Flucht in die Niederlande, wo er begann, eine Gruppe linker pakistanischer Exilanten um eine Zeitung namens The Struggle zu organisieren. Zu dieser Zeit ging er nach London mit dem ausdrücklichen Ziel, Kontakt mit dem führenden britischen Marxisten Ted Grant aufzunehmen.

Vom ersten Moment an schloss Ted eine herzliche Freundschaft mit diesem jungen pakistanischen Revolutionär, von dem er eine sehr hohe Meinung hatte. Die Haltung Tanvirs gegenüber Ted war seinerseits von tiefer Bewunderung, fast, man könnte sagen, von Ehrfurcht geprägt. In seinem Haus in Lahore nimmt ein großes Foto von Ted mit Tanvir immer noch einen Ehrenplatz an der Wand ein.

Ich war zu dieser Zeit in Spanien und führte dort revolutionäre Aktivitäten durch. Aber ich traf Tanvir oft bei internationalen Treffen, und wir schlossen eine großartige Freundschaft. Wie Ted hatte ich eine sehr hohe Meinung von seinen Fähigkeiten.

Gegen Ende der 1980er Jahre beschloss er, nach Pakistan zurückzugehen. Obwohl sich die Situation nach dem Tod des verhassten Diktators bei einem Flugzeugabsturz, zweifellos ein Attentat, verbessert hatte, blieb die Situation in Pakistan sehr schwierig. Ted zweifelte an der Richtigkeit seiner Rückkehr, aber Tanvir blieb hartnäckig und erzielte in kurzer Zeit bemerkenswerte Ergebnisse, die praktisch aus dem Nichts kamen.

Zur Zeit der Spaltung der Internationale war Tanvir absolut entschlossen in seiner Unterstützung für die Minderheit unter der Führung von Ted Grant. Mir wurde die Verantwortung für die pakistanische Sektion der späteren IMT übertragen, und ich besuchte das Land bei vielen Gelegenheiten.

Ich erinnere mich sehr gern an diese Besuche, bei denen ich aus erster Hand das außerordentliche Wachstum und die Entwicklung der pakistanischen Sektion beobachten konnte. Natürlich gab es Schwierigkeiten und Probleme aller Art, aber trotz aller Probleme wuchs die Sektion sprunghaft an.

Die Kongresse der pakistanischen Organisation waren sehr beeindruckende Angelegenheiten, obwohl sie, um die Wahrheit zu sagen, eher wie Kundgebungen als Kongresse im eigentlichen Sinne des Wortes waren. Eine große Zahl von Menschen kam aus ganz Pakistan, um diese Veranstaltungen zu besuchen, die für viele Genossen den Höhepunkt der Aktivitäten des Jahres darstellten.

Dies ist nicht der Ort für mich, um im Detail über die politischen Aktivitäten und Errungenschaften der Sektion zu sprechen. Es ist auch nicht der Zweck eines Nachrufs, dies zu tun. Ich muss jedoch sagen, dass ich bei diesen Besuchen einige sehr außergewöhnliche Menschen getroffen habe. Einer von ihnen - ein armer landloser Bauer aus einer abgelegenen ländlichen Gegend im Sind - war in seiner Jugend ein Bandit („Dacoit“) gewesen und im Gefängnis, aus dem er entkommen war, bevor er seine wahre Berufung als Revolutionär fand. Seine Lebensgeschichte wäre ein sehr beeindruckender Roman geworden.

Ein anderer war ein alter Kommunist (Jam Saqi), der unter Zia-ul-Haq gefangen genommen und brutal gefoltert worden war. Er verbrachte dann Jahre in Einzelhaft, was seiner Meinung nach weitaus schlimmer als Folter war und hatte jahrelang keinerlei menschlichen Kontakt. Er erzählte mir, dass er sich oft gewünscht hatte, man würde ihn aus seiner Zelle holen, um ihn zu foltern, damit er wenigstens wieder eine menschliche Stimme hören könnte.

In jenen Jahren lud mich Tanvir nach dem Kongress der Sektion oft ein, ihn in sein Dorf zu begleiten, wo ich seine Mutter kennen lernte - eine bemerkenswerte alte Frau, die sich einfach kleidete und zusammen mit den Bediensteten häusliche Aufgaben erledigte. Man sah sie sehr früh am Morgen, tief gebeugt, wie sie mit einem altmodischen Besen den Innenhof fegte. Es war eine Art von Leben, das mich an Turgenews Beschreibungen des ländlichen Russlands in halb-feudalen Zeiten erinnerte.

Tanvir ging gerne ins Dorf, um etwas Ruhe zum Schreiben zu bekommen. Und in der Tat schrieb er eine ganze Reihe von Büchern über die Geschichte Pakistans, das Verbrechen der Teilung, die Revolution von 1968-69, Kaschmir usw. Er reiste auch viel in verschiedene Teile Pakistans. Aber er verbrachte die meiste Zeit in Lahore.

Vor der Zia-ul-Haq-Diktatur war Lahore das künstlerische und kulturelle Zentrum Pakistans und vielleicht des gesamten Subkontinents. Aber diese monströse islamistische Diktatur riss Lahore das Herz heraus. Sein kulturelles und künstlerisches Leben litt furchtbar und erholte sich nie ganz.

Trotz dieser Tatsache blieben einige Elemente des alten Kulturlebens erhalten. Tanvirs Haus wurde zu einem Magneten für kulturelle Persönlichkeiten, wie zum Beispiel von zwei bemerkenswerten Männern. Der eine war Javed Shaheen, ein sehr begabter Schriftsteller und Dichter und ein engagierter Kommunist, der dieses große Talent in den Dienst der Arbeiter und Bauern, der Armen und Unterdrückten stellte. Der andere war mein alter Freund Munnu Bhai, ein hochbegabter und angesehener Journalist, ein feiner Dichter und ein Mann von großer Kultur und persönlichem Charme.

Vielen Europäern mag es merkwürdig erscheinen, dass Poesie als revolutionäre Waffe dienen kann, die in den unterdrückten Massen ein Echo findet. Aber es gibt eine lange Geschichte der revolutionären Poesie auf dem Subkontinent, wo die einfachen Menschen von einer sehr alten Tradition der mündlichen Dichtung und des Gesangs bewegt werden.

Ich erinnere mich daran, dass ich bei vielen Gelegenheiten zusammen mit diesen alten Intellektuellen auf dem Dach von Tanvirs Haus saß und stundenlang über Politik, Religion, Philosophie, Kunst und Poesie sprach. Sie trugen ihre Gedichte vor, und Tanvir sang Lieder über die Revolution oder die Liebe, je nach Stimmung. Er hatte tatsächlich eine sehr gute Stimme.

Es gibt so viele andere Erinnerungen, die ich habe. Aber vor allem ist die Erinnerung, die ich an Tanvir Gondal habe und immer haben werde, die an einen engagierten revolutionären Marxisten und einen warmen, freundlichen und großzügigen Freund.

Hatte er Fehler? Oh ja, er hatte viele davon. Aber wer von uns hat sie nicht? Und im Großen und Ganzen überwogen seine Tugenden und Fähigkeiten bei weitem alle negativen Überlegungen. Selbst seine schärfsten Kritiker können nicht leugnen, dass er eine herausragende Rolle beim Aufbau der marxistischen Kräfte in Pakistan gespielt hat.

Er hinterließ bei allen, die ihn kannten, einen bleibenden Eindruck, und sein Einfluss breitete sich weit über die Grenzen Pakistans hinaus aus. Besonders in Indien war er vielen Linken als eine herausragende Figur in der revolutionären Bewegung des Subkontinents bekannt.

Viele tausend Kilometer trennen mich von Lahore. Und nun trennt mich ein unüberbrückbarer Abgrund von meinem alten Freund und Genossen. Aber aus der Ferne widme ich seinem Andenken die folgenden bewegenden Strophen:

THEY told me, Heraclitus, they told me you were dead,
They brought me bitter news to hear and bitter tears to shed.
I wept as I remember’d how often you and I
Had tired the sun with talking and sent him down the sky.

And now that thou art lying, my dear old Carian guest
A handful of grey ashes, long, long ago at rest
Still are thy pleasant voices, thy nightingales, awake;
For Death, he taketh all away, but them he cannot take.

[Jemand hat mir,Herakleitos, von deinem Tod berichtet und mich zum Weinen gebracht. Ich erinnerte mich, wie oft wir beide die Sonne im Gespräch untergingen ließen. Du, mein Freund aus Halikarnassos, bist längst schon irgendwo Asche, deine Nachtigallen aber leben, auf die der alles hinwegraffende Hades seine Hand nicht legen wird.]

Unser tiefes Mitgefühl gilt Sadaf und den Kindern sowie Paul (Rana), dem lebenslangen Freund und treuen Begleiter Tanvirs.

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