Kategorie: Theorie

Lenin und Trotzki: Wofür sie wirklich kämpften - Vorwort zur deutschen Ausgabe

Das vorliegende Vorwort von Alan Woods, geschrieben zum 100. Jubiläum der Revolution 2017, bietet einen Überblick über die Entstellungen der Oktoberrevolution von Bürgerlichen, Reformisten und Stalinisten. Es gibt gleichzeitig einen guten Überblick über die Russische Revolution, ihre Degeneration bishin zum Zusammenbruch der Sowjetunion.

Bild: der funke


Lenin und Trotzki: Wofür sie wirklich kämpften wurde erstmals im Jahr 1969 veröffentlicht. Geschrieben wurde es in enger Kooperation mit meinem lebenslangen Freund, Genossen und Lehrer, dem verstorbenen Ted Grant. Seitdem ist es in vielen verschiedenen Sprachen, darunter Spanisch, Russisch, Griechisch, Dänisch und Bahasa Indonesia erschienen. Die Veröffentlichung der deutschen Ausgabe pünktlich zum hundertsten Jubiläum der Oktoberrevolution ist zeitlich gut gewählt.

Dieses Buch wurde geschrieben, um die umfangreiche Abhandlung eines der Theoretiker der britischen Kommunistischen Partei, Monty Johnstone, zu beantworten. Darin wurde versucht, den Mitgliedern der Kommunistischen Jugend eine Kritik am Trotzkismus vorzulegen. Es war die Zeit der Niederschlagung des Prager Frühlings durch russische Panzer. Damals gärte die Unzufriedenheit in den Reihen der Kommunistischen Partei und ihrer Jugend und die Ideen des Trotzkismus fanden dort immer mehr Beachtung. Nachdem die alten Lügen vom „Trotzkifaschismus“ schon lange nicht mehr glaubwürdig waren, erprobte man nun eine feinsinnigere, „vernünftigere“ Herangehensweise. Wir beantworteten ihre Argumente Punkt für Punkt und waren damit so erfolgreich, dass sie nie wieder so einen Versuch starteten.

Heutzutage sind die Argumente der Stalinisten bezüglich Trotzkis und des Trotzkismus für die allermeisten Sozialistinnen und Sozialisten nicht mehr sonderlich bedeutsam. Und doch ist dieses Buch heute vielleicht wertvoller und nützlicher als zum Zeitpunkt seiner Erstveröffentlichung. Denn heute werden Lenin und Trotzki, ihre persönliche Integrität und ihre Rolle in der russischen Revolution zur Zielscheibe eines noch wilderen, bösartigeren und hartnäckigeren Angriffs.

Seit dem Fall der Sowjetunion hat es eine endlose Lawine von Büchern gegeben, die von sich behaupten, die Oktoberrevolution und Lenin und Trotzki, die ihre wichtigsten Führer waren, zu „entlarven“. Der Zweck dieser Behauptungen liegt auf der Hand: Die Revolution der Bolschewiki soll in den Augen der jungen Generation diskreditiert werden. Der wichtigste Trick besteht dabei darin, eine kausale Beziehung zwischen Bolschewismus und Stalinismus aufzubauen, was eine ungeheuerliche Unwahrheit ist. Jeder, der sich mit der Geschichte des Bolschewismus und der russischen Revolution auskennt, muss wissen, dass die bolschewistische Partei die demokratischste Partei war, die es je gegeben hat und dass die Oktoberrevolution die demokratischste, am meisten in den Massen verankerte Revolution der Geschichte gewesen ist. Doch wie sagte einst ein Boulevardjournalist: Warum soll man sich von Tatsachen eine gute Geschichte verderben lassen?

Die Angst vor der Revolution

Nichts daran ist neu. Die Geschichte zeigt, dass die herrschende Klasse nicht damit zufrieden sein kann, eine Revolution zu besiegen. Sie muss außerdem mit Lügen überschüttet werden, die Namen ihrer Führer müssen in den Dreck gezogen werden und sie muss vollständig in einem Nebel der Feindseligkeit und des Misstrauens erstickt werden, so dass nicht einmal mehr die Erinnerung daran die folgenden Generationen noch inspirieren kann. Im 19. Jahrhundert schrieb der Historiker Thomas Carlyle in seinem Buch über Oliver Cromwell, er habe seinen Protagonisten unter einem Haufen toter Hunde ausgraben müssen, bevor er mit seiner Arbeit beginnen konnte.

Nachdem die Monarchie 1660 restauriert wurde, mussten alle Erinnerungen an Cromwell und die bürgerliche Revolution in England aus dem kollektiven Gedächtnis ausgelöscht werden. Die restaurierte Monarchie Karls II. datierte den Beginn ihrer Herrschaft auf den 30. Januar 1649, den Tag, an dem Karl I. hingerichtet worden war. Alle Hinweise auf die Republik und ihre revolutionären Errungenschaften sollten verschwinden. Der Parvenü Karl II. war von Trotz, Hass und Rachsucht derart mitgerissen, dass er befahl, Oliver Cromwells Leiche möge ausgegraben und in Tyburn öffentlich gehenkt werden.

Dieselbe Feindseligkeit und derselbe aus Furcht geborene Trotz stehen hinter den heutigen Versuchen, die Errungenschaften und die Bedeutung der Russischen Revolution zu bestreiten und das Andenken an ihre Führer anzuschwärzen. Die systematische Geschichtsfälschung, die von der Bourgeoisie heute betrieben wird, ist zwar etwas subtiler als die postmortalen Lynchmorde der englischen Monarchisten, kann sich ihnen gegenüber aber keiner moralischen Überlegenheit rühmen. Sie wird auch nicht erfolgreicher sein. Die Wahrheit, nicht die Lüge, ist die Lokomotive der Geschichte, und die Wahrheit wird nicht für alle Zeit verborgen bleiben.

Beinahe drei Generationen lang richteten die Verteidiger des Kapitalismus ihre Wut auf die Sowjetunion. Es wurden weder Kosten noch Mühen gescheut, um das Bild der Oktoberrevolution und der verstaatlichten Planwirtschaft, die aus ihr hervorging, zu beschmutzen. Die Verbrechen des Stalinismus waren für diese Kampagne außerordentlich nützlich. Ihre Methode war es, den Sozialismus und Kommunismus mit jenem bürokratisch-totalitären Apparat zu identifizieren, der aus der Isolation der Revolution in einem rückständigen Land hervorging.

Der Hass auf die Sowjetunion all jener, deren Karrieren, Gehälter und Profite aus Mieteinnahmen, Zins und Profit, also aus der bestehenden Gesellschaftsordnung gespeist werden, ist nicht schwer zu verstehen. Ihnen geht es nicht um die Ablehnung des totalitären Regimes Stalins. Dieselben „Freunde der Demokratie“ hatten und haben keinerlei Skrupel, diktatorische Regimes zu preisen, sofern diese ihren Interessen entsprechen. Die „demokratische“ herrschende Klasse Großbritanniens war etwa ganz zufrieden mit Hitlers Aufstieg zur Macht, solange er die deutsche Arbeiterklasse unterdrückte und sich auf den Osten Europas konzentrierte.

Winston Churchill und andere Repräsentanten der britischen herrschenden Klasse äußerten bis 1939 ihre glühende Bewunderung für Mussolini und Franco. Von 1945 an unterstützten die westlichen „Demokratien“ und in erster Linie die USA jede barbarische Diktatur von Somoza bis Pinochet, von der argentinischen Junta bis zum indonesischen Schlächter Suharto, der den Gipfel der Macht über die Leichen von einer Million Menschen erklomm, welche mit der aktiven Unterstützung der CIA ermordet wurden. Die Führer der westlichen Demokratien werfen sich vor dem bluttriefenden saudischen Regime in den Staub, das seine eigene Bevölkerung foltern, ermorden, verprügeln und sogar kreuzigen lässt. Die Liste dieser Barbareien hat kein Ende.

Aus dem Blickwinkel des Imperialismus sind solche Regimes völlig annehmbar, solange sie sich auf das Privateigentum an Land, Banken und großen Monopolen stützen. Ihre unversöhnliche Feindschaft gegen die Sowjetunion stützte sich nicht auf irgendeine Freiheitsliebe, sondern auf nacktes Klasseninteresse. Sie hassten die UdSSR nicht für das, was an ihr schlecht, sondern gerade für das, was an ihr positiv und fortschrittlich war. Sie hatten keine Einwände dagegen, dass Stalin ein Diktator war (sondern waren im Gegenteil über die Gelegenheit erfreut, die ihnen die Verbrechen des Stalinismus zur Verunglimpfung des Sozialismus im Westen boten), sondern nur dagegen, dass diese Diktatur sich immer noch auf die staatlichen Eigentumsformen stützte, den einzigen verbliebenen Errungenschaften des Oktobers.

Die systematische Geschichtsrevision durch die Bürgerlichen und ihre akademischen Hofdichter unterscheidet sich zu einem erstaunlich geringen Grad von den alten Methoden der stalinistischen Bürokratie, welche die Geschichte auf den Kopf stellte, indem sie führende Persönlichkeiten zu Unpersonen machte, sie wie im Fall von Leo Trotzki verteufelte und ganz allgemein schwarz für weiß erklärte. Heutige Schriften der Feinde des Sozialismus unterscheiden sich davon ausschließlich insofern, als sie Lenin mit demselben blinden Hass und derselben Verachtung strafen, welche die Stalinisten nur Trotzki zukommen ließen.

In Russland selbst findet man einige der übelsten Fälle dieser Sorte. Das überrascht aus zweierlei Gründen nicht. Erstens wurden diese postsowjetischen Akademiker in den Fälschertraditionen des Stalinismus ausgebildet, für den die Wahrheit nur ein Werkzeug im Dienste der herrschenden Elite war. Die Professoren, Ökonomen und Historiker waren daran gewöhnt, ihre Schriften der momentanen „Linie“ anzupassen. Dieselben Intellektuellen, die einstmals Lobreden auf Trotzki hielten, den Gründer der Roten Armee und Führer der Oktoberrevolution, zögerten einige Jahre später nicht, ihn als Agenten Hitlers zu denunzieren. Dieselben Schriftsteller, die Josef Stalin lobpriesen, machten eine Kehrtwende, sobald Nikita Chruschtschow den „Personenkult“ entdeckt hatte. Gewohnheiten sind mächtig, das gilt auch für die Methoden der intellektuellen Prostitution. Nur die Auftraggeber sind heute andere.

Es gibt auch einen zweiten Grund. Die meisten, die sich in Russland an der Plünderung („Privatisierung“) des Staatseigentums bereichert haben, besaßen vor nicht langer Zeit einen Mitgliedsausweis der kommunistischen Partei und rühmten den „Sozialismus“. Diese Kreaturen hatten mit Sozialismus, Kommunismus oder der Arbeiterklasse in Wahrheit nichts zu tun. Sie gehörten zu einer parasitären, herrschenden Schicht, welche für die Etablierung ihrer Macht über die Leiche der Oktoberrevolution ging und auf dem Rücken der sowjetischen Arbeiterklasse ein Luxusleben führte.

Mit demselben Zynismus, der sie schon immer auszeichnete, sind diese Schmarotzer nun ins Lager des Kapitalismus übergegangen, doch diese wundersame Verwandlung muss irgendwie gerechtfertigt werden. Die „neuen Russen“ fühlen sich gedrängt, ihren „Abfall vom Glauben“ zu rechtfertigen, indem sie das verfluchen, woran sie noch gestern zu glauben vorgaben. So versuchen sie, den Massen Sand in die Augen zu streuen und ihr eigenes Gewissen zu beruhigen – immer vorausgesetzt, dass sie so etwas überhaupt besitzen.

Lenin und Trotzki

Nicht nur die Bourgeoisie und ihre Ideologen (dazu gehören auch die rechten Sozialdemokraten und einige sogenannte linke Sozialisten) haben ein grundsätzliches Interesse daran, den Bolschewismus mit dem Stalinismus gleichzusetzen. Auch die Stalinisten selbst haben diese groteske Verzerrung über Jahrzehnte aufrechterhalten und als erste die Lüge erzählt, der „Trotzkismus“ sei eine vom Leninismus getrennte, ihm feindlich gesinnte politische Strömung. Monty Johnstone ging es darum, diese Lüge zu bekräftigen, wenn auch in einer ausgefeilteren Weise als zuvor.

In diesem Buch zeigen Ted und ich, wie die Stalinisten die Differenzen zwischen Lenin und Trotzki vor 1917 künstlich aufblähten. Wir erklären, wie Lenin und Trotzki auf verschiedenen Wegen schließlich zu denselben Schlüssen gelangten. Schon vor dem Ersten Weltkrieg unterschied sich Lenins Position zum Wesen der Russischen Revolution kaum von jener Trotzkis.

Wir haben es Lenin und Trotzki gestattet, für sich selbst zu sprechen, indem wir ausführlich aus ihren Werken zitieren. Das macht das Lesen nicht unbedingt einfacher, hat aber den unzweifelhaften Vorteil, dass das unvoreingenommene lesende Publikum selbst in die Lage versetzt wird, ihre Ideen und das Verhältnis zwischen ihnen zu beurteilen. Der Lackmustest für jede Theorie ist die Praxis. Es ist eine Tatsache, dass Lenin 1917 eine Position ergriff, die mit Trotzkis Theorie der permanenten Revolution praktisch identisch war. Es ist auch kein Zufall, dass Lenins Kritiker ihn 1917 des „Trotzkismus“ beschuldigten.

Es entspricht der Methode des historischen Materialismus, hinter den handelnden Individuen auf der Bühne der Geschichte nach tieferen Ursachen für große historische Ereignisse zu suchen. Dadurch wird aber die Rolle des Individuums in der Geschichte nicht verneint oder geschmälert. Unter gegebenen Umständen kann es ganz auf einen einzelnen Mann oder eine einzelne Frau ankommen. Die Arbeiterklasse braucht eine Partei, um die Gesellschaft zu verändern. Wenn es keine revolutionäre Partei gibt, die der revolutionären Energie der Klasse eine bewusste Führung geben kann, wird sie verfliegen wie Dampf, dessen Energie von keiner Dampfmaschine genutzt wird.

Trotzkis Rolle während und nach der Oktoberrevolution war enorm. Wir können mit Sicherheit sagen, dass es ohne Lenin und Trotzki 1917 keine Oktoberrevolution gegeben hätte. Leo Trotzki wurde allgemein als zweiter Mann in der Parteiführung anerkannt. Tatsächlich bezeichneten die Massen ebenso wie die Feinde der Revolution die Bolschewiki üblicherweise als „Partei von Lenin und Trotzki“.

Einzelne Persönlichkeiten können eine solche Rolle aber nur dann einnehmen, wenn alle anderen Bedingungen gegeben sind. Die Verkettung der Ereignisse gestattete es Lenin und Trotzki, 1917 eine entscheidende Rolle zu spielen. Aber die selben beiden Menschen hatten während der vorangegangenen zwanzig Jahre nicht die selbe Rolle spielen können. Ebenso waren Lenin und Trotzki, trotz ihrer kolossalen persönlichen Fähigkeiten machtlos gegenüber der bürokratischen Degeneration der Revolution in ihrem Rückfluten. Gegen die materiellen Kräfte, die die Degeneration bedingten, waren auch die herausragendsten Führer machtlos.

Der proletarische Internationalismus

Der wirkliche Grund für die bürokratische Degeneration der russischen Revolution war nicht irgendeine „Erbsünde“ des Bolschewismus, sondern die Isolation der Revolution in Verhältnissen materieller und kultureller Rückständigkeit. Dies wiederum war das Ergebnis des Verrats der Führungen der europäischen Sozialdemokratie.

Für Lenin und Trotzki war die Russische Revolution nie ein in sich abgeschlossener Vorgang, sondern der Ausgangspunkt der europäischen und der Weltrevolution. Sie hatte einen enormen Einfluss auf die europäische Arbeiterklasse und führte unmittelbar zur Novemberrevolution in Deutschland 1918. Darauf folgte eine Reihe revolutionärer Erhebungen in diesem Land, die erst 1923 abebbten. 1919 gab es eine Revolution in Ungarn. Im selben Jahr wurde in Bayern eine kurzlebige Räterepublik ausgerufen. Auch in Österreich, Großbritannien, Frankreich, Italien, Bulgarien, Estland und anderen Ländern gab es revolutionäre Aufstände.

Die revolutionäre Bewegung der europäischen Arbeiterklasse war stark genug, sich der militärischen Intervention gegen Sowjetrussland in den Weg zu stellen, aber wurde von ihrer reformistischen Führung paralysiert. Das Scheitern der europäischen Revolution bedeutete, dass die russische Revolution unter Bedingungen der grausamsten Rückständigkeit isoliert wurde. 21 ausländische Interventionsarmeen zerstörten Industrie und Landwirtschaft. In einem einzigen Jahr, 1920, verhungerten über sechs Millionen Menschen in Sowjetrussland.

Marx erklärte vor langer Zeit, dass in einer Gesellschaft, wo die Not verallgemeinert wird, „die ganze alte Scheiße“ wiederbelebt würde. Diese Bedingungen führten zum Aufstieg der Bürokratie – einer bleiernen Schicht von Beamten und Karrieristen, welche die Arbeiterklasse zur Seite stieß und privilegierte Posten in Staat und Industrie ergriff. Lenin hatte wiederholt vor den Gefahren der Bürokratie nicht nur im Staat, sondern auch in der Partei gewarnt.

Die Revolution überlebte zwar, durchlief aber eine grausame bürokratische Deformation. Die staatliche Planwirtschaft gestattete der UdSSR gigantische Fortschritte und verwandelte ein vormals rückständiges Land in einen fortgeschrittenen Industriestaat mit kultivierter Bevölkerung. So gelang es der UdSSR, Hitlers Armeen im Zweiten Weltkrieg praktisch auf sich allein gestellt zu besiegen.

Trotzki gegen Stalin

Lenin und Trotzki waren für die bürokratische Deformation nicht nur nicht verantwortlich, sondern arbeiteten im Kampf gegen Stalin, der sich an die Spitze der privilegierten Bürokraten gestellt hatte, eng zusammen. Von seinem Sterbebett aus beharrte Lenin in Briefen und seinem Testament darauf, dass Stalin von seinem Posten als Generalsekretär entfernt würde, weil er „eine unermeßliche Macht in seinen Händen konzentriert“ hatte. Lenin war „nicht überzeugt, daß er es immer verstehen wird, von dieser Macht vorsichtig genug Gebrauch zu machen.“

In seinem letzten verzweifelten Kampf gegen Stalin und die Bürokratie konnte sich Lenin nur auf einen einzigen Mitstreiter stützen – Trotzki. Doch er starb, bevor er sein Ziel erreichen konnte. Auf einem Treffen der Vereinigten Opposition 1926 sagte Lenins Witwe Krupskaja: „Wenn Wladimir Iljitsch [Lenin] heute am Leben wäre, säße er schon im Gefängnis.“

Nachdem Lenin 1924 gestorben war, versuchte Trotzki dessen Kampf gegen Stalin und die Bürokratie fortzusetzen. Doch der Kampf war zum Scheitern verurteilt. Nach Jahren des Krieges, der Revolution und des Bürgerkriegs waren die russischen Arbeiterinnen und Arbeiter erschöpft. Auf der anderen Seite waren Millionen Bürokraten selbstbewusster denn je. Sie spürten, dass sie die Macht fest in den Händen hielten. Nur der Sieg der Revolution in Deutschland oder China hätte die Lage ändern können. Doch die verfehlte Politik Stalins und seiner Unterstützer führte zu einer Niederlage nach der anderen.

Trotzdem konnte die UdSSR dank ihrer staatlichen Planwirtschaft gewaltige Schritte nach vorne machen. Doch das bedeuteten nicht, dass der „Sozialismus errichtet“ worden war, wie die Stalinisten prahlerisch verkündeten. Im Gegenteil: Unter der Herrschaft einer privilegierten Bürokratenschicht entfernte sich die Sowjetunion vom Sozialismus. Am Ende untergrub die Bürokratie die Planwirtschaft und bereitete der kapitalistischen Restauration den Weg.

Trotzki hatte schon 1936 in Die verratene Revolution davor gewarnt, dass die Bürokratie sich mit ihren rechtlichen und widerrechtlichen Privilegien nicht zufriedengeben, sondern danach streben würde, sich durch eine kapitalistischen Konterrevolution zu Eigentümern der Produktionsmittel zu machen. Es sollte zwar einige Jahrzehnte dauern, aber genau das ist passiert. Vor dem Zweiten Weltkrieg warnte Trotzki:

„Daß die Vergesellschaftung der von den Kapitalisten geschaffenen Produktionsmittel einen enormen ökonomischen Vorteil bietet, kann man heute nicht allein in der Theorie, sondern auch durch die Erfahrungen in der UdSSR, trotz ihrer Begrenztheit, als erwiesen ansehen. Es ist wahr, daß sich die kapitalistischen Reaktionäre nicht ohne Geschicklichkeit des stalinistischen Regimes gleich einer Vogelscheuche gegen die Idee des Sozialismus bedienen. Tatsächlich hat Marx jedoch niemals gesagt, daß sich der Sozialismus in einem Lande verwirklichen lasse und noch viel weniger In einem rückständigen Land. Die Entbehrungen, denen die Massen in der UdSSR ausgesetzt sind, die Allgewalt der privilegierten Kaste, die sich über die Nation und ihre Not erhoben hat, die unverschämte Willkür der Bürokraten ist nicht die Konsequenz des Sozialismus, sondern die der Isoliertheit und der historischen Rückständigkeit der UdSSR, die von der kapitalistischen Einkreisung in die Zange genommen ist. Das Erstaunlichste ist, daß es der planifizierten Wirtschaft auch unter außergewöhnlich ungünstigen Bedingungen gelungen ist, ihre unbestreitbare Überlegenheit zu beweisen.“1

Stalins Terror

Anstatt Trotzkis Argumente politisch zu beantworten, beantwortete sie die stalinistische Bürokratie mit der eisernen Faust der Repression. Die Linke Opposition in Russland wurde gewaltsam unterdrückt und ihre Mitglieder arbeitslos gemacht, belästigt und später dann verhaftet und eingesperrt.

Nachdem Trotzki 1927 von Stalin und seinem bürokratischen Apparat aus der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) ausgeschlossen wurde, wurde er 1929 ins türkische Exil geschickt. Diese bürokratischen Methoden sollten den Führer der Bolschewiki-Leninisten, der Linken Opposition, zum Schweigen bringen.

Doch Trotzki ließ sich nicht beirren. Von der Insel Prinkipo in Istanbul aus organisierte er den Gegenangriff der Kräfte des Bolschewismus-Leninismus. Er gründete die Internationale Linke Opposition, die all jene um sich scharte, die den Ideen Lenins, der bolschewistischen Partei und des Oktobers treu geblieben waren. Obwohl man sie aus den Reihen der kommunistischen Parteien und der Kommunistischen Internationale ausgeschlossen hatte, betrachteten sich Trotzki sowie seine Anhängerinnen und Anhänger weiter als Teil der kommunistischen Bewegung, die für eine Reform der kommunistischen Parteien, der Kommunistischen Internationale und der UdSSR kämpften.

Vom Exil aus musste Trotzki zusehen, wie all seine Freunde, Genossinnen und Genossen und seine Mitarbeiter systematisch ermordet wurden. In seinen barbarischen Schauprozessen wurden die Führer von Lenins Partei von Stalin unter falschen Vorwürfen gefoltert und hingerichtet. Trotzki bezeichnete die Säuberungen als einseitigen Bürgerkrieg von Stalin und der Bürokratie gegen die bolschewistische Partei.

Trotzki kämpfte darum, die Ideen, das Programm und die Traditionen für spätere Generationen von Kommunistinnen und Kommunisten in der UdSSR und international zu erhalten. Unter den Bedingungen der schwersten Verfolgung war er der einzige, der das tat. In der Geschichte werden wir schwer ein weiteres Beispiel dafür finden, wie alle Ressourcen eines riesigen Staatsapparats darauf ausgerichtet wurden, einen einzigen Mann zu zerstören. Es war nicht leicht für Trotzki, ein Land zu finden, das ihn aufnehmen wollte. Die Türen all der sogenannten westlichen Demokratien blieben ihm fest verschlossen. Er war gezwungen, von der Türkei aus nach Frankreich und dann nach Norwegen zu gehen, bis er sich schließlich in Mexiko niederlassen konnte.

Da er Trotzkis im Ausland nicht habhaft werden konnte, rächte sich Stalin an dessen Familie. In einem persönlichen Racheakt entzog er Trotzki und all seinen Familienmitgliedern 1932 die sowjetische Staatsangehörigkeit. Trotzkis Tochter Sinaida, die mit ihrem kleinen Sohn Sjewa nach Prinkipo gekommen war, konnte nun nicht mehr in die Sowjetunion zurückkehren und war so von ihrem Ehemann und ihrer Tochter getrennt. Im folgenden Jahr beging sie in Berlin Selbstmord.

Das war nur der Beginn einer systematischen Kampagne, in der Trotzkis Kinder und Familie sowie seine Mitreiterinnen und Mitstreiter allesamt umgebracht wurden. Der Tyrann im Kreml befahl den Mord an Leo Sedow, Trotzkis Sohn, in Paris. Er ließ ebenso Trotzkis zweiten Sohn Sergei verhaften, der sich nicht politisch betätigte und sich noch in der Sowjetunion aufhielt. Er wurde erschossen. Und schließlich wurde Stalins größter Wunsch erfüllt, als Trotzki im August 1940 in Mexiko ermordet wurde.

Wer behauptet, Bolschewismus und Stalinismus seien „keine Antipoden sondern Zwillinge“, muss erklären, wie es dazu kam, dass Stalin Lenins Partei auslöschen und ihre ehemalige Führung komplett liquidieren musste, um seine Macht zu festigen. Inmitten von Verrat, Niederlagen und Enttäuschungen verteidigte Trotzki die echten Traditionen des Leninismus, des Oktobers und der bolschewistischen Partei. Er erreichte damit sein wichtigstes Ziel.

Das war keine geringe Leistung. Wer erinnert sich heute an die Schriften von Sinowjew und Kamenew? In den Schriften Leo Trotzkis haben wir hingegen ein unschätzbares Erbe, das besonders auch nach dem Zusammenbruch der UdSSR, einer unumgänglichen Konsequenz der Verbrechen des Stalinismus, nach wie vor bedeutsam und lebendig bleibt. Diese Schriften beinhalten den authentischen Bolschewismus und die wirklichen Lehren der Oktoberrevolution – die einzige Hoffnung für die Zukunft der Menschheit.

Was die Revolution erreichte

Die Ordnung, die die Oktoberrevolution errichtet hatte, war weder totalitär noch bürokratisch, sondern die demokratischste Ordnung, die die Welt je gesehen hat. Die Oktoberrevolution machte Schluss mit dem Privateigentum an den Produktionsmitteln. Erstmals wurde die Vitalität der Planwirtschaft nicht nur in der Theorie, sondern in der Praxis demonstriert. Auf einem Sechstel der Erdoberfläche wurde in einem gigantischen, einmaligen Experiment bewiesen, dass eine Gesellschaft ohne Kapitalisten, Großgrundbesitzer und Geldverleiher möglich ist.

Heutzutage ist es in Mode, die Erfolge kleinzureden oder gar völlig zu bestreiten. Die flüchtigste Blick auf die Fakten zeigt uns jedoch ein völlig anderes Ergebnis. Trotz der Probleme, Mängel und Verbrechen (mit denen uns die Geschichte des Kapitalismus ebenso im Übermaß ausstattet), brachte die Planwirtschaft in der Sowjetunion in einer im historischen Maßstab bemerkenswert kurzen Frist höchst erstaunliche Fortschritte hervor. Daher kommt die Angst und der Hass vonseiten der herrschenden Klassen im Westen. Daher kommen die unverschämten Lügen, derer sie sich, natürlich immer von einer Position der „akademischen Objektivität“ aus, noch immer bedienen.

Die Bürgerlichen sehen sich gezwungen, die Ideale der Oktoberrevolution ein für alle Mal zu begraben. So wurde der Zusammenbruch der UdSSR zum Signal für eine Propagandalawine gegen die Errungenschaften der Planwirtschaften in Russland und Osteuropa. Diese ideologische Offensive der Strategen des Kapitals gegen den „Kommunismus“ war ein genau kalkulierter Versuch, die historischen Errungenschaften der Revolution zu verleugnen. Für diese Damen und Herren war die russische Revolution seit jeher eine Verirrung der Geschichte. Aus ihrer Sicht hat der Kapitalismus immer existiert und wird das auch für immer tun. Deswegen darf es keine Erfolge der Planwirtschaft gegeben haben. Die sowjetische Statistiken werden einfach zu aufgeblasenen Lügen erklärt.

All die enormen Fortschritte auf dem Gebiet der Bildung, Gesundheit, sozialen Fürsorge etc. wurden von einem Strom aus Lügen und Verzerrungen verschüttet, dessen Ziel es ist, die Errungenschaften verschwinden zu lassen. Die Mängel des Lebens in der Sowjetunion, von denen es viele gab, werden systematisch überbetont, um zu „beweisen“, dass es zum Kapitalismus keine Alternative gibt. Statt Fortschritt, sagen sie nun, habe es Rückschritt gegeben.

„Es wird gesagt, dass die UdSSR in den Achtzigern den Vereinigten Staaten ebenso weit nachstünde, wie das Russische Kaiserreich 1913“, schreibt der Wirtschaftshistoriker Alec Nove, der daraus schließt, dass „statistische Manipulationen eine Rolle dabei spielten, das Sowjet-Regime zu delegitimieren (…)“2

Es ist notwendig, sich dieser beispiellose Lügenkampagne entgegenzustellen. Wir wollen die Leserschaft nicht mit Statistiken überbeanspruchen, halten es aber für notwendig, jeden Zweifel an den erstaunlichen Erfolgen der Planwirtschaft zu beseitigen. Trotz der unfassbaren Verbrechen der Bürokratie sind die einmaligen Fortschritte der Sowjetunion nicht nur eine historische Errungenschaft, sondern vor allem ein Ausblick auf die enormen Möglichkeiten einer Planwirtschaft, insbesondere wenn sie demokratisch geleitet würde. Diese Möglichkeiten stehen in völligem Gegensatz zur heutigen weltweiten Krise des Kapitalismus.

Beispiellose Fortschritte

Die Oktoberrevolution 1917 führte zum historisch größten Wachstum der Produktivkräfte in einem Land. Vor der Revolution verfügte das zaristische Russland über eine äußerst rückständige, halbfeudale Wirtschaft, der größte Teil der Bevölkerung konnte nicht lesen und schreiben. Von 150 Millionen Einwohnern waren nur vier Millionen in der Industrie beschäftigt. Damit war Russland noch viel rückständiger als das heutige Pakistan.

Unter den Bedingungen einer schrecklichen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Schwäche begann das Regime der Arbeiterdemokratie, das Lenin und Trotzki errichtet hatten, Russland gestützt auf eine Planwirtschaft aus der Rückständigkeit herauszuziehen. Die Ergebnisse sind wirtschaftsgeschichtlich einmalig. Innerhalb von zwei Jahrzehnten schuf sich Russland eine gewaltige industrielle Basis und schaffte den Analphabetismus ab. Auf den Gebieten der Gesundheit, Kultur und Bildung machte es bemerkenswerte Fortschritte. Zur selben Zeit befand sich die westliche Welt im Würgegriff der Massenarbeitslosigkeit und des wirtschaftlichen Zusammenbruchs der Großen Depression.

Die Lebensfähigkeit der neuen Produktionsweise wurde 1941-1945 auf eine schwere Probe gestellt. Die Sowjetunion wurde von Nazideutschland angegriffen, dem alle Ressourcen Europas zur Verfügung standen. Trotz des Verlusts von 27 Millionen Menschenleben schaffte es die UdSSR, Hitler zu besiegen und ging ab 1945 daran, ihre zerstörte Wirtschaft in einer bemerkenswert kurzen Zeitspanne wieder aufzubauen, womit sie zur zweiten Supermacht der Welt wurde.

Dass ein Land so erstaunliche Fortschritte macht, muss uns zum Nachdenken anregen. Man kann von den Idealen der Revolution der Bolschewiki halten, was man will, aber eine solche Transformation in einer so kurzen Zeit verlangt die Aufmerksamkeit aller denkenden Menschen.

Innerhalb von 50 Jahren verneunfachte die Sowjetunion ihr Bruttoinlandsprodukt. Trotz der schrecklichen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg verfünffachte sie ihr BIP zwischen 1945 und 1979. 1950 entsprach ihr BIP 33% des US-amerikanischen. 1979 hatte sie bereits 58% des BIP der USA erreicht. In den späten 1970er Jahren war die UdSSR eine Industriemacht, die in absoluten Zahlen den Rest der Welt in einigen Schlüsselindustrien bereits überflügelt hatte. Die Sowjetunion war nicht nur der zweitgrößte Produzent industrieller Güter nach den USA, sondern der weltweit führende Produzent von Öl, Stahl, Zement, Asbest, Traktoren und einer Reihe von Maschinen.

Diese Zahlen zeigen aber nicht das ganze Ausmaß des Erreichten. All das wurde praktisch ohne Arbeitslosigkeit oder Inflation erreicht. Es gab in der Sowjetunion keine Arbeitslosigkeit wie im Westen. Tatsächlich war es eine Straftat, arbeitslos zu sein. (Dieses Gesetz wurde ironischerweise bis heute nicht abgeschafft, obwohl es nichts mehr bedeutet.) Es gab natürlich Fälle, in denen Einzelpersonen entlassen wurden, weil sie in Konflikt mit der Bürokratie gerieten, aber solche Phänomene ergaben sich nicht aus dem Wesen der Planwirtschaft und hätten nicht existieren müssen. Sie hatten weder mit der zyklischen Arbeitslosigkeit des Kapitalismus, noch mit der organischen Massenarbeitslosigkeit etwas zu tun, die derzeit knapp 50 Millionen Menschen in den OECD-Ländern zu einem Leben erzwungener Untätigkeit verdammt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es überdies so gut wie keine Inflation mehr. Das drückte sich besonders in den Preisen für Güter des täglichen Bedarfs aus. Bis zur Perestroika wurden die Preise für Fleisch und Milchprodukte zum letzten Mal im Jahr 1962 erhöht. Die Preise für Brot, Zucker und die meisten Nahrungsmittel wurden zuletzt 1955 erhöht. Die Mieten waren äußerst niedrig, vor allem wenn man sie mit dem Westen vergleicht, wo die Arbeiterinnen und Arbeiter zumeist ein Drittel oder mehr ihres Einkommens dafür ausgeben müssen. Erst in der Periode der Perestroika, die einen Umschwung zur Marktwirtschaft bedeutete, traten Arbeitslosigkeit und Inflation wieder auf.

Die UdSSR hatte jedes Jahr ein Nulldefizit und sogar einen leichten Haushaltsüberschuss auszuweisen, was keinem westlichen Land bis heute gelungen ist. Genauso wenig haben sie es geschafft, dauerhafte Vollbeschäftigung wie in der Sowjetunion zu erreichen. Die westlichen Kritiker halten sich zu diesen Umständen sehr bedeckt, weil hier die Potentiale selbst einer nicht-kapitalistischen Übergangsökonomie deutlich werden – von den Möglichkeiten eines Sozialismus ganz zu schweigen.

Die Oktoberrevolution und die Frauen

Der große französische utopische Sozialist Fourier betrachtete die Stellung der Frauen als den deutlichsten Maßstab für den Fortschritt einer sozialen Ordnung. Die Rückkehr Russlands zum Kapitalismus bedeutet in dieser Hinsicht eine Katastrophe. Alles, was sich die Frauen in der Russischen Revolution erkämpft hatten, die übrigens von streikenden Textilarbeiterinnen am internationalen Frauentag begonnen wurde, wird systematisch eliminiert. Das reaktionäre Gesicht des Kapitalismus zeigt sich deutlich an der heutigen Stellung der Frauen in Russland.

Obwohl die politische Konterrevolution des Stalinismus einen teilweisen Rückschritt bedeutete, ist unbestreitbar, dass die Frauen in der Sowjetunion enorme Fortschritte im Kampf gegen ihre Unterdrückung gemacht haben.

„Die Oktoberrevolution tat der Frau gegenüber ehrlich ihre Pflicht“, schrieb Trotzki. „Die junge Macht gab ihr nicht nur dieselben politischen und gesetzlichen Rechte wie dem Mann, sondern, was noch wichtiger ist, tat alles was sie konnte und jedenfalls unvergleichlich mehr als irgendein anderer Staat, um ihr wirklich zu allen Zweigen der Wirtschafts- und Kulturarbeit Zutritt zu verschaffen.“3

Unter der Zarenherrschaft wurden Frauen als bloße Anhängsel des Haushalts verstanden. Männern war es ausdrücklich gestattet, Gewalt gegen sie anzuwenden. In einigen ländlichen Gegenden wurden Frauen gezwungen, sich zu verschleiern und ihnen wurde nicht gestattet, lesen und schreiben zu lernen. Von 1917 bis 1927 wurde die rechtliche Ungleichbehandlung der Frauen Schritt für Schritt aufgehoben, und in ihrem Programm von 1919 erklärte die Kommunistische Partei stolz: „Die Partei gibt sich nicht mit der formalen Gleichstellung der Frauen zufrieden, sondern strebt danach, sie von der materiellen Last unzeitgemäßer Hausarbeit zu befreien, indem sie diese durch Gemeinschaftswohnungen, öffentliche Kantinen, zentrale Wäschereien, öffentliche Kinderbetreuung usw. ersetzt.“

Frauen waren nicht länger gezwungen, bei ihren Ehemännern zu leben oder sie zu begleiten, wenn sie berufsbedingt umziehen mussten. Sie erhielten das Recht, einem Haushalt vorzustehen und wurden gleich bezahlt. Es wurden Regelungen zu Karenz und Mutterschutz eingeführt, ebenso Kindergeld und Kinderbetreuungseinrichtungen. 1920 wurde die Abtreibung legalisiert, die Zivilehe wurde eingeführt und die Scheidung zu einer unkomplizierten Formalität gemacht. Das Konzept von der Nichtanerkennung unehelicher Kindern wurde ebenso aufgehoben. Lenin schrieb dazu:

„Von den niederträchtigen Gesetzen über die Rechtsungleichheit der Frau, über die Beschränkungen der Ehescheidung, die schändlichen Formalitäten, an die sie geknüpft war, über die Nichtanerkennung der unehelichen Kinder, über die Nachforschung nach ihren Vätern usw. – Gesetzen, von denen es in allen zivilisierten Ländern zur Schande der Bourgeoisie und des Kapitalismus so zahlreiche Überreste gibt, haben wir im wahrsten Sinne des Wortes keinen Stein auf dem anderen gelassen.“4

Kostenloses Essen in den Schulen, kostenlose Milch für Kinder, eine besondere Unterstützung für bedürftige Kinder, Beratungsstellen für Schwangere, Frauenhäuser, Betreuungseinrichtungen – so wurden die materiellen Bedingungen geschaffen, um Frauen systematisch in alle Bereiche des gesellschaftlichen, wirtschaftliche und politischen Lebens miteinzubeziehen. Der Stalinismus führte in diesem Bereich zwar zahlreiche Konterreformen durch, doch nach Stalins Tod machte der Nachkriegsaufschwung es möglich, die allgemeine Situation der Frauen ständig zu verbessern: Das bedeutete ein Renteneintrittsalter von 55 Jahren, gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, Arbeitserleichterungen für Schwangere und eine voll bezahlte Karenz von 56 Tagen vor und 56 Tagen nach der Geburt eines Kindes. Der Anteil der Frauen an den Hochschulen stieg von 28% im Jahr 1927, über 43% im Jahr 1960 auf 49% im Jahr 1970. Zu dieser Zeit erreichten nur Finnland, Frankreich und die Vereinigten Staaten einen Wert von über 40%.

Die Anzahl der Betreuungsplätze für Vorschulkinder stieg von 500.000 im Jahr 1960 auf über fünf Millionen im Jahr 1970. Die Fortschritte der Planwirtschaft bedeuteten, dass sich die Lebenserwartung der Frauen von 30 auf 74 Jahre mehr als verdoppelte und die Kindersterblichkeit um 90% gesenkt wurde. Im Jahr 1975 waren 73 % des Lehrpersonals Frauen. Im Jahr 1959 arbeiteten ein Drittel der Frauen in Berufen in denen 70 % der Arbeitskräfte weiblich waren, bis zum Jahr 1970 steigerte sich dieser Wert auf 55 %. 1970 waren 98 % der Krankenpflegerinnen Frauen, 95 % der Bibliotheksagestellten und 75 % der Ärzteschaft. Im Jahr 1959 gab es 600 Frauen mit Doktortitel, 1984 waren es 5.600.

Die Restauration des Kapitalismus hat diese Errungenschaften rasch wieder verschwinden lassen und Frauen zurück eine Position der Haussklaverei gebracht, die unter dem heuchlerischen Begriff der „Familie“ firmiert. Der Großteil der Krisenlasten wird so auf den Rücken der Frauen abgewälzt.

Warum brach die Sowjetunion zusammen?

Trotz ihrer beispiellosen Erfolge brach die Sowjetunion zusammen. Man muss sich der Frage stellen, warum das geschehen ist. Die Erklärungen der bürgerlichen „Experten“ sind so vorhersehbar wie inhaltsleer: Der Sozialismus (oder Kommunismus) ist gescheitert. Ende der Geschichte. Die Führungen der Arbeiterbewegung wissen auch nicht mehr dazu zu sagen; die rechten Reformisten plappern wie immer die Ansichten der herrschenden Klasse nach und bei den Linksreformisten herrscht betretenes Schweigen. Die Führer der kommunistischen Parteien im Westen, die gestern noch alle Verbrechen des Stalinismus kritiklos unterstützten, versuchen sich jetzt von einem diskreditierten Regime zu distanzieren, haben aber keine Antworten auf die Fragen der ArbeiterInnen und Jugendlichen, die nach ernsthaften Erklärungen verlangen.

Die Errungenschaften der sowjetischen Industrie und Wissenschaft sind schon erwähnt worden. Doch die Sowjetunion hatte noch eine andere Seite. Der demokratische Arbeiterstaat, den Lenin und Trotzki errichteten, wurde von Stalins ungeheuerlich deformiertem, bürokratischem Staat ersetzt. Dieser schreckliche Rückschritt bedeutete die Zerstörung der politischen Macht der Arbeiterklasse, doch die grundlegenden sozioökonomischen Errungenschaften des Oktobers verblieben, nämlich die neuen Eigentumsverhältnisse, deren deutlichster Ausdruck die Planwirtschaft war.

In den 1920ern schrieb Trotzki eine Broschüre unter dem Titel: Hin zum Kapitalismus oder Sozialismus? Das war immer die entscheidende Frage für die Sowjetunion. Die offizielle Propaganda behauptete zunächst, die Sowjetunion bewege sich unaufhaltsam auf die Errichtung des Sozialismus zu, ab 1960 behauptete Chruschtschow, der Sozialismus sei bereits verwirklicht und die UdSSR werde innerhalb von zwanzig Jahren eine völlig kommunistische Gesellschaft errichten. Die Wahrheit war allerdings, dass die Sowjetunion sich in eine völlig andere Richtung bewegte.

Eine Entwicklung in Richtung Sozialismus würde eine schrittweise Verringerung der Ungleichheit bedeuten. In der Sowjetunion wuchs die Ungleichheit dagegen ständig an. Zwischen den Massen und den Millionen privilegierter Beamter und ihren Familien mit ihren hübschen Kleidern, großen Autos, bequemen Wohnungen und Landhäusern tat sich ein weiter Abgrund auf. Der Gegensatz war umso bedeutender, weil er in so schreiendem Widerspruch zur offiziellen Propaganda über den Sozialismus und Kommunismus stand.

Aus der Perspektive der Massen lässt sich wirtschaftlicher Erfolg nicht auf die Menge des produzierten Stahls, Zements oder elektrischen Stroms reduzieren. Der Lebensstandard hängt vor allem von der Produktion hochqualitativer, billiger und leicht verfügbarer Waren des täglichen Bedarfs ab: Kleidung, Schuhe, Essen, Waschmaschinen, Fernseher usw. In diesem Bereich hinkte die Sowjetunion dem Westen weit hinterher. Das alleine wäre vielleicht noch tolerierbar gewesen, doch entscheiden war, dass einige Leute in den Genuss dieser Dinge kamen, während sie den meisten verwehrt blieben.

Der Stalinismus konnte sich trotz seiner schreienden Widersprüche deshalb so lang halten, weil die Planwirtschaft jahrzehntelang immense Erfolge erzielte. Doch die Herrschaft der Bürokratie führte zu Korruption, Misswirtschaft und Verschwendung, bis sie schließlich die Errungenschaften der Planwirtschaft selbst zu untergraben begann. Je weiter sich die UdSSR entwickelte, desto schädlicher wurden die Auswirkungen der bürokratischen Herrschaft.

Die Bürokratie stellte immer schon eine gewaltige Bremse auf der Entwicklung der Produktivkräfte dar. Doch während der Aufbau einer Schwerindustrie noch relativ leicht zu bewerkstelligen war, lässt sich eine moderne Wirtschaft mit ihren komplexen Wechselbeziehungen zwischen Schwer- und Leichtindustrie, Wissenschaft und Technik nicht einfach durch bürokratische Befehle aufbauen, ohne dass es zu schwerwiegenden Disproportionen kommt. Die Sowjetwirtschaft wurde zudem durch die hohen Rüstungsausgaben und die Kosten der eisernen Kontrolle Osteuropas belastet.

Trotz der immensen Ressourcen, die sie zur Verfügung hatte, trotz der mächtigen industriellen Basis und einer Armee von gut ausgebildeten Ingenieuren und Wissenschaftlern war die Bürokratie unfähig, die gleichen Resultate zu erreichen wie der Westen. Bei den zentralen Indikatoren der Arbeitsproduktivität und des Lebensstandards hinkte die Sowjetunion dem Westen hinterher. Der Hauptgrund dafür waren die Millionen korrupten und gierigen Beamten, die die Sowjetunion ohne jede Kontrolle durch die Arbeiterklasse führten.

Solange die Produktivkräfte sich in der UdSSR weiterentwickelten, war die prokapitalistische Tendenz unbedeutend. Doch die Sackgasse, die der Stalinismus darstellte, führte zu einer völligen Veränderung der Situation. Mitte der 1960er Jahre stieß das System der bürokratisch gesteuerten Planwirtschaft an seine Grenzen. Sobald sich herausstellte, dass die Sowjetunion außerstande war, bessere Ergebnisse zu erzielen als der Kapitalismus, war ihr Schicksal besiegelt.

Schon 1972 entwickelte Ted Grant die brilliante Perspektive, dass der Zusammenbruch des Stalinismus unausweichlich war. Aus marxistischer Sicht war das die einzig mögliche Perspektive. Der Marxismus zeigt auf, dass die Lebensfähigkeit eines gegebenen sozioökonomischen Systems letztendlich von seiner Fähigkeit abhängt, die Produktivkräfte zu entwickeln. Zwischen 1965 und 1970 betrug die durchschnittliche Wachstumsrate 5,4%. Zwischen 1971 und 1978 betrug sie nur mehr 3,7%.

Gleichzeitig betrug sie in den entwickelten kapitalistischen Ländern der OECD 3,5%. Die Wachstumsrate der Sowjetunion war also nicht mehr bedeutend höher als die Wachstumsrate, die sich im Kapitalismus erreichen ließ. Das war ein Desaster. Daraus resultierend fiel der Anteil der UdSSR an der weltweiten Produktion von 12,5% im Jahr 1960 auf 12,3% im Jahr 1979. In der selben Zeitspanne erhöhte Japan seinen Anteil von 4,7% auf 9,2%. Chruschtschows Gerede darüber, die USA einzuholen und zu überholen, löste sich in Luft auf. In weiterer Folge fiel die Wachstumsrate bis zum Ende der Breschnew-Periode (der „Periode der Stagnation“, wie sie Gorbatschow nannte) auf null.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Bürokratie aufgehört, auch nur die relativ gesehen fortschrittliche Rolle zu spielen, die sie bislang gespielt hatte, und so geriet das Sowjetregime in eine Krise. Ted Grant war der einzige Marxist, der daraus die nötigen Schlussfolgerungen zog. Er erklärte, dass das Regime erledigt war, sobald es nicht mehr in der Lage war, bessere Resultate als der Kapitalismus zu erzielen. Im Gegensatz dazu nahm jede andere Strömung, von den Bürgerlichen bis zu den Stalinisten an, dass die scheinbar monolithischen Regimes in Russland, China und Osteuropa sich fast unbegrenzt an der Macht halten könnten.

Wie wir gesehen haben, hat die politische Konterrevolution der stalinistischen Bürokratie das Regime der Rätedemokratie in Russland völlig zerstört, dabei aber die neuen Eigentumsverhältnisse, die von der Oktoberrevolution geschaffen worden waren, unangetastet gelassen. Die herrschende Bürokratie stützte sich auf die Planwirtschaft und spielte eine relativ fortschrittliche Rolle, indem sie die Produktivkräfte entwickelte, wenn auch zum dreifach höheren Kostenpreis als im Kapitalismus, aufgrund eines erschütternden Ausmaßes von Verschwendung, Korruption und Misswirtschaft, wie Trotzki selbst vor dem Krieg feststellte, als die Wirtschaft noch um 20% jährlich wuchs.

Trotz seiner Erfolge konnte der Stalinismus die Probleme der Gesellschaft nicht lösen. Er stellte eine historische Anomalie von gigantischen Ausmaßen dar und war das Produkt einer besonderen geschichtlichen Verkettung von Ereignissen. Die Sowjetunion beruhte unter Stalin auf einem grundsätzlichen Widerspruch. Die Planwirtschaft stand im Widerspruch zum bürokratischen Staat. Schon in der ersten Fünfjahresplanperiode machte sich die Bürokratie enormer Verschwendung schuldig. Dieser Widerspruch verschwand mit der Entwicklung der Wirtschaft nicht, sondern spielte eine immer schädlichere Rolle, bis das System schließlich unter ihm zusammenbrach.

Die Geschichte ist heutzutage Allgemeinwissen, aber es ist ziemlich leicht, im Nachhinein Bescheid zu wissen. Es ist weniger leicht, historische Prozesse vorherzusehen, wie es Ted Grant in seinen Schriften über Russland gelungen ist, in denen der Verfall des Stalinismus mit beeindruckender Genauigkeit vorgezeichnet wurde. Hier allein findet sich eine umfassende Analyse der Gründe für die Krise des bürokratischen Regimes, die von allen anderen Kommentatoren bis heute nicht verstanden werden.

Trotzkis Analyse

Der Ausgangspunkt für das vorliegende Werk war die brillante Analyse, die Leo Trotzki 1936 in seinem Meisterwerk Die verratene Revolution entwickelt hat. Auch heute noch behält sie ihre Klarheit und Bedeutung. Niemand, der verstehen will, was in Russland passiert ist, kommt an dieser großartigen marxistischen Analyse vorbei. Aus verständlichen Gründen gibt Trotzki jedoch keine endgültige Antwort auf die Frage des Klassencharakters der UdSSR, sondern lässt die Frage offen, in welche Richtung dieser sich letztendlich bewegen wird.

Der große russische Marxist verstand, dass das Schicksal der Sowjetunion von der Auseinandersetzung zwischen lebendigen Kräften abhing, die untrennbar mit globalen Entwicklungen verbunden waren: Solche Entwicklungen ließen sich nicht präzise vorhersagen. Tatsächlich hatte der sehr spezielle Verlauf des Zweiten Weltkriegs eine entscheidende Auswirkung auf das Schicksal der Sowjetunion, das niemand hatte vorhersehen können. Trotzki schrieb:

„In welcher Richtung sich während der kommenden drei, fünf, zehn Jahre die Dynamik der ökonomischen Widersprüche und der sozialen Antagonismen in der Sowjetgesellschaft entwickeln wird, auf diese Frage gibt es noch keine endgültige und unwiderrufliche Antwort. Der Ausgang hängt vom Kampf der lebendigen sozialen Kräfte ab, und zwar nicht nur im nationalen, sondern auch im internationalen Maßstab. Auf jeder neuen Etappe bedarf es daher einer konkreten Analyse der realen Verhältnisse und Tendenzen in ihrem Zusammenhang und beständigem Aufeinanderwirken.“5

Trotzki achtete darauf, die Zukunft des Sowjetstaats mit einem Fragezeichen zu versehen. Seine Vorhersage, dass die stalinistische Bürokratie sich zur Erhaltung ihrer Privilegien „unvermeidlich nach Stützen in den [kapitalistischen] Besitzverhältnissen umsehen“6 muss, erwies sich als absolut richtig. Das abstoßende Spektakel, in dem altgediente Kader der kommunistischen Partei ihre Parteibücher zerrissen und sich mit der gleichen Leichtigkeit, mit der man aus einem Zugabteil ins nächste wechselt, offen in „Unternehmer“ verwandelten, macht deutlich, wie weit sich das stalinistische Regime vom Sozialismus entfernt hatte.

Trotzki erwartete nicht, dass das stalinistische Regime sich so lang halten würde. In seinem letzten Werk, Stalin, spielt er zwar mit dem Gedanken, dass das Regime sich in seiner damaligen Form noch Jahrzehnte lang halten könnte, doch das Buch war zum Zeitpunkt seiner Ermordung unfertig und es war ihm nicht möglich, die Idee weiterzuentwickeln. Die Sowjetunion ging aus dem Zweiten Weltkrieg erheblich gestärkt hervor. Das stalinistische Regime, das Trotzki für eine vorübergehende historische Anomalie gehalten hatte, überlebte noch einige Jahrzehnte. Das hatte weitreichende Auswirkungen auf alle anderen Faktoren, insbesondere auf das Bewusstsein der Massen und der Bürokratie selbst.

Trotzki hatte gehofft, dass das stalinistische Regime durch eine politische Revolution der Arbeiterklasse gestürzt werden würde. Sollte das nicht geschehen, so zog er in Erwägung, würde die bürokratische Konterrevolution letztendlich im Sturz der neuen Eigentumsverhältnisse münden, die die Oktoberrevolution hervorgebracht hatte:

„Die Konterevolution setzt ein, wenn der Faden der fortschrittlichen sozialen Errungenschaften damit beginnt, sich wieder von seiner Spule abzuwickeln. Diese Abwicklung scheint ohne ein Ende in Sicht zu sein. Doch ein Teil der Errungenschaften bleibt immer erhalten. Deshalb bleibt der proletarische Klassencharakter der UdSSR trotz der monströsen bürokratischen Degenerationen weiter erhalten. Bedenken wir aber, dass der Prozess der Abwicklung noch nicht abgeschlossen ist und dass das Schicksal Europas und der Welt in den kommenden Jahrzehnten noch nicht entschieden ist. Der russische Thermidor hätte zweifellos eine neue Epoche bürgerlicher Herrschaft eröffnet, hätte diese sich nicht auf der ganzen Welt als verbraucht erwiesen. Jedenfalls hat der Kampf gegen die Gleichheit und die Entstehung der sehr tiefen gesellschaftlichen Gegensätze es nicht geschafft, das sozialistische Bewusstsein der Massen und die Verstaatlichung der Produktionsmittel und des Landes, die grundlegenden sozialistischen Errungenschaften der Revolution zu zerstören. Obwohl sie diese Errungenschaften untergräbt, hat die Bürokratie noch nicht versucht, zur Wiederherstellung des Privateigentums an den Produktionsmitteln zu schreiten.“7

Die Perspektive der kapitalistischen Restauration in Russland und ihrer Auswirkungen wurde von Trotzki mit bemerkenswerter Klarheit schon 1936 erklärt:

„Ein Zusammenbruch des Sowjetregimes würde unweigerlich einen Zusammenbruch der Planwirtschaft und damit die Abschaffung des staatlichen Eigentums nach sich ziehen. Die Zwangsbindung der Trusts untereinander und zwischen den Fabriken eines Trusts würde sich lockern. Die erfolgreichsten Unternehmungen würden sich beeilen, selbständige Wege zu gehen. Sie könnten sich in Aktiengesellschaften umwandeln oder eine andere transitorische Eigentumsform finden, etwa mit Gewinnbeteiligung der Arbeiter, Gleichzeitig und noch leichter würden die Kolchosen zerfallen. Der Sturz der heutigen bürokratischen Diktatur, wenn keine neue sozialistische Macht sie ersetzt, wäre also gleichbedeutend mit einer Rückkehr zu kapitalistischen Verhältnissen bei katastrophalem Rückgang von Wirtschaft und Kultur.“8

Staatskapitalismus

Die Brillanz, mit der Trotzki die entscheidenden Elemente der Entwicklung der Sowjetunion erkannt hat, ist herausragend. In völligem Gegensatz dazu steht die theoretisch wie praktisch bankrotte Auffassung vom „Staatskapitalismus“, die seit Jahrzehnten in abgewandelten Formen in den Köpfen unterschiedlicher ultralinken Sekten herumschwirrt. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte Ted Grant Trotzkis Analyse des proletarischen Bonapartismus weiter – vor allem in dem Text Marxistische Staatstheorie (Antwort an Genossen Cliff), in der die Vorstellung vom „Staatskapitalismus“ in Russland umfassend widerlegt wird.

Dieser „Theorie“ zufolge war das Regime in der UdSSR schon längst kapitalistisch. Warum sollten Arbeiterinnen und Arbeiter also die alten Formen des „kapitalistischen“ Staatseigentums gegen die aufstrebende Bourgeoisie verteidigen, wenn es hier keinen Unterschied gibt? Diese Argumentation würde die Arbeiterklasse angesichts der kapitalistischen Konterrevolution natürlich völlig entwaffnen und ist ein deutliches Beispiel dafür, wie theoretische Fehler zwangsläufig zu praktischen Katastrophen führen.

Die Krise des Stalinismus hatte mit der Krise des Kapitalismus nichts gemein. Letztere ergibt sich aus der Anarchie des Markts und dem Privateigentum und ist wesentlich eine Überproduktionskrise. In der UdSSR gab es keinerlei Anzeichen für Überproduktion, weil es sich um eine Planwirtschaft handelte.

Dem allen muss man die Beschränkungen des Nationalstaats hinzufügen, der seine Nützlichkeit schon längst überlebt hat und zu einem großen Hemmnis für die Entwicklung der Produktivkräfte geworden ist. Das erklärt, warum jedes Land, auch die größte Supermacht, sich der Konkurrenz des Weltmarkts stellen muss. Marx hat das vorausgesehen, und das erklärt, warum der Gedanke an „Sozialismus in einem Land“ eine reaktionäre Utopie ist.

Der Zusammenbruch des Stalinismus und das „Ende der Geschichte“

Es ist schon ironisch, dass die Sozialdemokratie dem Sozialismus gerade zu dem Zeitpunkt den Rücken kehrt, da sich der Kapitalismus in seiner tiefsten Krise seit 200 Jahren befindet, und sich stattdessen am Hemdzipfel der Bourgeoisie festklammert. Mit den früheren „Kommunisten“ (Stalinisten) steht es noch schlimmer – sie haben die Ideen von Marx und Lenin über Bord geworfen und sich der Bourgeoisie völlig unterworfen.

Die früheren Stalinisten sind von der Geschichte für ihre Verbrechen bestraft worden. Sie sind seit dem Zusammenbruch der UdSSR weit nach rechts gewandert und sind nicht einmal mehr der Schatten ihrer selbst. Sie sind von tiefem Skeptizismus gegenüber dem Sozialismus durchdrungen und haben nicht das geringste Vertrauen in die Arbeiterklasse. Die alten Stalinisten waren wenigstens eine Karikatur des Originals; jetzt sind sie nur noch eine blasse Imitation des Reformismus. Daraus folgt, dass sie zu einer Zeit, in der sich der Kapitalismus in einer tiefen Krise befindet und die Ideen des Kommunismus ein großes Echo finden müssten, völlig unfähig sind, die radikalisierten Schichten der Arbeiterklasse und Jugend anzusprechen. In vielen Ländern sind sie ganz verschwunden.

Der Fall der Berliner Mauer und der Zusammenbruch der stalinistischen Regimes in Russland und Osteuropa lösten im Westen eine Welle der Euphorie aus. Der Zusammenbruch des Stalinismus wurde als das „Ende des Sozialismus“ bejubelt. Der Endsieg des „freien Markts“ wurde von den Seiten gebildeter Zeitschriften von Tokio bis New York verkündet. Die Kapitalstrategen waren außer sich vor Freude. Francis Fukuyama ging so weit, das „Ende der Geschichte“ zu verkünden. Nun sollte es keinen Klassenkampf mehr geben. In der besten aller kapitalistischen Welten sollte alles gut werden.

Nun liegen diese Träume der Bourgeoisie und der Reformisten in Trümmern. Die Massenarbeitslosigkeit, von der man gesagt hatte, sie sei Geschichte, ist in die entwickelten kapitalistischen Länder zurückgekehrt – von dem Albtraum aus Armut, Unwissenheit, Kriegen und Epidemien ganz zu schweigen, der zwei Drittel der Menschheit in der sogenannten „Dritten Welt“ dauerhaft heimsucht. Ein Krieg folgt auf den nächsten und der Terrorismus verbreitet sich wie eine Seuche über den Planeten. Überall herrschen Pessimismus und eine tief sitzende Angst vor der Zukunft vor, vermischt mit irrationalen und mystischen Tendenzen.

Gerade aus diesem Grund wird das hundertjährige Jubiläum der russischen Revolution unweigerlich zum Anlass genommen werden, die antikommunistische Hetze zu verstärken. Der Grund dafür ist nicht schwer zu verstehen. Die weltweite Krise des Kapitalismus führt zu einer grundsätzlichen Infragestellung der „Marktwirtschaft“. Das Interesse an marxistischen Ideen wird wieder stärker, und das verängstigt die Bourgeoisie. Die neue Hetzkampagne drückt kein Selbstbewusstsein, sondern Angst aus.

Die Krankheit des 21. Jahrhunderts hat ihre geschichtlichen Vorgänger. In jeder Periode des gesellschaftlichen Abstiegs beobachten wir dieselben Symptome, wenn ein gegebenes sozioökonomisches System an die Grenzen seiner Möglichkeiten gestoßen ist und zu einem Hindernis für die menschliche Entwicklung geworden ist. Der Kapitalismus ist schon lange an seine Grenzen gestoßen. Er ist nicht mehr fähig, die Produktivkräfte so weiterzuentwickeln wie in der Vergangenheit. Er ist nicht einmal mehr fähig, die Beibehaltung der Reformen zu dulden, die in der Vergangenheit wenigstens einige Ansätze einer halbzivilisierten Existenz in den entwickelten kapitalistischen Ländern ermöglichten.

Jetzt werden alle Errungenschaften, für die die Arbeiterklasse so hart gekämpft hat, bedroht. In den unterentwickelten Ländern Afrikas, Asiens und des Nahen Ostens bedeutet der Kapitalismus in den Worten Lenins Schrecken ohne Ende. Aber die Arbeiterschaft und die Jugend werden ihre Errungenschaften nicht kampflos aufgeben. Alle Bedingungen für eine beispiellose Explosion des Klassenkampfes sind gegeben.

Der Zusammenbruch des Stalinismus war nicht das Ende der Geschichte, sondern nur der erste Akt in einem Drama, dessen zweiter und weitaus dramatischere Akt nun begonnen hat – die allgemeine Krise des Weltkapitalismus. Die beispiellose ideologische Offensive gegen die Ideen des Marxismus ist an ihre Grenzen gestoßen. Für die Gesellschaft gilt ebenso wie für die klassische Mechanik, dass auf eine Aktion eine entgegengesetzte Reaktion folgt. Die allgemeine Reaktion auf die Barbarei des Kapitalismus hat bereits begonnen.

Heute sind die Ideen Leo Trotzkis wichtiger als jemals zuvor. Sie finden in den Reihen der Arbeiterbewegung und der Jugend ein wachsendes Echo. Natürlich fürchten die Reformisten und Bürokraten den Erfolg des revolutionären Marxismus wie der Teufel das Weihwasser. Das gilt ebenso (vielleicht noch mehr) für gewisse „Linke“, die sich hinter radikalen Phrasen verstecken, in Wirklichkeit aber nur den linken Flügel einer konservativ-bürokratischen Strömung in der Arbeiterbewegung bilden. Ihr Hass auf den „Trotzkismus“ wird einerseits von Angst um ihre eigenen Posten, Jobs und Gehälter, andererseits von ihrer Unfähigkeit getrieben, der marxistischen Strömung mit politischen Argumenten zu antworten. Wie immer werden die, die klare Ideen vertreten, von denen gehasst, deren Ideen verwirrt sind.

Der neuen Generation bieten die Ideen von Marx, Engels, Lenin und Trotzki einen Kompass, den sie brauchen, um den Weg zum Sozialismus zu finden – den Weg der Revolution. Die Veröffentlichung dieses Buches in der Sprache von Marx, Engels, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wird die neue Generation von Kämpfern und Kämpferinnen in Österreich, Deutschland und der Schweiz mit der ideologischen Munition ausstatten, die sie brauchen, um den Kampf auf eine höhere Ebene zu stellen. Ich wünsche ihnen dabei alles Gute.

London, 1. Februar 2017

Zitate:

  • [1] Trotzki: Marxismus in unserer Zeit, in: Verein Gesellschaft und Politik (Hg.): Aufstand der Vernunft Nr.11. Wien: Selbstverlag 2016, S.83

  • [2] Nove, Alec: An Economic History of the USSR. London: Penguin Books 1992. S.438 [unsere Übersetzung]

  • [3] Trotzki: Die verratene Revolution. Essen: Mehring Verlag 2009. S.169

  • [4] Lenin: Werke, Bd.29, S.418f.

  • [5] Trotzki: Die verratene Revolution. Essen: Mehring Verlag 2009. S.94

  • [6] Ebd. S.254

  • [7] Trotsky: Stalin. An Appraisal of the Man and his Influence. London: Wellred Books 2016. S.690 [unsere Übersetzung]

  • [8] Trotzki: Die verratene Revolution. Essen: Mehring Verlag 2009. S.251

 

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Lenin und Trotzki: Wofür sie wirklich kämpften

  • Taschenbuch, 320 Seiten
  • ISBN: 978-3-902988-09-6
  • Preis: 15€

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