Kategorie: Kultur

Esteban Volkov: Erinnerungen an Leo Trotzki

Am 21. August 1940 starb der große Revolutionär und marxistische Theoretiker Leo Trotzki im mexikanischen Exil an den Folgen des brutalen Attentats durch einen stalinistischen Agenten. Zum Gedenken an den 67. Jahrestag seiner Ermordung veröffentlichen wir an dieser Stelle eine Rede von Esteban Volkov, der Enkel von Trotzki, die er Ende Juli 2003 auf der internationalen Schulung der International Marxist Tendency (IMT) in Barcelona hielt.




Es ist in der heutigen Zeit sehr wichtig, in der Flut von Irritationen und Verfälschungen wieder die historische Wahrheit zu etablieren. Denn die Unterdrücker und Ausbeuter auf der Welt sind an der Aufrechterhaltung des Status Quo interessiert. Wir müssen uns tagtäglich gegen die Lügen wenden, die die Verteidiger des kapitalistischen Systems verbreiten, um ihr System als das einzig Wahre darzustellen.

Ich bin kein Experte auf dem Gebiet der Religion, aber ich glaube, sie beinhaltet eine große Wahrheit: Die Existenz der Hölle. Der einzige kleine Fehler, den die Religion dabei machte, ist ihre Ortsbestimmung. Es ist nicht der Untergrund, in dem sich die Hölle abspielt, sondern hier an der Oberfläche unter der Herrschaft des Privateigentums und des Kapitals. In dieser Hölle leben Dreiviertel der Menschheit. Und der technische und wissenschaftliche Fortschritt dient der effizienteren Ausbeutung der Menschen und der natürlichen Ressourcen. Die Mehrzahl der Menschen steht heute vor der Wahl: Tod durch Verhungern oder Tod durch Bomben.

Hat sich die Revolution gelohnt?

Eine wichtige Frage wird immer wieder gestellt: Hat sich die Oktoberrevolution 1917 angesichts ihres weiteren Verlaufs überhaupt gelohnt? Die Revolution endete im Stalinismus mit Millionen Toten bei gleichzeitiger Vernichtung der großen Mehrheit der weltweiten revolutionären Bewegungen. Somit trug der Stalinismus direkt dazu bei, dass der Kapitalismus in seiner destruktivsten und parasitärsten Phase überlebte. Dennoch besteht kein Zweifel. Die Antwort ist eindeutig, wenn es darum geht, die Menschheit aus dieser kapitalistischen Hölle und bürokratischen Totalitarismus zu befreien und eine neue Zivilisation aufzubauen, in der der Mensch nicht mehr als zu verwertendes Objekt betrachtet wird. Um dieses Ziel zu erreichen, ist kein Preis oder Opfer zu hoch.
Einige Sätze, die Trotzki anläßlich der Gründung der IV. Internationale an die amerikanischen Genossen richtete, kommen mir in Erinnerung:

"Es gab nie eine größere Aufgabe auf der Erde. Unsere Partei verlangt, daß wir uns der Sache völlig widmen. Als Entschädigung dafür erhalten wir die höchste Genugtuung. Das Bewußtsein, dass wir am Aufbau einer besseren Zukunft beteiligt sind. Und jeder von uns trägt einen Teil der Hoffnung der Menschheit auf seinen Schultern. Unser Leben ist dann nicht umsonst gelebt worden."

Das Leben des Revolutionärs Leo Trotzki bestätigt diese Worte. Ein Leben, das vollständig der Revolution gewidmet war und welches schließlich im Namen der Revolution endete.
Trotzki verstand wie kein anderer die Rolle der stalinistischen Bürokratie als Bremse der Revolution. In seinem letzten Lebensabschnitt, welchen er als seinen wichtigsten betrachtete, widmete er sich dem Aufbau einer neuen revolutionären Organisation sowie dem Kampf gegen das stalinistische Regime, welches er demaskieren wollte. Sein mutiger Kampf ließ den Tyrannen im Kreml erzittern. Die Ermordung Leo Trotzkis wurde nun zur Hauptaufgabe Stalins, weil er die Demaskierung fürchtete. Stalin stellte hierfür unbegrenzte ökonomische und menschliche Ressourcen zur Verfügung. Das "Ziel" wurde schließlich am 20. August 1940 erreicht.
Stalin und seine Vollstrecker nehmen nun immer mehr den Platz in der Geschichte ein, der ihnen auch zusteht: als Abfalleimer der Geschichte. Stalin nimmt dabei einen Platz im Horrorkabinett neben Nero und Caligula ein.
Der Redner hier ist der letzte verbleibende Überlebende, der Zeuge des letzten Kapitels von Leo Trotzkis Leben in Mexiko war.

Ich siedelte im August 1939 mit der Witwe Leon Sedows in Begleitung des Ehepaars Rosmer, die sehr gute Freunde Trotzkis waren, von Paris nach Mexiko um. In Paris lebte ich mit der Witwe Leon Sedows zusammen. Das Leben in Paris mit Jeanne war sehr hart, weil sie den Schmerz über den Verlust ihres Mannes über sich ergehen lassen mußte.

Das Haus in Coyoacán

Für mich stellte der Umzug nach Mexiko eine große Veränderung dar. Ich war 13 Jahre alt, als ich das Haus - Wiener Str. 19 - in Coyoacán erreichte. Ich erinnere mich, dass es in jenem Haus, in dem Trotzki lebte, eine kleine Gemeinschaft von Aktivisten gab, die wie eine große Familie war. Sie bildete eine kleine Avantgarde des Sozialismus, wo eine Atmosphäre der Arbeit, der menschlichen Nähe und der Solidarität herrschte. Natalia und Leo Trotzki waren von einer Gruppe junger Genossen aus unterschiedlichen Ländern umgeben. Hauptsächlich waren es aber US-Amerikaner, die sich freiwillig an den alltäglichen Arbeiten im Haus beteiligten. Die einen waren z.B. als Sekretäre tätig und die anderen als Wachen.
Im Haus gab es immer sehr viel zu tun. Auch Trotzki war sehr aktiv und lebhaft.

Denn er war sich bewußt, daß seine Tage gezählt waren. In dieser begrenzten Zeit wollte er seine Aufgaben so weit wie möglich weiterführen. Doch auch in der schwierigen Zeit hat er nie die politische Ausbildung der Genossen vernachlässigt. Es fanden jeden Tag nachmittags und abends Treffen und Diskussionen in seinem Büro statt, das auch gleichzeitig sein Arbeitszimmer war. Charakteristisch für die Person Trotzki war es auch, dass er nie seinen großartigen Humor verlor und dass er immer für die Genossen ansprechbar war. Außerdem war er eine Person mit sehr viel menschlicher Wärme. Er konnte aber auch sehr streng werden, wenn es um die Einhaltung von Regeln ging. Ein Beispiel: Ein junger Wachtposte und Genosse, Robert Sheldon Hart, hatte einmal vergessen, die Tür zu schließen, als er nach Hause kam. Trotzki sagte daraufhin warnend an Sheldon, dass es ein unverzeihlicher Fehler sei, denn schließlich könne er selbst das erste Opfer seiner Unachtsamkeit sein.

Ein anderer Aspekt in Trotzkis Person war der Respekt vor der menschlichen Arbeit. Er erkannte keine Privilegien an. Diese Einstellung begleitete das Wesen Trotzkis. So legte er auch im Haus selbst Hand an.
Ich erinnere mich an eine Äußerung von André Malraux, als er Trotzki, um ihn zu überraschen, einmal über den Tod befragte und was er diesbezüglich fühlen würde. Daraufhin antwortete Trotzki gelassen, dass der Tod überhaupt kein Problem sei, wenn man seine Aufgaben im Leben erfüllt hat.

Im Haus gab es lebhafte Aktivitäten. Das Haus war in einem schlimmen Zustand. Viele Reparaturen und Bauarbeiten waren nötig. Ein mexikanischer Genosse, Mequiades, ein gelernter Schreiner, baute Hühnerställe und einen Kaninchenstall. Ein anderer Genosse, Alex Buchmann, der ein gelernter Fotograph war, kümmerte sich um die Elektronik und installierte die Alarmanlage. Das beste Fotoarchiv und die letzten Fotos von Trotzki stammen von ihm, der übrigens erst kürzlich verstorben ist.

In vielen Büchern wird das Haus falsch beschrieben. Denn am Anfang war das Haus keine Festung. Es gab nur hohe Mauern und innerhalb dieser Mauern wurden Drähte für die Alarmanlage angebracht. Bei der geringsten Berührung wurde sofort der Alarm ausgelöst. Nun gab es dort sehr viele Tauben, so dass die Wachtposten viel zu tun hatten, weil diese Tauben ständig Alarm auslösten. So kam es dann vor, dass die Wachposten mit Pistolen hinter den vermeintlichen Eindringlingen herrannten, ohne vorher zu ahnen, dass es nur Tauben waren.
Die stalinistische Presse hat Trotzki immer angegriffen und verleumdet. Es sind sehr viele Rubel nach Mexiko geflossen, um Journalisten zu korrumpieren.

Attentat

Anfang 1940 konnten wir eine deutliche Zunahme dieser Angriffe feststellen. Trotzkis Kommentar daraufhin war: "Es scheint, dass die Journalisten wohl ihre Schreibmaschine mit einem Maschinengewehr vertauscht haben." Am 24. Mai drang eine Gruppe von mexikanischen Stalinisten, die vom Maler Alvaro Siqueiros angeführt wurde, in das Haus ein. Sie übernahmen die vollständige Kontrolle über das Haus.

Eine Gruppe bezog Stellung im Garten gegenüber der Wache. Sie haben sofort das Feuer auf sie eröffnet, so dass die Wachen nicht in das Haus konnten. Eine andere Gruppe postierte sich von drei unterschiedlichen Winkeln an das Zimmer von Trotzki und Natalia und feuerten mit einer Thompson in das dunkle Zimmer. Ein Terrorist kam auch in das Zimmer, wo ich schlief und hat ebenfalls geschossen. Ein weiterer Terrorist hat aus dem Garten durch das Fenster geschossen. Wiederum ein weiterer hat von der Tür des Arbeitszimmers aus geschossen. Es war wirklich ein Wunder, daß Trotzki das überlebt hatte. Es war Natalia zu verdanken, denn aufgrund ihrer schnellen Reflexe hat sie Trotzki unter den Tisch zu Boden gerissen und ihn mit ihrem eigenen Körper geschützt. Trotzki hat später berichtet, daß er aufgrund von Schlaftabletten noch im Halbschlaf war.

Den ersten Eindruck, den er hatte, war, dass er von einem religiösen Fest ausging, bei dem es immer ein Feuerwerk gibt. Dann aber roch er das Schießpulver und fühlte die stickige Luft im Zimmer, die ihn schließlich eines anderen belehrte.

Ich erinnere mich, als die Attentäter verschwanden, haben wir sofort die Stimme Trotzkis gehört. Er hat noch auf einen Schatten geschossen, der sich noch in einem Gang nahe des Hauses befand. Doch er verfehlte ihn. Kurz danach kamen alle Mitglieder der Familie und alle anderen Bewohner des Hauses zusammen und Trotzki war dann wirklich euphorisch, als er sah, dass alle dem Anschlag entkommen sind. Doch ein Detail trübte die Stimmung: Sheldon wurde gekidnappt. Später fand die Polizei seinen Leichnam. Sheldon hatte in jener Nacht Dienst und ließ das Tor für die Attentäter offen. Die Polizei vermutete deshalb, dass er ein Agent Stalins war, aber Trotzki, der immer sehr loyal zu seinen Genossen gewesen ist, konnte dies nicht glauben. Ich bin dagegen jetzt überzeugt, dass Sheldon von der GPU gekauft wurde. Es gibt da gewisse Umstände, die in diese Richtung zeigen. Z.B. erhielt er große Geldbeträge. Falls dies wahr ist, hat er für den Verrat einen sehr hohen Preis bezahlt. Ich glaube, dass Siqueiros und die anderen ihn als Sündenbock benutzten, um von dem fehlgeschlagenen Attentat abzulenken.

Nach diesem Anschlag wurden hauptsächlich mit Unterstützung der amerikanischen Genossen Umbauten am Haus ausgeführt. Verschiedene Stahltüren wurden eingebaut und Wachtürme geschaffen. Trotzki blieb aber skeptisch. Er war davon überzeugt, dass der nächste Anschlag anders ausgehen würde. Und er sollte Recht behalten. Niemand konnte ahnen, dass Jackson alias Ramon Mercader, der mit Sylvia Ageloff, einer Schwester von Trotzkis Sekretär, liiert war, ein GPU-Agent war. Er war ein Mann ohne politisches Interesse, ein Geschäftsmann, der freundschaftliche Beziehungen zu den Wachmännern hielt. Dadurch hat er sich das Vertrauen in Trotzkis näherer Umgebung erworben. Er war dazu auserkoren, den Wunsch Stalins auszuführen.

Am 20. August kam ich gerade aus der Schule, als ich drei Wohnblocks vor unserem Haus bemerkte, dass etwas nicht stimmte. Ich bekam Angst. Ich beschleunigte meine Geschwindigkeit und sah schließlich verschiedene Polizisten an der Tür, die offenstand. Außerdem parkte ein Auto falsch auf unserem Grundstück. Ich rannte in das Haus hinein und sah den Wachmann Harald Robbins, der eine Pistole trug und sehr aufgeregt war. Ich fragte ihn, was passiert sei. Er antwortete: "Jackson, Jackson...". Ich verstand zunächst nicht was er damit meinte. Ich ging weiter. Nun sah ich einen blutverschmierten Mann, der von zwei Polizisten weggetragen wurde. Er war in einem beklagenswerten Zustand und wimmerte wie ein Feigling.

Das sind also die großen stalinistischen "Helden", die verglichen mit den verschleppten Trotzkisten in Workuta, nur erbärmliche Kreaturen waren. Die Trotzkisten riefen in Stalins Lagern noch "Lang lebe Lenin und Trotzki" und sangen die "Internationale", bevor sie unter den Kugeln der GPU starben.

Als ich schließlich in das Haus hereinkam, sah ich, was wirklich passierte. Natalia und die Wachtposten waren hier und Trotzki lag am Boden. Ich werde nie vergessen, dass Trotzki in dieser Situation zuerst an seinen Enkel dachte. Er sagte einem Wachtposten, dass er mich wegnehmen solle, weil ich das hier nicht mit ansehen solle. Das zeigt seine wahre Größe und Menschlichkeit.
Außerdem hatte er noch die Kraft, darauf zu drängen, dass Jackson nicht getötet werden sollte. Denn er sei lebend von größerem Nutzen. Wutentbrannt haben nämlich die Wachtposten auf Jackson eingeschlagen. Hansen war so außer sich, dass er sich dabei die Hand gebrochen hatte.

Ich möchte mit den letzten Sätzen aus Trotzkis Testament schließen:
"Das Leben ist schön. Die kommende Generation möge es reinigen von allen Bösen, von Unterdrückung und Gewalt und es voll genießen"
(aus dem Testament Leo Trotzkis, 27. 2. 1940, Coyoacan, Mexiko).

Ein Satz noch, den ich vergessen habe, der aber, so glaube ich, sehr wichtig ist. Ich sehe hier sehr viele junge Genossen. Es werden noch viele weitere Genossen zu unserer internationalen marxistischen Tendenz stoßen. Doch es ist dabei sehr wichtig, die notwendige politische Ausbildung nicht zu vernachlässigen und es ist die Aufgabe der erfahrenen Genossen, dies zu gewährleisten. Und das ist genau das Ziel dieser Veranstaltung.

Übersetzung: Christoph Mürdter

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