Kategorie: Kultur

Buchbesprechung: Mao in der bayerischen Provinz

Dass der Maoismus und Stalinismus in der alten Bundesrepublik (BRD) der 1970er und 1980er Jahre zigtausend Menschen anzog, politisierte und prägte, ist heutzutage weitgehend verdrängt oder vergessen.


Viele der Protagonisten von damals reden über ihre Jugend in einer K-Gruppe am liebsten gar nicht oder tun auf Anfrage alles als „Jugendsünde“ ab. Einige leiden noch heute an den Folgen von Berufsverboten im Zuge des sogenannten „Extremistenerlasses“, die ihnen den Weg in eine Anstellung im Öffentlichen Dienst versperrten und ihre Lebensplanung zerstörten. Andere haben trotz des biografischen „Schönheitsfehlers“ im politischen Establishment den Aufstieg nach ganz oben geschafft. Sie wurden Ministerpräsident, Minister, Abgeordnete oder ranghohe Funktionäre in Grünen, SPD oder LINKEN und parteinahen Stiftungen.

Nur ganz wenige bekennen sich zu ihrer Biografie und werfen nicht pauschal alles über Bord, was einst im Mittelpunkt ihres Engagements stand. Zu ihnen gehört der Münchner Max Brym, der jetzt mit dem Buch „Mao in der bayerischen Provinz“ eine politische Biografie veröffentlicht hat. Auf 238 Seiten versetzt er die Leserschaft in einem Zeitsprung zurück in die aufgewühlten 1970er und 1980er Jahre. Er vermittelt spannende Einblicke in das unermüdliche Buhlen junger Revolutionäre um die Gunst der Arbeiterklasse. Faksimile-Abbildungen dokumentieren Publikationen und Betriebszeitungen, die wie warme Semmeln weggingen und auch Skandale auslösten.

Schauplatz ist das südöstliche Oberbayern, wo sich die Landkreise Altötting und Mühldorf vom Bauernland zu einer Industrieregion entwickelten. Trotz CSU-Dominanz gab es im „Chemiedreieck“ Bastionen von SPD und Gewerkschaften, die auch starke und eindrucksvolle Maidemonstrationen auf die Beine stellten.

Als Sohn eines jüdischstämmigen Textilhändlers und von seinen Erfahrungen traumatisierten Holocaust-Überlebenden war der 1957 geborene junge Brym sensibel und offen für radikale Gesellschaftskritik und revolutionäre Ideen. Die 1968 ausgelöste Aufbruchstimmung schlug sich bald auch in den hintersten Winkeln der Republik und somit auch im „Chemiedreieck“ nieder. Nach der Auflösung von Rudi Dutschkes SDS 1970 bildeten sich erste K-Gruppen.

So wurde Brym als Teenager rasch vom Maoismus und Stalinismus angezogen, der damals oberflächlich radikaler und frischer wirkte als die bieder wirkende Führung in der Sowjetunion und DDR, auf die sich die 1968 gegründete DKP in der BRD bezog. China und Albanien lagen weit weg. Chinas stalinistischer Parteichef Mao Tse Tung und seine „Kulturrevolution“ wirkten scheinbar unbürokratisch, rebellisch und revolutionär. Selbst der Fußballer Paul Breitner vom 1. FC Bayern München outete sich in den frühen 1970er Jahren offen als Leser der Peking-Rundschau. Das Blättchen wurde ebenso wie die „Mao-Fibel“ von der Bonner Botschaft der Volksrepublik China frei Haus geliefert. Auch wenn der westdeutsche Maoismus damals viele sektiererische Spaltungen erfuhr, tat dies dem Vordringen des Maoismus zunächst keinen Abbruch. Als 1975 das Foto vom freundschaftlichen Händedruck zwischen CSU-Chef Franz Josef Strauß und einem greisen Mao um die Welt ging, nährte dies bei manchen Anhängern erste Zweifel. Doch die Loyalität war meistens stärker als das kritische Nachdenken.

Bryms Organisation „Arbeiterbund“ warb um sozialdemokratische Arbeiter und versuchte im Sinne einer Einheitsfronttaktik mit Parolen wie „SPD wählen, KPD aufbauen“ das Gemeinsame und nicht das Trennende in den Vordergrund zu stellen. Das förderte bei linken SPD-Mitgliedern Sympathie und lieferte wertvolles Insiderwissen aus sozialdemokratischen Ortsvereinen. Örtliche SPD-Größen verboten es ihrem Juso-Nachwuchs, sich „Sozialisten“ zu nennen und drängten manches kritische Mitglied raus. Der unter großen Opfern mit Schreibmaschine, Tipp-Ex und Pritt-Stift erstellte „Rote Landbote“ und Extrablätter entlarvten Missstände in Betrieben vom fehlenden Klodeckel bis zum illegalen Waffenhandel.

Ein Echo fanden die jungen Maoisten auch bei Arbeitern im Bundesbahn-Betriebswerk Mühldorf am Inn. Dort setzte ein Dienststellenleiter illegal ihm untergebene Arbeiter und Material aus dem Werk für den Bau eines privaten Wohnhauses ein. Der „Rote Eisenbahner“ machte dies publik und trug zur Verhaftung des korrupten Beamten bei. Aus jener Zeit hat sich Brym die Freundschaft zu dem heute 84-jährigen Ernst Tuppen erhalten, der als Arbeiter, SPD-Mitglied, Gewerkschafter und Personalrat eine treibende Kraft im Betriebswerk war. Beide haben längst mit Maoismus und Stalinismus gebrochen und marschierten am diesjährigen internationalen Kampftag der Arbeiterklasse unter dem Motto „Heraus zum 1. Mai“ Corona-konform gemeinsam durch München.

Das Buch findet auch wegen der regionalen Bezüge in Oberbayern bei einem politisierten und jüngeren Publikum Interesse. „Nicht alles, was wir damals taten, war falsch“, blickt Brym auf eine wilde Jugend zurück, in der ihm auch nichts Menschliches fremd war. „Aber wir haben uns etwas vorgemacht, als wir den Zuspruch für unsere Betriebszeitungen als Sympathieerklärungen für Mao und Albanien deuteten.“

Max Brym entdeckte im Laufe der 1980er Jahre am Stalinismus maoistischer Prägung zunehmend eine Geschichtsklitterung und Widersprüche zwischen revolutionären Ansprüchen und der Praxis. Er arbeitete die Entwicklung des Stalinismus kritisch auf, ohne mit revolutionären Ideen und Zielen zu brechen. So kam er zu dem Schluss, dass der von einem stalinistischen Agenten im August 1940 ermordete russische Revolutionär Leo Trotzki mit seinem Kampf und seinen Ideen konsequent die Tradition des revolutionären Marxismus von Marx, Engels, Lenin und Rosa Luxemburg verkörpert.

Max Brym, Mao in der bayerischen Provinz,
Südwestbuch-Verlag, ISBN: 9783964380296, 15,-Euro

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