Kategorie: Kultur

Buchrezension zu „Working Class“: Warum sinken unsere Lebensstandards?

In ihrem Buch „Working Class: Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können“ beschreibt Julia Friedrichs anschaulich, wie die Lebensstandards der Arbeiterklasse immer weiter sinken. Eine Erklärung dafür kann sie aber nicht geben. Doch mit einer korrekten Klassenanalyse wird deutlich: Hinter der Entwicklung stecken Überproduktionskrisen.

Bild: der funke


Es gab eine „große Verschiebung“ im Kapitalismus der letzten 30 Jahre, schreibt die Journalistin Julia Friedrichs in ihrem Buch „Working Class: Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können“. Die Autorin geht nämlich von folgender Prämisse aus: Das Versprechen für kommende Generationen, dass sie es einmal besser haben werden als ihre Vorgänger, gilt heute nicht mehr. „Arbeit hat verloren und Kapital gewonnen“, heißt es in dem Buch. Das will Friedrichs anhand von bewegenden, aber leider alltäglichen Schicksalen zeigen: Es geht etwa um Sait, eine ungelernte Reinigungskraft in den Berliner U-Bahnhöfen, um Alexandra, eine promovierte Musiklehrerin ohne Aussicht auf einen festen Vertrag, und um den Büroangestellten Christian, der sich nach einem schweren Unfall zurück ins Arbeitsleben kämpfen will.

Sie alle haben eines gemeinsam: Wie die Mehrheit der Menschen in Deutschland stehen Sait, Alexandra und Christian auf der verlierenden Seite im Verteilungskampf. Denn sie sind Teil der „Working Class“, wie es Friedrichs nennt. Ihre Definition dieser Klasse: „Es sind Menschen, die arbeiten, um Geld zum Leben zu haben. […] Menschen, für die gilt: Nettoeinkommen gleich Monatsbudget ohne Rücklagen-Netz und doppelten Familien-Vermögensboden.“ Und egal wie sehr sich die Mitglieder der Working Class anstrengen: Vom gesellschaftlichen Reichtum kommt gerade immer weniger bei ihnen an. Wie das Buch zeigt, hat die Corona-Krise diese Zustände noch verschärft.

Bewusst entscheidet sie sich gegen den Begriff Arbeiterklasse, um mit den überlieferten Bildern von rußverschmierten Kohlekumpeln oder Malochern am Fließband zu brechen. Doch egal ob Bergarbeiter, Erzieherin, Paketzusteller oder Krankenpflegerin – warum wir als Marxisten von der Arbeiterklasse sprechen, ist ihre Rolle in den Produktionsverhältnissen des Kapitalismus. Und nur darüber können wir das erklären, worauf Friedrichs in ihrem Buch keine Antwort geben kann: Woher die Krisen und die daraus folgenden Angriffe auf die Lebensstandards der Arbeiterklasse kommen.

Kein Aufschwung ist von Dauer

Wie Friedrichs richtig feststellt, müssen die meisten Menschen einer Lohnarbeit nachgehen. Aber warum ist das so? Im Kapitalismus spaltet sich die Gesellschaft in zwei Klassen, die sich aus dem Privateigentum an den Produktionsmitteln ergeben. Auf der einen Seite gibt es die Kapitalistenklasse, die über alle für die Produktion notwendigen Hilfsmittel, zum Beispiel Fabriken, Maschinen oder Rohstoffe, verfügt. Das sind die sogenannten Produktionsmittel. Auf der anderen Seite haben wir die Arbeiterklasse, die nichts besitzt als ihre Arbeitskraft.

Um zu überleben, ist die Mehrheit der Menschheit also gezwungen, für die Kapitalisten im Austausch gegen einen Lohn zu arbeiten. Mit diesem Lohn müssen sie sich die Waren, die sie als Arbeiterklasse produziert haben, auf dem Markt zurückkaufen. Die Lohnabhängigen bekommen im Wesentlichen gerade so viel bezahlt, wie sie zum Überleben brauchen. Doch während ihrer Arbeitszeit stellen sie einen höheren Wert an Waren her, als sie als Lohn erhalten. Über diesen Mehrwert, wie Karl Marx den Zusammenhang nennt, machen die Kapitalisten ihre Profite.

Den Mehrwert investieren die Kapitalisten, bis auf einen ständig wachsenden Teil, den sie selbst konsumieren oder verspekulieren, zurück in die Produktion. Der Wettbewerb zwischen den Unternehmen macht immer größere Produktionsanlagen notwendig. Doch die Märkte können auf die Dauer nicht schritthalten mit dem Anstieg der Produktionskapazitäten. Es werden mehr Waren produziert, als zahlungsfähige Nachfrage nach ihnen besteht. Man spricht hierbei von Überproduktion. Diese ist ein wesentlicher Bestandteil des Kapitalismus. Sie führt zu den immer wiederkehrenden Wirtschaftskrisen und erklärt den Konjunkturzyklus – also den regelmäßigen Wechsel zwischen Aufschwung und Rezession.

Ein Teufelskreis mit Folgen

Und so sind die Angriffe auf die Lebensstandards der Arbeiterklasse auch keine „große Verschiebung“ des Kapitalismus, wie Friedrichs in „Working Class“ schreibt. Diese Einschnitte sind eine Notwendigkeit im Wirtschaftssystem. In einem wirtschaftlichen Aufschwung kann die Arbeiterklasse Zugeständnisse von den Kapitalisten erkämpfen. So erklären sich die Errungenschaften der Nachkriegszeit, auf die Friedrichs immer wieder nostalgisch zurückblickt. Doch jeder Aufschwung endet aufgrund der beschriebenen Dynamik zwangsläufig in einer Überproduktionskrise. Und dann können sich die Herrschenden ihre Zugeständnisse nicht mehr leisten. Eine Flexibilisierung der Arbeitszeit, Kurzarbeit, sinkende Löhne und Massenentlassung sind die Folge – alles Phänomene, die wir sowohl in der aktuellen Wirtschaftskrise als auch in den vorherigen beobachten können.

Doch damit legen die Kapitalisten schon die Grundlage für die nächste Überproduktionskrise. Indem sie die Lebensstandards der Arbeiterklasse senkt, beschneidet sie gleichzeitig deren Kaufkraft. Das gleiche passiert, wenn der Staat mit Subventionen und Rettungspaketen einschreitet. Auch hier werden zwangsläufig die Profite der Kapitalisten gefährdet: Denn die Finanzspritzen müssen entweder über Steuern auf die Unternehmen oder die Arbeiterklasse zurückgezahlt werden. Der Kapitalismus bietet keine Lösung für diesen Teufelskreis.

Friedrichs plädiert am Ende ihres Buches für Verzicht. Die Superreichen sollen sich etwas zurücknehmen, und die Babyboomer einsehen, dass sie über ihre Verhältnisse gelebt haben. Deswegen wäre es laut Friedrichs am besten, wenn sie jetzt einen Teil ihrer Rente abgeben würden zur Finanzierung künftiger Generationen. Aber das würde nichts ändern. Denn mit einer korrekten Klassenanalyse sehen wir: Einen Kapitalismus ohne Ausbeutung, Angriffe auf unsere Lebensstandards und Krisen gibt es nicht. Deswegen ist die Lösung nicht Bescheidenheit oder Verzicht. Wir haben eine Welt zu gewinnen – und zwar eine Welt ohne Überproduktion, bei der gleichzeitig Menschen ohne Obdach leben, verhungern oder an behandelbaren Krankheiten sterben. Deswegen müssen wir das Privateigentum der Kapitalisten an den Produktionsmitteln aufheben. Dann können wir eine demokratisch geplante Wirtschaft errichten, in der nach den Bedürfnissen der Menschen und nicht nach dem Profit produziert wird. Nur so werden wir den Teufelskreis der Überproduktion durchbrechen.

Julia Friedrichs: Working Class: Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können. Berlin Verlag, 318 Seiten, 22,00€.

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