Marxistische Theorie


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Was ist die materialistische Geschichtsauffassung?

Aus W. I. Lenins “Karl Marx - Kurzer biographischer Abriss mit einer Darlegung des Marxismus” (Lenin Werke 21: 43ff)

Die Erkenntnis der Inkonsequenz, Unzulänglichkeit und Einseitigkeit des alten Materialismus brachte Marx zu der Überzeugung von der Notwendigkeit, „die Wissenschaft von der Gesellschaft... mit der materialistischen Grundlage in Einklang zu bringen und auf ihr zu rekonstruieren“. Erklärt der Materialismus überhaupt das Bewußtsein aus dem Sein, und nicht umgekehrt, so forderte der Materialismus in seiner Anwendung auf das gesellschaftliche Leben der Menschheit die Erklärung des gesellschaftlichen Bewußtseins aus dem gesellschaftlichen Sein. „Die Technologie“, sagt Marx („Das Kapital“, I), „enthüllt das aktive Verhalten des Menschen zur Natur, den unmittelbaren Produktionsprozeß seines Lebens, damit auch seiner gesellschaftlichen Lebensverhältnisse und der ihnen entquellenden geistigen Vorstellungen.“ Eine abgeschlossene Formulierung der Grundsätze des Materialismus, ausgedehnt auf die menschliche Gesellschaft und ihre Geschichte, gab Marx im Vorwort zu seinem Werk „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ in folgenden Worten:

„In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen.

Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer überbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure überbau langsamer oder rascher um. In der Betrachtung solcher Umwälzungen muss man stets unterscheiden zwischen der materiellen naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewusst werden und ihn ausfechten.

So wenig man das, was ein Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebenso wenig kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewusstsein beurteilen, sondern muss vielmehr dies Bewusstsein aus den Widersprüchen des materiellen Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären ... In großen Umrissen können asiatische, antike, feudale und modern bürgerliche Produktionsweisen als progressive Epochen der ökonomischen Gesellschaftsformation bezeichnet werden.“ (Vgl. Marx“ kurze Formulierung in seinem Brief an Engels vom 7. Juli 1866: „Unsre Theorie von der Bestimmung der Arbeitsorganisation durch das Produktionsmittel.“)

 

Die Entdeckung der materialistischen Geschichtsauffassung oder richtiger: die konsequente Fortführung, die Ausdehnung des Materialismus auf das Gebiet der gesellschaftlichen Erscheinungen hat zwei Hauptmängel der früheren Geschichtstheorien beseitigt. Diese hatten erstens im besten Falle nur die ideellen Motive des geschichtlichen Handelns der Menschen zum Gegenstand der Betrachtung gemacht, ohne nachzuforschen, wodurch diese Motive hervorgerufen werden, ohne die objektive Gesetzmäßigkeit in der Entwicklung des Systems der gesellschaftlichen Verhältnisse zu erfassen, ohne die Wurzeln dieser Verhältnisse im Entwicklungsgrad der materiellen Produktion zu erblicken; zweitens hatten die früheren Theorien gerade die Handlungen der Massen der Bevölkerung außer acht gelassen, während der historische Materialismus zum erstenmal die Möglichkeit gab, mit naturgeschichtlicher Exaktheit die gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Massen sowie die Veränderungen dieser Bedingungen zu erforschen. Die „Soziologie“ und die Geschichtsschreibung vor Marx hatten im besten Falle eine Anhäufung von fragmentarisch gesammelten unverarbeiteten Tatsachen und die Schilderung einzelner Seiten des historischen Prozesses geliefert. Der Marxismus wies den Weg zur allumfassenden, allseitigen Erforschung des Prozesses der Entstehung, der Entwicklung und des Verfalls der ökonomischen Gesellschaftsformationen, indem er die Gesamtheit aller widerstreitenden Tendenzen untersuchte, diese auf die exakt bestimmbaren Lebens- und Produktionsverhältnisse der verschiedenen Klassen der Gesellschaft zurückführte, den Subjektivismus und die Willkür bei der Auswahl bzw. Auslegung der einzelnen „herrschenden“ Ideen ausschaltete und die Wurzeln ausnahmslos aller Ideen und aller verschiedenen Tendenzen im gegebenen Stand der materiellen Produktivkräfte aufdeckte.

Die Menschen machen ihre Geschichte selbst; aber was die Motive der Menschen und namentlich der Massen der Menschen bestimmt, wodurch die Zusammenstöße der widerstreitenden Ideen und Bestrebungen verursacht werden, was die Gesamtheit aller dieser Zusammenstöße der ganzen Masse der menschlichen Gesellschaften darstellt, was die objektiven Produktionsbedingungen des materiellen Lebens sind, die die Basis für alles geschichtliche Handeln der Menschen schaffen, welcher Art das Entwicklungsgesetz dieser Bedingungen ist – aud all dies lenkte Marx die Aufmerksamkeit. So wies er den Weg zur wissenschaftlichen Erforschung der Geschichte, die er als einheitlichen, in all seiner gewaltigen Mannigfaltigkeit und Gegensätzlichkeit gesetzmäßigen Prozess verstand.

 

Kann nur die Arbeiterklasse ein kollektives sozialistisches Bewusstsein entwickeln?

Es ist genau die soziale und kollektive Natur der kapitalistischen Produktion, die die Arbeiter im gemeinsamen Kampf zusammenbringt. Ein Arbeiter lernt schnell, dass er alleine nur entlassen wird, wenn er versucht, sich gegen den Kapitalisten zu wehren. Nur wenn sich die Arbeiter zusammenschließen und kollektiv kämpfen, haben sie eine Chance. Außerdem ist der einzelne Arbeiter auf Grund der weit fortgeschrittenen Arbeitsteilung nur kleiner Teil eines riesigen, kollektiven Produktionsprozesses. Er wird sich schnell klar, dass nicht er alleine es ist, der z.B. ein Auto baut, sondern Tausende andere Arbeiter mit ihm. Hinzu kommt, dass die Arbeiter kein Privateigentum an Produktionsmitteln haben.

Daher entwickelt die Arbeiterklasse im Gegensatz zum Kleinbürgertum (kleine Geschäftsleute, kleine Landbesitzer, Intellektuelle, die von den Massen isoliert sind) ein kollektives Bewusstsein, und genau deshalb stützen sich Marxisten auf die Arbeiterklasse. Es ist die einzige Klasse, die ein solches Bewusstsein gerade aufgrund ihrer Position in der Produktion entwickeln kann. Natürlich ist die Arbeiterklasse ohne Organisation, wie Marx erklärt, nur Rohstoff für Ausbeutung. Deshalb greift die Bourgeoisie ständig die Gewerkschaften und Arbeiterorganisationen an, in der Hoffnung, das Proletariat schwach zu halten. Aber die ganze Erfahrung des Klassenkampfes zwingt die Arbeiter immer wieder dazu, sich zu organisieren.

Im Gegensatz dazu ist der Individualismus des Kleinbürgertums das Ergebnis seiner Rolle als Klasse von Kleinproduzenten, Kleinunternehmern, Fachleuten und dergleichen, die in der Tat voneinander isoliert sind und gegeneinander konkurrieren. Sie alle haben ihr eigenes kleines Privateigentum an Produktionsmitteln und stehen im Überlebenskampf alleine da. Während die Arbeiterklasse mit Sicherheit breite Schichten des Kleinbürgertums hinter sich ziehen muss, indem sie ihre Probleme mit dem Kampf gegen den Kapitalismus verknüpft, kann das Kleinbürgertum im Kampf für den Sozialismus einfach keine unabhängige Rolle spielen.

 

Was ist Trotzkis Theorie der permanenten Revolution?

Auszug aus T. Grant und A. Woods, Marxismus und der Kampf gegen den Imperialismus

Die Theorie der permanenten Revolution wurde erstmals von Trotzki 1906 entwickelt. Die permanente Revolution akzeptiert zwar, dass die objektiven Aufgaben der russischen Arbeiter Anfang des 20. Jahrhunderts die der bürgerlich-demokratischen Revolution waren, erklärte aber dennoch, dass die „nationale Bourgeoisie“ in einem rückständigen Land in der Epoche des Imperialismus untrennbar mit den Überresten des Feudalismus einerseits und dem imperialistischen Kapital andererseits verbunden war und daher völlig unfähig war, irgendeine ihrer historischen Aufgaben zu erfüllen. Die Fäulnis der bürgerlichen Liberalen und ihre konterrevolutionäre Rolle in der bürgerlich-demokratischen Revolution wurde bereits von Marx und Engels beobachtet. In seinem Artikel “Die Bourgeoisie und die Konterrevolution” (1848) schreibt Marx:

„Die deutsche Bourgeoisie hatte sich so träg, feig und langsam entwickelt, daß im Augenblicke, wo sie gefahrdrohend dem Feudalismus und Absolutismus gegenüberstand, sie selbst sich gefahrdrohend gegenüber das Proletariat erblickte und alle Fraktionen des Bürgertums, deren Interessen und Ideen dem Proletariat verwandt sind. Und nicht nur eine Klasse hinter sich, ganz Europa sah sie feindlich vor sich. Die preußische Bourgeoisie war nicht, wie die französische von 1789, die Klasse, welche die ganze moderne Gesellschaft den Repräsentanten der alten Gesellschaft, dem Königtum und dem Adel, gegenüber vertrat. Sie war zu einer Art von Stand herabgesunken, ebenso ausgeprägt gegen die Krone als gegen das Volk, oppositionslustig gegen beide, unentschlossen gegen jeden ihrer Gegner einzeln genommen, weil sie immer beide vor oder hinter sich sah; von vornherein zum Verrat gegen das Volk und zum Kompromiß mit dem gekrönten Vertreter der alten Gesellschaft geneigt, weil sie selbst schon zur alten Gesellschaft gehörte; [...]“ (MEW 6: 108f)

Die Bourgeoise, erklärte Marx, ist nicht an die Macht gekommen als Resultat ihrer eigenen Anstrengungen, sondern als Folge der Bewegungen der Massen, in welchen sie keine Rolle spielte:

“Die preußische Bourgeoisie war auf die Staatshöhn geworfen, aber nicht, wie sie gewünscht hatte, durch eine friedliche Transaktion mit der Krone, sondern durch eine Revolution.” (MEW 6: 106)

Selbst in der Epoche der bürgerlich-demokratischen Revolutionen in Europa haben Marx und Engels gnadenlos die feige, konterrevolutionäre Rolle der Bourgeoisie demaskiert. Sie betonten die Notwendigkeit einer Politik der vollständigen Klassenunabhängigkeit für die Arbeiterklasse. Und zwar Unabhängigkeit nicht nur von den bürgerlichen Liberalen, sondern auch von den schwankenden kleinbürgerlichen Demokraten:

„Der proletarischen, der wirklich revolutionären Partei“, schrieb Engels, „gelang es nur sehr allmählich, die Masse der Arbeiter dem Einfluß der Demokraten zu entziehen, deren Anhängsel sie zu Beginn der Revolution bildeten. Aber die Unentschlossenheit, Schwäche und Feigheit der demokratischen Führer taten zu gegebener Zeit das ihrige, und man kann heute sagen: eines der wichtigsten Ergebnisse der Erschütterungen der letzten Jahre besteht darin, daß sich die Arbeiterklasse überall, wo sie in einigermaßen beträchtlichen Massen konzentriert ist, völlig von jenem demokratischen Einfluß freigemacht hat, der sie in den Jahren 1848 und 1849 zu einer endlosen Reihe von Fehlern und Mißgeschicken geführt hat.“ (MEW 8: 42f)

Die Situation ist heute noch klarer. Die nationale Bourgeoisie in den kolonialen Ländern hat die Bühne der Geschichte zu spät betreten, als die Welt bereits zwischen den wenigen imperialistischen Kräften aufgeteilt war. Sie war nicht fähig, eine progressive Rolle zu spielen und wurde als Untergebene ihrer ehemaligen kolonialen Herren geboren. Die schwache und degenerierte nationale Bourgeoisie in Asien, Lateinamerika und Afrika ist zu sehr abhängig von ausländischem Kapital und Imperialismus, um die Gesellschaft voranzubringen. Sie ist über zahlreiche Fäden nicht nur mit dem ausländischen Kapital, sondern auch mit der Klasse der Landbesitzer verflochten. Sie bildet mit ihnen einen reaktionären Block und ein Bollwerk gegen jeglichen Fortschritt. W as auch immer für Unterschiede zwischen diesen Elementen existieren mögen, sie sind unbedeutend im Vergleich zu der Angst, welche sie gegen die Massen vereint. Nur das Proletariat - verbündet mit den armen Bauern und den städtischen Verarmten - kann die Probleme der Gesellschaft lösen, indem es die Macht in seine eigene Hände nimmt, die Imperialisten und die Bourgeoisie enteignet, und mit der Aufgabe beginnt, die Gesellschaft in eine sozialistische Richtung zu verändern. Indem das Proletariat sich selbst an die Spitze der Nation setzt, die unterdrückten Schichten der Gesellschaft (städtisches und dörfliches Kleinbürgertum) führt, kann es die Macht übernehmen und die Aufgaben einer bürgerlich-demokratischen Revolution durchführen (hauptsächlich die Landreformen und die Vereinigung und Befreiung der Nation von Fremdherrschaft und Kolonialismus).

Doch wenn das Proletariat einmal an der Macht ist, wird es hierbei nicht halt machen und sozialistische Maßnahmen zur Enteignung der Kapitalisten anpacken. Und da diese Aufgaben nicht in einem Land alleine gelöst werden können, vor allem nicht in einem rückständigen Land, wäre dies der Beginn einer Weltrevolution. Folglich ist die Revolution “permanent” in zweifachem Sinne: weil sie mit den bürgerlichen Aufgaben beginnt und zu den sozialistischen Aufgaben übergeht. Und weil sie in einem Land beginnt und auf der internationalen Ebene weitergeführt wird.

Die Theorie der permanenten Revolution war die vollständigste Antwort gegenüber der reformistischen und auf Klassenkollaboration orientierten Position des rechten Flügels der russischen Arbeiterbewegung, der Menschewiki. Die “Etappentheorie” wurde von den Menschewiki als ihre Perspektive auf die Russische Revolution entwickelt. Im Grunde behauptet diese, dass – da die Aufgabe der Revolution die Aufgaben einer nationalen, demokratischen und bürgerlichen Revolution seien – die Führung der Revolution von einer nationalen demokratischen Bourgeoisie übernommen werden müsse. Lenin stimmte Trotzki zu, dass die russischen Liberalen keine bürgerlich-demokratische Revolution durchführen könnten, und diese Aufgabe nur durch das Proletariat in Allianz mit dem armen Bauern durchgeführt werden könne. In Marx‘ Fußstapfen folgend, welcher die bürgerliche „Demokratische Partei“ als „weitaus mehr gefährlich gegenüber den Arbeitern, als die früheren Liberalen“ beschrieb, erklärte Lenin, dass die russische Bourgeoisie - weit entfernt davon ein Verbündeter der Arbeiter zu sein - unausweichlich mit der Konterrevolution zusammenarbeiten würde:

„Die Bourgeoisie wird in ihrer Masse“, schrieb er 1905, „unweigerlich zur Konterrevolution, zur Selbstherrschaft übergehen und sich gegen die Revolution, gegen das Volk kehren, sobald ihre engen, eigennützigen Interessen befriedigt sein werden, sobald sie vom konsequenten Demokratismus ‘abgeschwenkt’ sein wird (und sie schwenkt schon jetzt davon ab!)“ (LW 9: 87; Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution)

Welche Klasse, aus Lenins Perspektive, kann die bürgerlich-demokratische Revolution anführen?

„Es bleibt das ‚Volk‘, das heißt das Proletariat und die Bauernschaft: Allein das Proletariat ist fähig, konsequent bis zu Ende zu gehen, denn es geht weit über die demokratische Umwälzung hinaus. Deshalb eben kämpft das Proletariat in den vordersten Reihen für die Republik und weist mit Verachtung die törichten und seiner unwürdigen Ratschläge zurück, darauf Rücksicht zu nehmen, dass die Bourgeoisie möglicherweise abschwenkt.“ (LW 9: 87f)

In allen Reden und Schriften Lenins wird die konterrevolutionäre Rolle der bürgerlich-demokratischen Liberalen immer wieder betont. Bis 1917 jedoch glaubte er nicht daran, dass die russischen Arbeiter noch vor einer sozialistischen Revolution im Westen die Macht erobern würden. Dies war eine Perspektive, die nur Trotzki vor 1917 verteidigte, und die dann vollständig von Lenin in seinen Aprilthesen 1917 übernommen wurde. Die Korrektheit der permanenten Revolution wurde der Oktoberrevolution 1917 triumphierend bewiesen. Die russische Arbeiterklasse - wie Trotzki 1904 vorhergesagt hatte - kam noch vor den Arbeitern in Westeuropa an die Macht. Sie packten alle Aufgaben einer bürgerlich-demokratischen Revolution an und gingen unmittelbar dazu über, die Industrie zu verstaatlichen und die Aufgaben einer sozialistischen Revolution anzupacken. Die Bourgeoisie spielte eine offen konterrevolutionäre Rolle, wurde jedoch durch die Arbeiter im Bündnis mit den armen Bauern besiegt. Die Bolschewiki wandten sich dann an die Arbeiter der Welt mit einem revolutionären Aufruf, ihrem Beispiel zu folgen. Lenin wusste sehr gut, dass ohne den Sieg der Revolution in einem fortgeschrittenen kapitalistischen Land, vor allem Deutschland, die Revolution besonders in einem rückschrittlichen Land wie Russland isoliert nicht überleben könnte. Die Entwicklung zeigte, dass diese Sichtweise absolut korrekt war. Die Gründung der Dritten (Kommunistischen) Internationale, die Weltpartei der sozialistischen Revolution sein sollte, war die konkrete Manifestation dieser Perspektive.

Wäre die Kommunistische Internationale standhaft auf den Positionen von Lenin und Trotzki verblieben, dann wäre der Sieg der Weltrevolution gewährleistet gewesen. Leider trafen die entscheidenden Jahre der Komintern mit der stalinistischen Konterrevolution in Russland zusammen, die verheerende Auswirkungen auf die Kommunistischen Parteien der ganzen Welt hatte. Nachdem sie die Kontrolle in der Sowjetunion erlangte, entwickelte die stalinistische Bürokratie eine sehr konservative Prognose. Die Theorie, dass der Sozialismus in einem Land errichtet werden könne – eine Abkehr vom Standpunkt von Marx und Lenin –widerspiegelte in Wirklichkeit die Mentalität der Bürokratie, welche genug hatte vom Sturm und Drang der Revolution und stattdessen danach strebte, „den Aufbau des Sozialismus in Russland“ voran zu bringen. Sprich, sie wollten ihre Privilegien verteidigen und erweitern und nicht die Ressourcen des Landes „verschwenden“, um weiterhin die Weltrevolution zu verfolgen. Auf der anderen Seite fürchteten sie, dass Revolutionen in anderen Ländern sich gesund entwickeln könnten und eine Bedrohung für ihre eigene Herrschaft in Russland darstellen könnten. Deshalb versuchten sie aktiv Revolutionen anderswo zu verhindern.

Anstatt eine auf Klassenunabhängigkeit basierende revolutionäre Politik zu verfolgen - wie Lenin sie immer verfochten hatte - schlugen sie ein Bündnis der Kommunistischen Parteien mit der „nationalen progressiven Bourgeoisie“ vor (und falls es keine gab, die leicht zur Hand war, erfanden sie eine), um eine demokratische Revolution durchzuführen. Erst viel später, in der weit entfernten Zukunft, wenn das Land eine voll entwickelte kapitalistische Ökonomie hatte, dann erst kam für sie der Kampf für den Sozialismus in Frage. Diese Politik stellte einen kompletten Bruch mit dem Leninismus dar und die Rückkehr zu der alten, bereits diskreditierten Position der Menschewiki – der „Etappentheorie“.

 

Welche Elemente sind für die Arbeiterdemokratie erforderlich?

Der Sozialismus ist demokratisch oder er ist nicht. Ab dem ersten Tag der sozialistischen Revolution muss es die demokratischste Herrschaftsform aller Zeiten geben. Das bedeutet, dass zum ersten Mal alle Aufgaben der Führung von Wirtschaft, Gesellschaft und Staat in den Händen der Mehrheit der Bevölkerung liegen werden und diese Mehrheit ist die Arbeiterklasse. Durch ihre demokratisch gewählten Räte (die Sowjets), die direkt am Arbeitsplatz gewählt werden und jederzeit neugewählt werden können, werden die Arbeiter die Herrschenden der Gesellschaft sein, nicht nur dem Namen nach, sondern in der Realität. Das war der Fall in Russland unmittelbar nach der Oktoberrevolution. Erinnern wir uns daran, dass Lenin vier Grundbedingungen für einen Arbeiterstaat - das heißt für die Übergangsphase zwischen Kapitalismus und Sozialismus - festgelegt hat:

Freie und demokratische Wahlen mit jederzeitiger Ab- und Neuwählbarkeit aller Funktionäre

Kein Funktionär soll einen höheren Lohn erhalten als den eines Facharbeiters

Keine stehende Armee, sondern allgemeine Volksbewaffnung

Allmählich sollten alle Aufgaben der Verwaltung und Staatsführung von den Massen rollierend wahrgenommen werden. Wenn jeder ein Bürokrat ist, ist niemand ein Bürokrat. Oder, wie Lenin es ausdrückte: „Jede Köchin sollte Premierministerin sein können.“

 

Was denken Marxisten über Terrorismus?

Der Marxismus hat immer einen Kampf gegen die Methoden des individuellen Terrorismus (Entführungen, Bombenanschläge) sowie gegen den Staatsterrorismus (die imperialistischen Bombenangriffe auf den Irak, Pakistan, Afghanistan usw.) geführt. Akte des individuellen Terrors bewirken wenig, entfremden aber umso mehr die Mehrheit der Menschen von der Sache, für die wir kämpfen. Die Bombardierung eines Marktplatzes, auf dem Frauen und Kinder getötet werden, trägt nicht dazu bei, das Klassenbewusstsein und das Vertrauen der Arbeiterklasse zu stärken. Unsere Kraft und Stärke liegt in der Größe unserer Bewegung, nicht in einzelnen Handlungen.

Terroristische Methoden haben nichts mit dem Marxismus gemein und haben sich historisch als machtlos erwiesen, wenn es darum geht, ernsthafte Veränderungen herbeizuführen. Nehmen wir zum Beispiel die Terrorakte der Hamas in Israel/Palästina in den letzten Jahrzehnten. Diese Angriffe haben nichts dazu beigetragen, die Einheit der Arbeiterklasse zwischen Juden und Arabern gegen ihren gemeinsamen Unterdrücker zu fördern - die herrschende Klasse, die sie spaltet, um sie weiterhin zu unterdrücken. Die herrschenden Klassen im Nahen Osten wollen keinen wirklichen Frieden, in gewissem Maße nützen anhaltende individuelle Terrorakte ihren Zwecken. Wenn es wirklichen „Frieden“ gäbe, würden sich die Arbeiter aller Ethnien und Religionen gegen die herrschende Klasse zusammenschließen. Erst mit der Intifada („Aufstand”) der palästinensischen Massen fürchtete die israelische herrschende Klasse die Bewegung und begann, Zugeständnisse zu machen. Wir lehnen den individuellen Terrorismus ab.

Das folgende Zitat von Leo Trotzki aus dem Artikel Über den Terrorismus, bringt es auf den Punkt:

„Eben deswegen ist individueller Terror in unseren Augen unzulässig: denn er schmälert die Rolle der Massen in ihrem eigenen Bewußtsein, denn er söhnt sie mit ihrer eigenen Machtlosigkeit aus und richtet ihre Augen und Hoffnungen auf einen großen Rächer und Befreier, der eines Tages kommen wird und seine Mission vollendet. Die anarchistischen Propheten der „Propaganda der Tat“ können soviel sie wollen über den fördernden und stimulierenden Einfluß von terroristischen Akten auf die Massen reden. Theoretische Überlegungen und politische Erfahrung zeigt anderes. Je „effektiver“ Terrorakte sind, je größer ihre Auswirkung ist, desto mehr verringern sie das Interesse der Massen an Selbstorganisation und Selbsterziehung. Aber der Rauch einer Explosion verzieht sich, die Panik verschwindet, der Nachfolger des ermordeten Ministers tritt in Erscheinung, das Leben verläuft wieder im alten Trott, das Rad der kapitalistischen Ausbeutung dreht sich wie zuvor; nur die Unterdrückung durch die Polizei wird grausamer und dreister. Und als Ergebnis kommen anstatt der erweckten Hoffnungen und der künstlich angestachelten Erregung Desillusion und Apathie.“

 

Was denken Marxisten über den Guerillakampf?

Bauernkriege, die von der Bewegung der Arbeiterklasse getrennt sind, zeigen keine Perspektive Richtung Sozialismus auf. Denn letztlich ist die Bewegung der Arbeiterklasse entscheidend. Die Bemühungen und die Arbeit der Marxisten sollten sich größtenteils auf die Städte und das Proletariat konzentrieren. Natürlich muss der Kampf anderer unterdrückter Klassen unter allen Umständen von Marxisten unterstützt werden.

Der Guerillakampf ist, wie Lenin erklärte, die Methode des Lumpenproletariats und der Bauern. Während es einigermaßen verständlich und nachvollziehbar ist, dass sich Guerilla-Bewegungen in Ländern entwickeln, in denen es praktisch kein Proletariat gibt, kann es keine Rechtfertigung für städtischen Guerillakampf geben! In den meisten Ländern der Welt macht das Proletariat heute die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung aus. Indien zum Beispiel hat mehr Industrie als sein ehemaliger Kolonialherr Großbritannien. Bauernkriege können, wenn auch siegreich, nur zum Sieg des bürgerlichen Bonapartismus (Diktatur) oder des proletarischen Bonapartismus (Stalinismus) führen. Sie können niemals zum Sieg einer sozialistischen Revolution in der klassischen Form führen, die eine bewusste Bewegung des Proletariats erfordert. Der städtische Guerillakampf versucht, die Massenbewegung des Proletariats durch Studenten, Lumpenproletarier und sogar einige deklassierte Arbeiter zu ersetzen, und widerspricht absolut allen Lehren des Marxismus. Er endete immer in einer Katastrophe. Das war die Erfahrung in Lateinamerika und in anderen Erdteilen.

Die Aufgabe der Marxisten besteht nicht nur darin, das kapitalistische Regime zu stürzen, sondern den Weg für die sozialistische Zukunft der Menschheit vorzubereiten. Die Zerstörung von Kapitalismus und Grundbesitz in den Kolonialländern ist ein immenser Fortschritt, der das Niveau der gesamten Menschheit erhöht. Gerade wegen der Unfähigkeit der Bauernschaft als Klasse, sich den künftigen sozialistischen Aufgaben zu stellen, kann es ihr jedoch nur gelingen, neue Hindernisse in den Weg zu stellen. Der Sieg des Bauernkrieges kann angesichts des Kräfteverhältnisses in der Welt und der Krise des Kapitalismus und Imperialismus in den unterentwickelten Ländern zu einer Form von deformiertem Arbeiterstaat führen (Stalinismus). Er kann nicht zu einer bewussten Kontrolle der Industrie, der Landwirtschaft und des Staates durch die Arbeiter und Bauern führen.

Hinzu kommt, dass eine Guerilla-Armee fast immer der staatlichen Armee militärisch unterlegen ist, ausgenommen einige sehr unterentwickelte Länder mit extrem schwachen staatlichen Strukturen. Das ist auch logisch: Ein großer Teil der staatlichen Einnahmen und Teile der Profite der Bourgeoisie fließen in den Aufbau einer professionellen staatlichen Armee, deren einziger Zweck es ist, die Herrschaft der Bourgeoisie zu schützen. Mit welchen Mitteln sollen sich die Guerilleros finanzieren? Woher sollen sie moderne Waffensysteme bekommen?

Der Marxismus sieht das Proletariat auf Grund seiner Stellung im Produktionsprozess als einzig revolutionäre Klasse der Gesellschaft. Also erstens weil es kein Privateigentum an Produktionsmitteln und damit auch kein Interesse an dessen Aufrechterhaltung hat und zweitens, weil es alle wirtschaftliche Macht wortwörtlich in seinen Händen hält. Man kann jedem, einem antiken Sklaven, einem feudalen Bauern, Handwerker, Bettler oder Studenten ein Gewehr in die Hand drücken und ihn zum Guerillero erklären - aber nur die Arbeiter können streiken; nur Arbeiter können eine Fabrik besetzen und die Produktion ohne die Kapitalisten weiterführen.

Trotzki erklärte, dass die Revolution zu neunzig Prozent eine politische und nur zu zehn Prozent eine militärische Aufgabe sei. Das ist auch der Grund, warum die Oktoberrevolution weitgehend unblutig friedlich gewonnen wurde. Indem die Bolschewiki die Mehrheit der Arbeiterklasse und der Soldaten in der zaristischen Armee für die Revolution gewannen, fand sich letztlich niemand mehr, der die alte Ordnung verteidigen wollte. Einmal zur Macht gekommen, muss sich das Proletariat natürlich bewaffnen und in Arbeitermilizen organisieren. Aber diese bewaffneten Formationen sind die bewaffnete Bevölkerung, nicht ein kleiner Haufen Guerilleros ohne echte Verbindung zu den Massen und insbesondere zur Arbeiterklasse.

 

Was ist die grundlegende Rolle des Staates und der Polizei in der Gesellschaft?

Der Staatsapparat, Gruppen bewaffneter Menschen, die Polizei, die Armee und ihre Anhängsel, die Gerichte usw. sind Werkzeuge zur Unterdrückung einer Schicht der Gesellschaft durch eine andere, gewöhnlich einer Klasse, die eine andere unterdrückt. Zu einem bestimmten Zeitpunkt in der sozialen Entwicklung der Menschheit entstand der Staat als Ergebnis der Aufteilung der Gesellschaft in Klassen. Sobald es möglich wurde, einen Überschuss zu produzieren, der über den Bedürfnissen der Produzenten lag, wurde es einer Minderheit möglich, sich von der Notwendigkeit der Arbeit zu befreien und stattdessen von dem Überschuss zu leben, den die Mehrheit produzierte. Unweigerlich erforderte jedoch eine derart kleine Minderheit eine besondere Kraft, um die Mehrheit in Schach zu halten. Diese früheste Klassentrennung zwischen Sklavenbesitzern und Sklaven wurde durch andere Formen der Klassentrennung ersetzt (Feudalherren und Leibeigene im Feudalismus, Kapitalisten und Arbeiter im Kapitalismus). Aber auch heute im Kapitalismus kann immer nur eine Minderheit von dem Überschuss der Mehrheit leben. Der Kapitalismus hat in der Vergangenheit eine fortschrittliche Rolle beim Aufbau der Wirtschaft durch Investitionen gespielt. Nun wäre es beim aktuellen Stand der Produktivkräfte zum ersten Mal in der Geschichte möglich, diese archaische Klassentrennung zu beseitigen. Da es genau die Aufgabe des Sozialismus ist, die Klassenspaltung aufzuheben, sollte der sozialistische Staat selbst immer weiter zur Verwaltung von Dingen übergehen, bevor er ganz verschwindet.

In seinem Meisterwerk über den Stalinismus, “Verratene Revolution”, erklärte Trotzki, dass sich überall, wo es Mangel gibt, lange Schlangen vor den Läden bilden. Wo es lange Schlangen gibt, braucht es die Polizei, um Ordnung zu halten. Und natürlich hat auch die Polizei Hunger und steht daher in der Schlange ganz vorne.

Im Sozialismus wird es keine separate Polizei oder stehendes Heer geben, sondern einzig die bewaffnete Bevölkerung, Nach dem Motto: Wenn jeder ein Polizist ist, dann ist niemand wirklich ein Polizist.

 

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