Kategorie: Kultur

Ted Grant ist tot: Ein Nachruf

Ted Grant ist tot. Wie sein enger Weggefährte, Freund und Nachlaßverwalter Alan Woods am Freitag bestätigte, verstarb der revolutionäre Marxist am Donnerstag dieser Woche wenige Tage nach Vollendung seines 93. Lebensjahres in London. Mit Grant ist einer der letzten aus der Generation der Pioniere und Veteranen des britischen Trotzkismus verschieden, die seit den 30er Jahren ununterbrochen für die Verankerung revolutionärer Ideen in der britischen Arbeiterbewegung kämpften und dabei auch durchaus Erfolge verzeichnen konnten.

 


Ted Grant verbrachte den Großteil seines Lebens in der britischen Hauptstadt. Er war gebürtiger Südafrikaner jüdischer Abstammung und konnte auch nie den südafrikanischen Akzent seiner englischen Aussprache verleugnen. 1913 unter dem Namen Isaac Blank in Germiston bei Johannesburg geboren, wurde er schon in früher Jugend durch die Erfahrung mit der schlechten Behandlung schwarzer Landarbeiter politisiert.

Die Russische Revolution begeisterte auch junge Südafrikaner wie Isaac Blank, der durch den Kommunisten Ralph Lee in Kontakt mit der damaligen, von Leo Trotzki ins Leben gerufenen Internationalen Linken Opposition kam und sich dieser Bewegung anschloss. Zusammen mit anderen Weggefährten siedelte Blank Ende 1934 nach London über, wo die Umstände für revolutionäre Arbeit besser erschienen, und nannte sich fortan Ted Grant.

In seinem 2002 erschienen Buch über die Geschichte des britischen Trotzkismus (History of British Trotskysm) schildert Grant ebenso ausführlich wie spannend die langwierige und systematische Pionierarbeit in den 30er und 40er Jahren – von einer winzigen, gegen den Strom schwimmenden Gruppe, der Workers’ International League (WIL), bis hin zu einer kleinen, aber in der Bewegung anerkannten Partei, der Revolutionary Communist Party (RCP), die in den Kriegsjahren in das Visier britischer Geheimdienste geriet, weil sie mit ihrer ebenso antifaschistischen wie antikapitalistischen und antiimperialistischen Agitation in Rüstungsbetrieben wie auch unter einfachen Soldaten der Königlichen Armee ein Echo fand.

In seinem langen politischen Leben erfuhr Grant mehrfach den Aufstieg und Niedergang politischer Organisationen und wurde dabei auch immer wieder – zuletzt 1992 – persönlich zum Opfer von organisatorischen Manövern und Ausschlüssen aus der eigenen Organisation, ohne dadurch jemals seinen revolutionären Optimismus zu verlieren. Grant widersetzte sich nach eigenen Angaben stets der Versuchung, mit organisatorischen Mitteln politische Probleme lösen zu wollen. Nachdem sich ab 1945 die Weltlage aus revolutionär-marxistischer Sicht weitaus ungünstiger gestaltete, als es der 1940 ermordete Leo Trotzki und seine Anhänger bis dahin gehofft hatten, gehörte Grant zu den ersten, die diese neuen Gegebenheiten erkannten, analysierten und ihnen praktisch Rechnung trugen. Grants Schriften nach 1945 befassen sich intensiv mit der neuen Weltlage und theoretischen Herausforderungen (Umwälzungen in Osteuropa, Maoismus, Guerillakampf, Koloniale Revolution, Krieg und Frieden, Stabilisierung der westlichen Industrieländer) und sind Zeugnis scharfer politischer Auseinandersetzungen, die zu einer Serie von Spaltungen der trotzkistischen Weltbewegung führten.

Um aus der Isolation einer kleinen Gruppe herauszutreten, empfahl Ted Grant – in der Tradition Leo Trotzkis – geduldiges Argumentieren und Verankerung in der Massenorganisationen der Arbeiterbewegung ohne Verleugnung der politischen Identität. „Nicht durch platte Denunziation der Arbeiterführer, sondern durch Zahlen, Fakten und Argumente werden wir die Arbeiterklasse gewinnen“; war sein Credo. Der von ihm mit wenigen Dutzend Mitstreitern initiierten Strömung gelang es in den 60er, 70er und 80er Jahren, mit der Wochenzeitung „Militant“ einen starken Anhang in der britischen Labour Party, den Gewerkschaften und Jungsozialisten zu finden, was auch international ausstrahlte. Auch sein Ausschluss aus der Labour Party 1983 vermochte daran nichts zu ändern.

Auch als Grant 1992 nach internen Konflikten von der eigenen Organisation verstoßen wurde, zog er sich nicht aufs Altenteil zurück, sondern wirkte Hand in Hand mit Alan Woods nach Kräften am Neuaufbau einer internationalen marxistischen Strömung mit, die mit ihrer Website www.marxist.com wieder internationale Bekanntheit errang. Es folgte eine intensive Schaffensperiode, in der Grant, noch sehr rüstig, noch internationale Vortragsreisen unternahm, mehrere Bücher und längere Artikel schrieb und auch die eigene Geschichte aufarbeitete. Sein 1995 gemeinsam mit Woods verfaßtes und herausgegebenes Buch „Aufstand der Vernunft – marxistische Philosophie und moderne Naturwissenschaften“ ist mittlerweile in zehn Sprachen übersetzt worden. Anfang 2006 wurde das Werk vom kubanischen Verlag „Ciencias Sociales“ aufgelegt und unter Beisein des venezolanischen Botschafters Adán Chávez bei der Buchmesse in Havanna einem interessierten Publikum vorgestellt. Auch der Bruder des Botschafters und Staatspräsident Hugo Chávez hat „Razón y revolución“ (so der spanische Titel von„Aufstand der Vernunft“) mehrfach bei öffentlichen Auftritten als Lektüre empfohlen. Ende August wird der Verlag des venezolanischen Ministeriums für kulturelle Angelegenheiten eine venezolanische Ausgabe herausgeben.

 

Hans-Gerd Öfinger

Dieser Nachruf ist leicht gekürzt erschienen in junge Welt 22.7.06.

Mehr Infos: www.tedgrant.org

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