Kategorie: Kultur

Zwischen Revolution und Widerstand: Burghausen

Egal ob beim bayrischen Volksaufstand 1705, der deutschen Revolution 1918/19 oder im Kampf gegen den Nationalsozialismus, in Burghausen lehnten sich die Ausgebeuteten gegen die herrschende Klasse auf. Gerade der Widerstand gegen den Hitler-Faschismus in Burghausen war ein deutlicher Beweis dafür, dass eine antifaschistische Arbeitereinheitsfront gegen Hitler möglich und erfolgreich hätte sein können.

Bild: derfunke


Im Gegensatz zur Volksfront, in welcher sich auch bürgerliche Parteien dem antifaschistischen Kampf widmen, beruht die Arbeitereinheitsfront, wie der Name sagt auf der Einheit der Arbeiterschaft – egal ob sozialdemokratisch oder kommunistisch gesinnt. Genau über diese Form des antifaschistischen Kampfes in Burghausen erzählt Max Brym sein neues Buch „Roter Widerstand in der Bayrischen Provinz“.

Burghausen hat schon eine längere Tradition des Widerstandes und der Revolution. Bereits im Jahre 1705 erhob sich das Burghauser Bürgertum gegen die österreichische Besatzung und rief im Zuge dessen kurzerhand die „Freie Republik Burghausen-Simbach-Braunau“ aus. Zwar hielt sie sich nur ca. zwei Monate, hatte aber dennoch nachhaltige Spuren hinterlassen. Die Republik zeichnete aus, dass sie bereits vor der französischen Revolution einen Bruch mit dem Alten vollzog und in ihren Parlamenten gewählte Bauernvertreter einband. So bewunderte auch der Aufklärer Jean C. Rousseau in seinem Briefverkehr diese kleine Republik der Revoluzzer.

Mindestens genauso bedeutend war der Kampf gegen den Nationalsozialismus in Burghausen. Denn während auf Bundesebene SPD- und KPD-Führung sich zunehmend gegenseitig als Feinde sahen, klärt uns Herr Brym über die positiven Auswirkungen der Burghauser Einheitsfront gegen den Faschismus auf. So trauten sich die Nazis beispielsweise bis zum 7. Juni 1932 lediglich interne Veranstaltungen durchzuführen. Sie fürchteten sich eine blutige Nase durch das Reichsbanner – Wehrverband der SPD – und dem „Kampfbund gegen den Faschismus“ – Wehrverband der KPD – zu holen. Die Arbeiterinnen und Arbeiter in Burghausen wussten, dass Nazis keinen Unterschied zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten machten. Beide Parteien hielten an gemeinsamen Aktionen gegen den Faschismus fest. So ging die am 7. Juli geplante Veranstaltung der Nationalsozialisten sauber in die Hose. Sie planten, sich auf der Veranstaltung in einer Diskussion mit dem ADGB-Kreisvorsitzenden als Sozialisten zu verkaufen.

„Schon vor Beginn der Versammlung saßen Sozialdemokraten und Kommunisten im Wirtshausgarten. An ihren Tischen fielen Äußerungen wie: ‚Den Buben werden wir es heute schon noch zeigen.‘ Auch vom ‚Darm herauslassen‘ war die Rede. […] Im Versammlungssaal waren 50 bis 60 linksgerichtete Sozialdemokraten und Kommunisten.“ Während der Veranstaltung der Nazis flogen seitens der Einheitsfront Bierkrüge, Stühle und Aschenbecher. Gegen Ende wurden 24 schwerverwundete Faschisten ins Krankenhaus geliefert und der Rest den Burgberg bis ins Cafe Winklmeier hinunter verfolgt. Aktionen wie diese Schlacht im Glöckelhoferhotel zeigen die Erfolge einer Einheitsfront.

Doch in Burghausen war nicht alles Positiv. So zum Beispiel der Bruch des Reichsbanners mit dem „Kampfbund gegen den Faschismus“. Am 9. März sollte die Gleichschaltung Bayerns mit dem Reich erfolgen. Die SA initiierte einen Massenaufmarsch in München und der damalige Ministerpräsident Held wurde durch die Notverordnung vom 28. Februar durch Franz Xaver Ritter von Epp ersetzt. Auch in Burghausen sollte die Nazi Fahne im Rathaus gehisst werden. Doch hier sah die Situation anders aus. Ursprünglich war dagegen eine gemeinsame Aktion seitens KPD und SPD geplant. Doch aufgrund des bundesweiten Legalitätskurses der SPD, war diese Abmachung in Burghausen zunichtegemacht.

Trotzdem versammelten sich rund 30 Kommunisten vor dem Rathaus, dem die Nazis bereits das Hakenkreuz aufsetzen wollten. Das „Horst-Wessel-Lied“, Partei Hymne der NSDAP, hatte sie alarmiert. Bis 20 Uhr gelang es keinem das Hakenkreuz über die Burghauser Altstadt zu hissen. Erst das Anrücken der Landespolizei beendete den Widerstand. Die Gleichschaltung in Burghausen konnte „durch vier Dinge gelingen: Erstens die massive Präsenz der Landespolizei, zweitens das Verhalten des Bürgermeisters August Fischer, drittens die Zustimmung durch das Burghauser Bürgertum und viertens die Passivität der Sozialdemokraten.“ Denn „der sozialdemokratische Reichsbanner hielt sich aufgrund des Legalitätskurses der SPD entgegen der Absprache mit der KPD aus den Auseinandersetzungen heraus.“

Durch eine anschauliche und klare Sprache, erfahren wir von Max Brym, wie eine Einheitsfront gegen den Faschismus aussehen sollte und wie der Faschismus hätte bekämpft werden müssen. Es wurden vor allem auf Bundesebene und in der Führung der Arbeiterparteien SPD und KPD zu viele Fehler gemacht. Auch in Burghausen Erfahren wir über taktische Fehler, wie das Ziel der SPD in der Legalität zu bleiben und der daraus folgende Bruch mit der Einheitsfront.

Trotz alledem unterscheidet sich die Basis der zwei Arbeiterparteien vor allem in einem Punkt von der Führung. „Die Arbeiter“ merkten „ganz spontan, dass die Nazis nicht danach fragten, ob jemand Kommunist oder Sozialdemokrat war.“ Aus diesem Grund wussten die Basismitglieder der Sozialdemokratie, dass die Taktik der Eisernen Front – also die Gleichsetzung von Faschismus und Sowjetunion – im Kampf gegen Faschismus nicht Zielbringend ist. Ebenso die Kommunisten an der Basis, welche statt Sozialfaschismusthese, lieber die Arbeitereinheitsfront aus SPD und KPD forderten.

Wir erhalten durch dieses Werk einen wichtigen Einblick in die Geschichte des Widerstandes. Sie dient uns Marxisten nicht bloß zur Erinnerung. In den Worten von Max Brym: „Geschichte ist geronnene Erfahrung. Aus ihr gilt es zu lernen, auch aus den Fehlern der damaligen Arbeiterparteien und ihrer Führungen.“

Trailer zur Reportage: Roter Widerstand in der Bayrischen Provinz



Auf das Buch „Roter Widerstand in der Bayrischen Provinz“ von Max Brym aufbauend, drehten Genossinnen und Genossen in Burghausen eine Reportage mit dem Autor. Diese wird voraussichtlich im November dieses Jahres erscheinen und in Burghausen mit Vorträgen über Faschismus aufgeführt werden. Unabhängig von der zukünftigen Corona-Situation werden diese Referate, wie der Film Online gestreamt.

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