Kategorie: Kultur

„Chartist Revolution“: Pioniere der Arbeiterbewegung

Der Chartismus war die erste unabhängige Arbeiterbewegung in der Geschichte. Seine Geburtsstunde war das Jahr 1838, als bei einer nationalen Versammlung von Arbeiterdelegierten aus dem ganzen Vereinigten Königreich die „People´s Charter“ geschrieben wurde. Dieses Programm war die Grundlage für den Befreiungskampf des Proletariats und der Gründung der ersten revolutionären Arbeiterpartei.

Bild: In Defence of Marxism


Rob Sewell, Herausgeber unserer britischen Schwesterzeitung „Socialist Appeal“, hat mit seinem neuen Buch „Chartist Revolution“ zu den Anfängen der revolutionären Arbeiterbewegung – dem Chartismus – zurückgeblickt. Seine historisch materialistische Analyse der Klassenkämpfe vom Anfang bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien zeigt, wie opferbereite Pioniere allen Widrigkeiten zum Trotz, die erste revolutionäre Arbeiterpartei aufbauten und sich daran machten, die Arbeiterklasse an die politische Macht zu führen.

Kapital und Arbeit

Bei der Lektüre blicken wir auf den Beginn der vollen Entfaltung des Kapitalismus in Großbritannien zurück. Im 19. Jh. erfolgte durch die Dampfmaschine die Industrielle Revolution, die in Engels Worten eine „Sturm- und Drangperiode der Produktion“ war. Die Herausbildung des Klassengegensatzes zwischen Kapital und Arbeit nahm rapide Fahrt auf und damit die Scheidung in obszönen Reichtum und bittere Armut.

Das Leben für die ausgebeuteten und unterdrückten Massen war schier erbärmlich. Männer, Frauen und Kinder schufteten 12, 14, 16, ja sogar 18 Stunden täglich. Sie lebten in verdreckten oft rattenverseuchten Löchern und in ihren Stadtvierteln grassierten tödliche Krankheiten wie Cholera. Zu Beginn des 19. Jh. lag die Lebenserwartung für Industriearbeiter in Bolten bei 18 Jahren, in Manchester bei 16 und in Liverpool gar bei 15. Für Handwerksberufe lag sie je nach Stadt bei etwas über 20 Jahren.

Kampf gegen feudale Relikte

Die Bourgeoisie dominierte längst das wirtschaftliche Leben und strebte danach, sich die politische Macht vollständig einzuverleiben. Der Kompromiss der sogenannten „Glorreichen Revolution“ von 1688 war nicht mehr haltbar, bei dem die Bourgeoisie zwar ökonomisch herrschte, aber politisch nicht offiziell die Regierungsgeschäfte leitete. Hauptsächlich die grundbesitzende Aristokratie konnte in das House of Commons (Parlament) gewählt werden, während die Bourgeoisie keine Abgeordneten stellen konnte, ganz zu schweigen von den werktätigen Massen.

Die Klassenkämpfe zwischen dem Adel, der Bourgeoisie, dem Kleinbürgertum und der Arbeiterklasse spitzte sich mit dem ausgehenden 18. Jh. merklich zu. Im Zentrum standen demokratische Rechte und insbesondere das Wahlrecht. Aber auch Kämpfe für menschenwürdige Lebensverhältnisse, die von den Arbeiterinnen und Arbeitern ausgefochten wurden, nahmen mit dem Wachstum der Industriestädte wie Manchester, Leeds und Sheffield, dramatisch an Bedeutung zu. Dieser Flickenteppich verschiedener Klassen und Schichten, die ihre Interessen gegeneinander durchzusetzen versuchten, brachte eine Fülle radikaler Ideen hervor. Einige davon gingen später im Wissenschaftlichen Sozialismus auf und verhalfen ihm zu seiner Blüte.

Die Französische Revolution von 1789, die das Ende des Feudalismus besiegelte und die Klassenherrschaft der Bourgeoisie unter dem Banner von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ einläutete, hatte einen enormen Einfluss auf die radikal demokratische Bewegung in Großbritannien. Vorrangig der vorantreibende Teil der französischen Revolutionäre, die Jakobiner wie M. Robespierre oder J. P. Marat, aber auch die Ideen und Taten des utopischen Sozialisten F. N. Babeuf entfachten bei den radikalsten Strömungen große Begeisterung. Ihre Namen wurden in der Arbeiterbewegung im Kampf für demokratische Rechte hochgehalten.

Die radikalen demokratischen Bewegungen in Großbritannien waren eine reale Gefahr sowohl für das Königshaus wie auch für die scheindemokratischen Institutionen und wurden erbittert bekämpft. Die ersten Verfechter radikaler Ideen, die noch keinen klaren Klassenstandpunkt einnahmen, sondern im Namen der Menschheit, dieselbe zu befreien strebten, riskierten Folter, Verbannung und Hinrichtung. Sie gründeten Vereinigungen, wie die London Corresponding Society, die von den Jakobinern inspiriert war. Sie traten ein für das allgemeine Männerwahlrecht und gleiche Repräsentation, um den einfachen Leuten Gerechtigkeit zu bringen. Die Mitgliedschaft vieler dieser Vereinigungen setzte sich aus Werktätigen zusammen, die später auch wichtige Ideengeber und Teilnehmer der Chartisten-Bewegung waren.

Erbitterter Klassenkampf

In den 1810ern folgten auf Grund einer Wirtschaftskrise enorme Angriffe auf die Arbeiterklasse durch die Bourgeoise und ihre Regierung. Die Gesetzgebungen, welche fixierte Löhne und Vorgaben für Ausbildungsbedingungen festschrieben, wurden aufgehoben. Gleichzeitig wurden Korngesetze erlassen, die die Preise für Getreide und damit auch für Brot, einem Grundnahrungsmittel der Arbeiterklasse, künstlich in die Höhe trieben. Zusammen mit Massenarbeitslosigkeit und den bereits elendigen Lebensverhältnissen sorgte das für steigenden Klassenhass auf die Bourgeoisie und die landbesitzende Aristokratie. Massenkundgebungen und Demonstrationen fanden im ganzen Land statt. Sie wurden durch den Staat massiv unterdrückt.

Der Höhepunkt war das Peterloo-Massaker auf dem St. Peter´s Field bei Manchester am 16. August 1819. Bis zu 200.000 Arbeiterinnen und Arbeiter versammelten sich dort. Sie trugen Banner mit Aufschriften wie „Allgemeines Wahlrecht“, „Jährliche Parlamente“ sowie „Freiheit und Brüderlichkeit“. Diese Versammlung wurde von den Herrschenden für eine Abrechnung genutzt. Eine Kavalleriekompanie ermordete fünfzehn Protestierende und verletzte über 650 weitere. Dieses Verbrechen brannte sich fest in das Bewusstsein der Arbeiterklasse ein. Mit ihm auch der Kampf um Demokratie, der für die allgemeine Beseitigung der Klassengegensätze, also gegen die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, geführt wurde.

Unabhängiger Klassenstandpunkt

Die Bestrebungen nach mehr demokratischen Rechten wurden 1831 von der Bourgeoisie aufgegriffen. Sie machten den Ruf nach einer parlamentarischen Reform zu ihrem politischen Banner. Die Bourgeoisie stütze sich auf die Arbeiterklasse, um sich gegen die Aristokratie durchzusetzen. Das Parlament wurde 1832 reformiert. Die Bourgeoisie übernahm die politische Macht, indem auch die Industriestädte im Parlament repräsentiert werden konnten. Aber die Arbeiterklasse blieb vom Wahlrecht ausgeschlossen.

Dieser Verrat spaltete die radikale Bewegung entlang von Klassenlinien. Das war eine wichtige Erfahrung, um das Klassenbewusstsein der Arbeiterklasse zu heben. Die Illusionen in Klassenzusammenarbeit waren für eine lange Zeit erschüttert.

Um radikale Ideen zu verbreiten und Unterstützer für weiterreichende Reformen und revolutionäre Ideen zu gewinnen, wurden verschiedene Zeitungen herausgegeben. Sie sprachen im Namen der Arbeiterklasse und vertraten ihre Interessen. Sie wurden von zehntausenden und gar hunderttausenden gelesen. Darunter Zeitungen wie „Black Dwarf“, „Tribune of the People“, „Poor Man´s Guardian“ und später das Hauptorgan der Chartisten, der „Northern Star“. Die Regierungen bekämpften diese Zeitungen, die von den Kämpfen der Arbeiterklasse, ihren Lebensverhältnissen, den Betrügereien der Herrschenden und Regierenden berichteten und die Arbeiterklasse zum Kampf für Demokratie und gegen Ausbeutung aufforderten. Viele gingen ins Gefängnis für ihren Kampf für eine Arbeiterpresse.

Die Gewerkschaften waren zu dieser Zeit mit enormer Repression konfrontiert. Sie wurden immer wieder verboten und musste im Untergrund arbeiten. Aber es war nicht möglich sie auszulöschen, denn als Mittel im Klassenkampf gegen die Kapitalistenklasse, waren die Arbeiter genötigt sich zusammenzuschließen, Solidarität zu zeigen und Streiks zu organisieren.

Von der Utopie zur Wissenschaft

Im Jahr 1833 machte der utopische Sozialist und Industrielle Robert Owen den Versuch die Gewerkschaftsbewegung durch die Gründung der „Grand National Consolidated Trades Union“ zu vereinen. Er scheiterte, weil die Bourgeoisie auf die Streikbewegung mit einer Offensive antwortete. Die Streikkassen leerten sich, Streiks gingen verloren und Differenzen in der Bewegung führten zur Auflösung des Verbandes. In den darauffolgenden Jahren kam es in den ökonomischen Auseinandersetzungen zu weiteren Niederlagen. Sie bereiteten den Boden für den Chartismus.

Zu dieser Zeit machten auch die ersten sozialistischen Ökonomen wie J. Gray, T. Hodgskin, W. Thompson und F. Bray, gestützt auf die Ideen der klassischen bürgerlichen Ökonomen A. Smith und D. Riccardo, Schritte hin zu einem wissenschaftlichen Verständnis der im Kapitalismus wirkenden Gesetze. Jedoch schafften sie es nicht hinter das Geheimnis des Mehrwerts und der Rolle der Arbeitskraft zu kommen. Erst später gelang Marx der Durchbruch.

Aber auch weitere Ideen wurden in der Bewegung der Chartisten breit diskutiert. So die Ideen vom Generalstreik als Mittel im Kampf gegen die Bourgeoisie, wie auch die damit verbundene Notwendigkeit des Aufstandes gegen das herrschende System und die Übernahme der politischen Macht durch die Arbeiterklasse durch eine Arbeiterregierung. Ihre Pionierarbeit musste durch die Erfahrungen der Pariser Kommune und der Russischen Revolution 1905 ergänzt werden, um 1917 erfolgreich zum Einsatz zu kommen.

Die führenden Revolutionäre der Chartisten-Bewegung machten die ersten Schritte hin zu einer materialistischen Geschichtsauffassung der Gesellschaft. So Bronterre O´Brien, der erkannte, dass die Gesellschaft entlang von Klassen gespalten ist und diese Klassen im Kampf gegeneinander ihre Interessen durchzusetzen versuchen. Wenn die Arbeiterklasse sich also von Ausbeutung und Unterdrückung befreien will, muss sie die politische Macht erkämpfen.

Kampf um politische Macht

Ein Mittel zu diesem Zweck war die “People’s Charter” mit ihren sechs demokratischen Forderungen, welche 1838 von einer nationalen Versammlung delegierter Arbeiterführer aus allen Ecken und Enden des Königreichs erarbeitet wurde. Sie war die Geburtsstunde des Chartismus. Die People´s Charter war das revolutionär-demokratische Programm, das das allgemeine Wahlrecht, jährlich gewählte Parlamente und andere demokratische Rechte bringen sollte. Die Arbeiterinnen und Arbeiter, sowie die revolutionären Pioniere, füllten die Charter mit dem sozialen Inhalt, der die vollständige Überwindung der Klassengesellschaft war. Die People´s Charter war das erste unabhängige Programm der Arbeiterbewegung, das 1840 in die Gründung der ersten revolutionären Arbeiterpartei, der „National Charter Association of Great Britain“ (NCA) mündete.

Der Chartismus war das erste Aufbegehren der britischen Arbeiterklasse, zur Eroberung der politischen Macht. Drei Mal nahm die Arbeiterklasse Anlauf zu diesem Vorhaben: 1839, 1842 und 1848. Mit Petitionen, Generalstreiks, Massendemonstrationen, bewaffneten Aufständen und Kämpfen gegen den Staat machten sie sich an ihre eigene Befreiung.

Die Bewegung scheiterte nicht zuletzt daran, dass sie in zwei große Lager die „Moral Force“ Chartisten (Moralischen Kräfte - Reformisten) und „Physical Force“ Chartisten (Physischen Kräfte - Revolutionäre) gespalten war. Die Revolutionäre hatten zwar über weite Strecken den größten Rückhalt in der Arbeiterklasse, aber sie waren nun mal Pioniere, die ihre ersten Schritte im Kampf gegen den Kapitalismus machten. Ihre Ideen strebten in die richtige Richtung, aber die mangelnde Erfahrung erlaubt es ihnen nicht, die Funktionsweise des Kapitalismus und der bürgerlichen Herrschaft vollständig zu verstehen und erfolgreich zu bekämpfen. Ihre Erfahrungen bildeten den Grundstein für den Marxismus, die einzige revolutionäre Theorie, die eine wirkliche Anleitung im Kampf gegen den Kapitalismus bietet.

Aus der Geschichte lernen und die Zukunft gewinnen

Damals war der Kapitalismus erst am Anfang seiner vollen Entfaltung. Heute hat er den absteigenden Ast im Eilschritt beschritten. Damals konnte nach demScheitern der revolutionären Bewegung der Chartisten, der langsame Pfad des Reformismus beschritten werden. Heute ist der Reformismus in einer vollständigen Sackgasse angelangt. Verhältnisse aus den Zeiten des „Manchester Kapitalismus“ kriechen wieder zurück in unseren Alltag. Heute gibt es keinen Raum mehr für kleinschrittige Manöver hin zu einer besseren Zukunft. Besonders die durch den Kapitalismus erzeugte Klimakrise bedroht die Existenz der gesamten Menschheit.

Wir müssen wieder zu dem Kampfgeist der Pioniere der Arbeiterbewegung und der sozialistischen Revolution zurückkommen. Um für die kommenden sozialen Erhebungen, Massenstreiks und Revolutionen gewappnet zu sein, müssen wir aus der Geschichte unserer Klasse lernen. Die Opferbereitschaft, mit der die Pioniere der Arbeiterbewegung und des revolutionären Sozialismus, den Herrschenden und Regierenden die Stirn geboten haben, ist uns ein Quell der Inspiration. Wir stehen auf den Schultern von Giganten. Manche von ihnen haben wir bis heute nicht vergessen oder entdecken sie wieder. Die meisten aber sind namenlos in diesem Kampf für eine freie Gesellschaft gefallen. Halten wir ihr Andenken hoch, indem wir ihre Erfahrungen studieren und die internationale revolutionäre Organisation der Arbeiterklasse aufbauen!

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