Kategorie: Kultur

Alter Adel möchte zurück an die Sonne

Nicht nur in Deutschland erregen Adelsfamilien mit Besitzansprüchen öffentliches Aufsehen. In Russland feiert ein Romanow Hochzeit, in Rumänien und anderen osteuropäischen Staaten krallen sich (ehemalige) Monarchen Besitztümer in Milliardenhöhe unter den Nagel.

Bild: Romanovs 1914/Wikimedia Commons


Die Kapitalistenklasse und staatliche Bürokratien nutzen diese überkommenen Kreaturen für ihre reaktionären Zwecke. Die Arbeiterklasse muss das kapitalistische System stürzen, damit dieses groteske Schauspiel ein Ende findet.

Kürzlich fand in der Isaakskathedrale in Sankt Petersburg (offiziell ein Museum), einer der größten und ältesten Kathedralen Russlands, eine „königliche“ Hochzeit statt. Ein Nachkomme eines Zweiges der Romanow-Familie, ein ehemaliger europäischer Bürokrat und heutiger Geschäftsmann, Georgi Michailowitsch Romanow, heiratete die Tochter eines italienischen Diplomaten, Rebecca Bettarini. Rund 1.500 Gäste nahmen an der Zeremonie teil, darunter eine lange Liste selbsternannter Monarchen ohne eigenes Königreich, wie bulgarische, serbische, rumänische und andere „Königsfamilien“. An der Hochzeit nahmen auch eine Reihe von Milliardären mit monarchistischen Sympathien (wie Konstantin Malofejew), neofaschistische und andere rechtsradikale Politiker aus ganz Europa (wie Alexandr Dugin) sowie eine Reihe von russischen Beamten teil. Die „kaiserliche“ Hochzeit wurde vom 154. Preobraschenskij unabhängige Kommandanten Regiment begleitet, einer modernen Nachahmung des alten zaristischen Preobraschenskij-Regiments. Nach der Zeremonie zogen die Gäste in den Konstantinpalast, eine ehemalige Romanow-Residenz, die 2013 auf Putins Anordnung hin restauriert und zur Präsidentenresidenz umfunktioniert wurde.

Dieser groteske Anblick der selbsternannten Aristokraten, die auf Kosten und mit voller Unterstützung der russischen Regierung ein großes Fest feiern, ist nur ein kleiner Teil des großen Ganzen. Um zu verstehen, was vor sich geht, müssen wir einige wesentliche Fakten über diesen Zweig der Familie Romanow erörtern.

Wer ist dieser Romanow?

Der verheiratete Geschäftsmann hat eine uninteressante Biografie. Georgi Romanow wurde in Madrid und später in Oxford ausgebildet. In Brüssel arbeitete er im Europäischen Parlament. Später zog er nach Luxemburg, wo er in der Generaldirektion für Atomenergie und Sicherheit der Europäischen Kommission tätig war. Am 12. Dezember 2008 wurde er zum Assistenten des Generaldirektors von MMC Norilsk Nickel ernannt, einem bekannten russischen Nickelbergbauunternehmen, das in den 90er Jahren auf betrügerische Weise privatisiert wurde. Im Jahr 2014 gründete er sein eigenes Unternehmen, Romanoff & Partners, in Brüssel.

Er ist einer der Enkel des Großfürsten Wladimir Kirillowitsch von Russland, Sohn des Bruders von Nikolaus II., der nach der Oktoberrevolution ins Exil ging. Wladimir Kirillowitsch war nur für zwei Dinge bekannt: Er war ein entfernter Verwandter von Nikolaus II. und ein Unterstützer des Nazi-Regimes und der Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs. Am 26. Juni 1941, nur wenige Tage nachdem Nazi-Deutschland einen Krieg begonnen hatte, der dem sowjetischen Volk 28 Millionen Menschen das Leben kosten sollte, rief Wladimir Kirillowitsch die Faschisten in aller Welt auf, „alles zu tun, was in euren Kräften steht, um das bolschewistische Regime zu stürzen und unser Vaterland vom schrecklichen Joch des Kommunismus zu befreien“.

Nach Kriegsende siedelte Wladimir Kirillowitsch mit seiner Familie in das französisch geprägte Spanien über, wo er, abgesehen von einigen seltenen Besuchen auf seinen Gütern in der Normandie, den größten Teil seines Lebens verbrachte. Im Jahr 1952 rief er die Westmächte zum Krieg gegen die Sowjetunion auf. Im November 1991 konnte er Russland besuchen, als ihn der Bürgermeister von St. Petersburg, Anatoli Sobtschak, ein ehemaliger sowjetischer Bürokrat, zu einem Besuch einlud.

Wladimir Kirillowitsch lebte nicht mehr lange genug, um mitzuerleben, wie sein Enkel eine luxuriöse Hochzeit im Zentrum der Stadt feierte, in der die Oktoberrevolution begann und in der 1942 eine Million Menschen ihr Leben ließen, um den deutschen Faschismus zu bekämpfen und „unter dem Joch des Kommunismus“ zu bleiben – eine der größten Schlachten des 20. Jahrhunderts, die als „Belagerung von Leningrad“ bekannt wurde.

Liberale und Reaktionäre Hand in Hand

Die russische Oligarchie – ehemalige Mafiaführern, Bürokraten, Politiker und diejenigen, die dank der barbarischen Privatisierung der sowjetischen Industrie ein verblüffendes Vermögen gemacht haben – betrachtet diese tragisch-komischen Hochzeit als einen weiteren Schritt hin zur Rückkehr der Romanows und damit eine Rückkehr der alten Zeit. Die Bourgeoisie nahm sich das Land zurück. Warum also nicht den Romanows helfen, das Gleiche zu tun? Die Hochzeit wurde nicht nur von staatlich unterstützten oder rechtsgerichteten Medien gefeiert, sondern auch von vielen „Liberalen“, die behaupten, in Opposition zu Putins Regime zu stehen. Einige Publikationen nannten dies „die Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit“.

Die Regierung ist zufrieden und die „Opposition“ ist es auch. Dieses Ereignis zeigt die wunderbare Einigkeit der herrschenden Klasse in Russland. Und leider ist dieser Prozess in Osteuropa keine Seltenheit. In Rumänien, Bulgarien, Serbien und Montenegro haben die Nachkommen der ehemaligen Monarchen riesige Besitztümer, Paläste, Ländereien und Kunstwerke erworben. Ihr Wert wird manchmal auf Hunderte von Millionen Dollar geschätzt.

„Unterdrückte“ Bojaren

Rumänien ging am weitesten und richtete 2005 die Nationale Behörde für die Rückgabe von Eigentum ein. Auf dem Papier war diese Institution für die „Rückgabe von Eigentum, das während des totalitären kommunistischen Regimes beschlagnahmt wurde“, zuständig. Tatsächlich aber war das einzige Ziel dieser Behörde, einen der größten Diebstähle in der rumänischen Geschichte durchzuführen. Gemacht wird das wie folgt:

Sie sind ein rumänischer Beamter oder stehen in Verbindung mit einem rumänischen Politiker. Sie nehmen diskret Kontakt zu den Nachkommen einer „Bojaren“-Familie auf, die seit dem Zweiten Weltkrieg im Ausland lebt, und sagen ihnen, dass sie die Rechte an einer bestimmten Immobilie oder einem Kunstwerk haben. Sie müssen jedoch hinzufügen: „Sie müssen verstehen, dass dieser Prozess schwierig ist“, daher sollten diese entfernten Verwandten einer „unterdrückten“ Familie Ihnen, dem rumänischen Beamten, als Zeichen des guten Willens einen bestimmten Prozentsatz dieses Eigentums zahlen. Etwa 90 Prozent. Natürlich nur, wenn diese Nachkommen tatsächlich in der Lage sind, ihr Recht auf dieses Eigentum zu beweisen. Die Immobilie oder das Kunstwerk wird „restituiert“, also verkauft, und der Anteil wird entsprechend dem Plan aufgeteilt. Der Gesamtwert der seit 2005 „restituierten“ Immobilien wird derzeit auf über 1,2 Milliarden Dollar in heutigen Preisen geschätzt.

Einige der Gebäude wurden als Schulen und Krankenhäuser genutzt. Nach der „Rückgabe“ musste der rumänische Staat „Miete“ für ihre Nutzung zahlen. Nachdem sechs Schulen und ein Kindergarten im Wesentlichen an die Mafia verschenkt worden waren, mussten die lokalen Behörden jährlich 750.000 Euro zahlen.

Eines der berüchtigtsten Beispiele ist die Übertragung des Schloss Peleș, des Elisabeth-Palastes in Bukarest und anderer Immobilien, die sich im Besitz des ehemaligen rumänischen Königs Michael I. und seiner Kinder befanden oder von ihnen genutzt wurden.

Die Kirche und der Adel

Dasselbe geschah in Serbien, wo Alexander II. von Jugoslawien (Alexander II. Karađorđević) das Recht erhalten hatte, mit seiner Familie in dem luxuriösen Königspalast in Dedinje nahe der Hauptstadt zu leben. In beiden Fällen unterstützten die orthodoxe Kirche, eine Reihe von Politikern und Oligarchen diese „Rückkehr ins Heimatland“. Sie nutzten die Bilder eines ehemaligen Monarchen, der ihnen die Hand schüttelte, in vollen Zügen aus. Das Prestige und die Medienpräsenz, die man als Freund eines „Monarchen“ genießt, müssen von der herrschenden Klasse in Form von Vermögenswerten belohnt werden, und das wurde auch getan.

Das surrealste Beispiel für die Rückkehr eines „Monarchen“ war das von Simeon von Sachsen-Coburg und Gotha. Der Sohn des letzten bulgarischen Zaren, der damals kaum die bulgarische Sprache sprach, kehrte 1996 in sein Heimatland zurück, gründete die politische Partei Nationale Bewegung Simeon II (NMSP) und wurde von Juli 2001 bis August 2005 zum Ministerpräsidenten von Bulgarien gewählt. Bei den nächsten Wahlen beteiligte er sich als Vorsitzender der NMSP ironischerweise an einer Koalitionsregierung mit der Bulgarischen Sozialistischen Partei. Seine Regierung war eine ständige Folge von Privatisierungen, Korruptionsskandalen, Massenflucht und einer weiteren Verschlechterung des Lebensstandards der bulgarischen Arbeiterklasse. Nachdem die NMSP im Jahr 2009 keine Sitze im Parlament gewinnen konnte, zog er sich aus der Politik zurück. Am 1. Mai 2015 gab die bulgarisch-orthodoxe Kirche bekannt, dass Simeon von Sachsen-Coburg und Gotha in allen öffentlichen und privaten Gottesdiensten als Zar von Bulgarien bezeichnet wird.

Gott, König und Eigentum!

Die Nachkommen der abgesetzten Monarchen (oder der tatsächlichen Monarchen) spielen eine besondere Rolle für die herrschende Klasse. Sie dienen als ideologisches Symbol für die Elite, als Erinnerung daran, dass Macht und Eigentum erblich übertragen werden können, Generation für Generation, Jahrhundert für Jahrhundert. Die Vorstellung, dass ein Monarch „von Gottes Gnaden“ regiert, ist nicht nur ein Gesprächsthema auf einer luxuriösen Party in einem Vorort von Sankt Petersburg, sondern auch eine propagandistische und politische Aussage.

Die „königlichen Familien“, die Osteuropa nach der Oktoberrevolution und nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen haben, sind hoch organisierte, sehr motivierte und wohlhabende Gegner aller demokratischen politischen Kräfte, geschweige denn sozialistischer Kräfte. Sie nutzen ihre Familiengeschichte, um Unterstützung für Politiker zu gewinnen, die ihnen am meisten einbringen. Die alte Elite versucht nicht, die Monarchie als Regierungssystem wiederherzustellen. Sie verkauft lediglich ihre Dienste an die neue, wahre Elite, an diejenigen, die das Eigentum in Osteuropa kontrollieren und solche teuren Freundschaften bezahlen können. Die ehemaligen Aristokraten finden ihren Weg, sich in die heutige herrschende Klasse zu integrieren. Sie werden sich nicht mit Regeln einschränken, die eine zweite Ehe verbieten oder eine „Bürgerliche“ heiraten. Die Traditionen der Vergangenheit sind nur so wichtig, wie der finanzielle Gewinn, der sich aus der Beibehaltung dieser Traditionen ergeben wird.

Nieder mit dem Privateigentum

Alle Linken müssen sich darüber im Klaren sein, dass Organisationen, die für die Wiederherstellung der Monarchie eintreten und im 21. Jahrhundert wie harmlose Freaks aussehen, in Wirklichkeit gefährliche, sehr gut organisierte rechte und manchmal neofaschistische Gruppen sind. (Ehemalige) Monarchen und Adlige werden von der herrschenden Kapitalistenklasse als ideologisches Mittel für reaktionäre Zwecke genutzt. Einige Exemplare dieser völlig überkommenen Spezies versuchen alles Erdenkliche um ihr früheres Eigentum (oder Eigentum, das ihnen nie gehörte) zurückzuerlangen, dafür nutzen sich auch die radikalsten und reaktionärsten Kräfte, um an Reichtum und Macht zu gelangen.

Als Marxisten und Sozialisten müssen wir uns öffentlich gegen die Ansprüche dieser Gruppen und Aristokraten stellen. Wir fordern die Enteignung aller Adelsfamilien und kämpfen unablässig für ein Gesellschaftssystem, in dem der Gedanke an erbliche Macht und großen privaten Besitz so barbarisch erscheint wie die Sklaverei in der Römerzeit. Wir brauchen Sozialismus, d.h. gesellschaftliches Eigentum über Produktionsmittel und Land sowie internationale Planwirtschaft unter Kontrolle der Arbeiterklasse.


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