Kategorie: Ökologie

Alternativen für die Autobranche

Im Tauziehen um eine Rettung von Opel verweisen Kritiker staatlicher Eingriffe gerne auf die bestehenden Über- kapazitäten in der Branche, die eine Stilllegung von Standorten unvermeidlich mache. Haben die 26.000 deutschen Opelaner und hunderttausende Beschäftigte der Zuliefererindustrie nun schlechte Karten, weil es eben „einen erwischen muss“?



Staatliche Hilfen wären für die betroffenen Menschen und Regionen unterm Strich billiger und sozialer als ein verheerender Kahlschlag, argumentieren Gewerkschafter. Doch damit wären die Probleme der Überkapazitäten nicht gelöst und der Verdrängungswettbewerb zwischen Standorten, Konzernen und Nationen wie auch das Lohn-, Sozial- und Ökodumping nicht gestoppt. Sollten einzelne Standorte oder Marken auf der Strecke bleiben, dann geht das Spiel mit dem Aufbau gigantischer Überkapazitäten wieder von vorne los. Die Abwrackprämie, deren „Erfolg“ SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier letzte Woche vor Opelanern in Rüsselsheim reklamierte, wird kein grundlegendes Problem lösen; wer kann, der kauft sein Auto eben schon heute und nicht erst nächstes oder übernächstes Jahr. Die Kaufkraft fehlt später.

Was immer Konzernzentralen und Regierungen derzeit einfällt: Ihnen fehlt eine längerfristige ökologische und soziale Strategie. Insbesondere die deutschen Autokonzerne haben jahrelang schärfere Abgasnormen und ein Tempolimit ausgebremst. Während viele Auto-Manager auf eine Exportoffensive setzen, um die Profitabilität zu steigern, melden sich erst allmählich Stimmen zu Wort, die ein radikales Umrüsten dieser hochmodernen Hi-Tec-Branche einfordern.
Schon seit Langem könnten die Profis in der Industrie umweltfreundlichere Produkte entwickeln als spritfressende Pkw mit Gummireifen. Doch die Konzernzentralen sind bisher mit der alten Verbrennungstechnik gut gefahren. So beklagen sich nach Angaben des Hessischen Rundfunks Opelaner aus dem mittleren Management, Techniker und Ingenieure in Vier-Augen-Gesprächen darüber, dass sie seit Jahren nicht mit voller Kraft die moderne und innovative Hybrid- und Batterietechnik entwickeln und umsetzen dürften. Vielen Ingenieuren bereite es „mehr Spaß und Freude, an der Entwicklung einer Brennstoffzelle zu arbeiten, als an dem Design eines Handschuhfachs“, kommentiert Ex-Daimler-Betriebsrat Gerd Rathgeb seine Erfahrungen im betrieblichen Umwelt-Arbeitskreis: „Sie wollen mitsprechen, wenn es um ökologische Verträglichkeit und Nachhaltigkeit der Produkte geht.“

Dass ein Umbau der modernen Anlagen und Forschungsstäbe der Branche nötig und möglich ist, weiß auch Ex-VW-Betriebsrat Stephan Krull. Pläne für Blockheizkraftwerke oder alternative Energiegewinnung seien bereits in Forschungsabteilungen der Autokonzerne vorhanden und könnten in weniger als zwei Jahren in Serienproduktion umgesetzt werden. Machbar seien auch Gezeiten- und Strömungskraftwerke, Meerwasserentsalzungsanlagen, Brunnen und Pumpen für Dörfer in aller Welt und umweltverträgliche Verkehrssysteme: „Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.“

Ende 2008 forderte VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh, dass sich der Konzern „unabhängiger von der Autoproduktion“ machen solle. Schon jetzt baue VW Motoren für Schiffe, Gabelstapler und Blockheizkraftwerke.
In der offiziellen Strategie der IG Metall und der Opelaner sind solche Ansätze bisher unterbelichtet. Doch die Not könnte auf die Sprünge helfen. „Leichter wäre es, wenn man die wahren Experten fragte. Die Opelaner zum Beispiel. Niemand dürfte besser als sie die Fehler kennen, die unter dem Diktat des schnellen Profits gemacht wurden“, kommentierte die Frankfurter Rundschau dieser Tage: „Könnte man mit ihnen – und den Milliarden, die jetzt in Rede stehen – nicht noch Nützlicheres bauen als viele schöne Opels?“

Die Idee einer Umrüstung der Produktion ist nicht neu. Opel produzierte einst Nähmaschinen, Weinkorkmaschinen und Fahrräder und erst später Autos und Flugzeugmotoren. Im zweiten Weltkrieg wurden Europas Autofabriken auf Kriegsproduktion umgestellt. Vor 30 Jahren entwickelte die Belegschaft des britischen Rüstungskonzerns Lucas Aerospace aus der Not heraus alternative Pläne für zivile Produkte. „In kurzer Zeit lagen 150 Produktideen vor, die mit den im Unternehmen vorhandenen Geräten und Qualifikationen hätten hergestellt werden können. Bessere, billigere medizinische Geräte, verbesserte und billigere künstliche Nieren waren genauso darunter wie verbrauchsgünstige Automotoren, neue Heizsysteme oder der berühmt gewordene Straßen-Schienen-Bus“, erläutert Anne Rieger von der IG Metall-Verwaltungsstelle Waiblingen. Weitere Vorschläge waren Energiespeicher, Wärmepumpen, ferngesteuerte Roboter und Tiefseeforschungsgeräte.

Damit eine Umrüstung der Autowerke gelinge, müsse die Qualifizierung der Beschäftigten für neue Produkte gefördert werden, so Stephan Krull. Arbeitszeitverkürzung sei „ein vorrangiger Schritt, weil das Kräfteverhältnis sich ändert und Zeit für neue Überlegungen frei wird“. Kurzarbeit müsse gezielt zur Weiterbildung genutzt werden. Ohne eine Veränderung der Eigentumsverhältnisse und Verfügungsgewalt und eine damit einhergehende Demokratisierung der Wirtschaft seien solche Veränderungen jedoch nicht möglich, ist der Gewerkschafter überzeugt.

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