Kategorie: Theorie

Identitätspolitik und die Position der Marxisten

In den letzten Wochen hat die Debatte über Identitätspolitik Fahrt aufgenommen und dies war allerhöchste Zeit. Allerdings zeigen sich in großen Teilen der Linken falsche Definitionen darüber, was Identitätspolitik nun eigentlich bedeuten. Deshalb werden ihre Gefahren verkannt.

Bild: derfunke.ch


Viele verstehen unter dem Begriff Identitätspolitik einfach, dass man die Existenz aller Unterdrückungsformen anerkennen und ernst nehmen sollte. Dass man also Rassismus und Sexismus nicht unter dem Schlagwort „Nebenwiderspruch“, einfach unter die Klassenfrage kehren und deshalb nicht artikulieren sollte. Dies ist aber nichts, was die Identitätspolitik im Speziellen ausmacht, denn dies würden Marxisten genauso mittragen. Der Begriff „Nebenwiderspruch“ stammt aus dem Maoismus, dies ist und war allerdings nie die Position des Marxismus. Im Gegenteil, die Marxisten erkannten als eine der allerersten Strömungen die mehrfache Unterdrückung, an welcher beispielsweise eine Arbeiterin mit Migrationshintergrund ausgesetzt ist.

Was die Identitätspolitik wirklich ausmacht, ist ihre Art und Weise wie sie Unterdrückung analysiert, definiert und die daraus folgende Praxis. Im Zentrum stehen die „Identitäten“, denen feste Eigenschaften zugeschrieben werden. Es gibt nach der Identitätspolitik eine klare Trennung einer „weißen“ und „schwarzen“ Identität, in dieser sei man gefangen und könne weder eine objektive noch die jeweils andere Perspektive einnehmen. Daraus folgt eine klare Absage an wissenschaftliche Kriterien und Objektivität. Diese seien von „Weißen“ konstruiert worden und würden damit – folgt man den Vertretern der Identitätspolitik – zwangsläufig rassistische Elemente in sich tragen, die Schwarze benachteiligen.

Die Universität als Schlachtfeld und andere Absurditäten

Daher kommt es besonders an Universitäten regelmäßig zu Konflikten. Beispielsweise wird Prof. em. Helmut Bley der Universität Hannover, ein Experte für die Geschichte der Kolonialisierung, aktiv bei der Ausübung seiner Tätigkeit sabotiert, da er als „Weißer“ nicht in der Lage sei, aus der Perspektive Afrikas über den Kolonialismus zu sprechen. Einen weiteren Vorstoß machte Brittany Marshall, indem sie die Etablierung eines Ethnomathematik-Kurses für Lehrer in Kalifornien einforderte. Ihre Begründung: „Die Idee von 2 + 2 = 4 hat kulturelle Gründe. Als Folge von westlichem Imperialismus/Kolonisierung halten wir sie für das einzig Richtige.“ Dass Kinder aus migrantischen Familien tendenziell schlechter in Mathematik sind, liege in „weißen“ Elementen in der Mathematik begründet, welche „Schwarze“ benachteilige, behauptet Marshall.

Die Vertreter der Identitätspolitik sind Bestandteil der Postmoderne, diese Theorien leugnen komplett die Möglichkeit einer objektiven Betrachtungsweise der Welt und allem was darin geschieht. Das Ergebnis ist eine komplette Abwendung von jeder wissenschaftlichen Grundlage und der Existenz eines gesellschaftlichen Fortschritts. Selbst Demokratie und Meinungsfreiheit werden als „weiße“ Konzepte bezeichnet und sollten, ihrer Meinung nach, nicht anders behandelt werden als andere Regierungsformen und Gesetze.

Als Konsequenz jedweder Ablehnung einer objektiven Betrachtungsweise bleibt nur die Perspektive des Individuums. Da eben diese Individuen von der Identitätspolitik mit festen Eigenschaften versehen sind, resultiert daraus die Ansicht, dass ausschließlich Personen, die zu einer unterdrückten Gruppe gehören, dazu befugt und berechtigt seien, zu Fragen eben dieser Gruppe, zu sprechen. Und diese „Berechtigung“ soll mit allen Mitteln durchgesetzt werden, um damit den unterdrückten Gruppen ihre „Räume“ zu sichern.

Daraus folgten bereits unzählige Fälle, bei denen Personen von Podien und Rednerpulten verjagt wurden. Ebenso Fälle, bei denen geplante Veranstaltungen und Podien zugunsten dieser Gruppen bereits im Vorhinein oder mittendrin wieder abgesagt werden mussten, da es angeblich untragbar sei, dass betroffene Gruppen entweder gar nicht, nicht zur Hälfte oder nicht komplett das Orga- und Rednerteam stellten. Immer mehr häuft es sich, dass Männern untersagt wird an Veranstaltungen des Frauenkampftages teilzunehmen, weil sie aufgrund ihres angeblich inhärenten Sexismus einem „Safe Space“ im Weg stünden.

Eine Ebene, die von vielen zu stark ausgeblendet wird, ist zusätzlich der Fakt, dass die Vertreter der Identitätspolitik sehr anfällig sind für rassistische Ausfälle gegenüber Menschen mit schwarzem und weisem Elternteil. Diesen Menschen wird ihre Identität als Schwarze und damit ihre konkreten Diskriminierungserfahrungen aberkannt. Vertreter der Identitätspolitik ziehen damit neue Spaltungslinien, und spalten dadurch Bewegungen wie beispielsweise Black-Lives-Matter.

Kolonialismus als „Sündenfall“

Die „Postcolonial Studies“ dienen der Identitätspolitik als wichtiger Ausgangspunkt für ihre Betrachtungsweise. Ihnen zufolge sind die Völker Amerikas, Afrikas und Asiens von den Mächten Europas aufgrund von Ideologien der eigenen Überlegenheit kolonialisiert worden. Nach dieser idealistischen Auffassung also stand an erster Stelle die unterdrückerische Ideologie, welche in die reale, materielle Unterdrückung mündete. Wenn Königin Isabella I. und die anderen Könige Europas, sowie das Christentum etwas aufgeklärter gewesen wären, hätte es nach Ansicht der Identitätspolitik keine Kolonialisierung gegeben. Dies ist eine komplett falsche, verdrehte Ansicht der tatsächlichen Gründe.

Als Marxisten vertreten wir eine materialistische Auffassung der Welt. Das bedeutet in diesem Fall, dass die Ursachen für den Kolonialismus in den konkreten materiellen und gesellschaftlichen Gegebenheiten zu suchen sind. Die damaligen Länder Europas waren feudale Gesellschaften, also Klassengesellschaften, in der eine Minderheit die große Mehrheit der Bevölkerung objektiv ausbeutet. Die Handelsbourgeoisie befand sich im Aufschwung und war die treibende finanzielle Kraft hinter den kostspieligen Seeexpeditionen, mit der Absicht neue Handelswege nach Asien zu finden, um das Osmanische Reich umgehen zu können. Dies waren die ersten wichtigen Schritte im Entstehen des Kapitalismus. Die während dieser Expeditionen entdeckten Länder und Völker nahmen dann eine Schlüsselrolle in der Industrialisierung Europas ein, einerseits durch deren Versklavung, sowie Sicherung der explosivartig angestiegenen Nachfrage an Rohstoffen.

Dies ist unserer Meinung nach, die tatsächliche Grundlage für rassistische Ideologien und Stereotypen. Die Ideologie der Überlegenheit der „Weißen“ kam infolge der Kolonialisierung in die Welt, als eine Rechtfertigungsideologie. In der gesamten Geschichte der Menschheit war die reine materielle Unterdrückung nie die einzige Stütze, um eine gesellschaftliche Unterdrückung aufrecht zu erhalten. Die Könige des feudalen Europas rechtfertigten die Fronabgaben ihrer Bauern damit, dass sie von Gott selbst als Herrscher eingesetzt worden seien und die Bauern müssten dem Willen Gottes gehorchen. Nach der Identitätspolitik kann es aber keine nichtrassistischen „Weißen“ geben, die Kolonialisierung wurde gewissermaßen zu einer „Erbsünde“, welche sich in die kulturelle „DNA“ der „Weißen“ festgesetzt hat. Dasselbe wird auf die Frage der Frauenunterdrückung gemünzt: Es gebe keine nichtsexistischen Männer. Das Hashtag „AllMenAreTrash“, fasst diese Ansichtsweise sehr beispielhaft zusammen.

Als Marxisten sehen wir, dass jede Form der Klassenherrschaft, also auch der Kapitalismus, unterdrückerische Ideologien stetig reproduziert und immer wieder in die gesamte Gesellschaft hineinträgt. Da keiner von uns außerhalb der Gesellschaft lebt, bedeutet dies, dass jeder von uns mehr oder weniger mit diesen Ideologien aufgewachsen ist und weitergetragen hat. Sich diesem Umstand bewusst zu sein und eigenes Fehlverhalten zu reflektieren, halten wir für eine Notwendigkeit, um diese Ideologien bei sich selbst abzubauen. Selbst linke Organisationen sind davon selbstverständlich nicht auszunehmen und jeder konkrete Fall der Diskriminierung sollte offen und ernst thematisiert und diskutiert werden.

Allerdings treibt die Identitätspolitik dies mit dem „Prüfen der Privilegien“ völlig ins Absurde, da man aufgrund seiner „Identität“ ohnehin gefangen sei. Man begegnet sich nicht mehr als gleichberechtigte Menschen auf Augenhöhe mit denselben Zielen und gegenseitiger Solidarität, sondern bereits im Vorfeld als Feinde im selben Lager.

Die Identitätspolitik ist eine gefährliche Anschauung für die Arbeiterbewegung insgesamt. Ganz besonders, weil sie bestimmten Minderheiten einen falschen Weg ihrer Befreiung vorgaukelt und andere mit Füßen treten, weil sie nicht in ihre neue Lehre passen.

Die Methoden der Marxisten und des Klassenkampfes

Selbst die Unterdrückung der Arbeiterklasse ist für die Identitätspolitik auf eine rein ideologische Ebene zurückzuführen. Wenn Arbeiter von ihren Chefs und Managern drangsaliert, diskriminiert, schlecht bezahlt oder grundlos gefeuert werden, liegt das angeblich am „klassistischen Denken“ der Kapitalisten und ihrer Manager. Marxisten legen ihrer Ansicht stattdessen eine nüchterne Analyse des kapitalistischen Wirtschaftssystems zu Grunde. Selbst wenn jeder Chef über Nacht all seine „klassistischen“ Ansichten verlieren würde, würde dies am Ausbeutungscharakter des Kapitalismus nichts ändern und diese Ideologien würden sehr bald wieder zurück in die Köpfe der Ausbeuter finden.

Als Marxisten betonen wir den gemeinsamen Kampf aller Ausgebeuteten und Unterdrückten auf Grundlage ihrer gemeinsamen Interessen als Arbeiterinnen und Arbeiter unter dem Banner des Sozialismus. Das ist nicht nur die einzige Möglichkeit, um die Grundlage für eine Welt ohne Diskriminierung zu schaffen, sondern dieser Kampf bietet auch die besten Möglichkeiten, Verbesserungen innerhalb des Kapitalismus zu erreichen und ebenso, um Vorurteile innerhalb der Bewegung abzubauen.

Jeder, der mal an einem kämpferischen Streik teilgenommen hat, kann bestätigen, dass der Kampf für die gemeinsamen Interessen die Arbeiter unabhängig von Geschlecht und Ethnie zusammenschweißt und den Respekt füreinander auf völlig neue Ebenen hebt. Dies bedeutet natürlich nicht, dass die besonders Unterdrückten ihre zusätzliche Unterdrückung verstecken sollen. Ganz im Gegenteil, egal ob nun beim Christopher-Street-Day, beim Frauenkampftag oder bei Black-Lives-Matter-Demos, bei all diesen Gelegenheiten betonen wir stets den gemeinsamen Kampf. Alle sollten sich komplett unabhängig ihrer eigenen Identität an jedem Kampf gegen Unterdrückung beteiligen. Je mehr sich beteiligen, je größer die Solidarität, desto mächtiger werden diese Proteste. Besonders dann in Kombination mit ökonomischen Streiks.

Wir empfehlen besonders die Ereignisse des englischen Bergarbeiterstreiks in den 1980ern mit der Solidaritätskampagne der Gruppe „Lesbians and Gays Support the Miners“ zu studieren. Dies war ein hervorragendes Beispiel klassenbewusster Solidarität, welches schlussendlich den Kampf für die Rechte homosexueller Menschen in Großbritannien mit starker Unterstützung der Gewerkschaften und der Labour-Party vorwärtsgetrieben hat.

Siehe auch:

Marxismus vs. Identitätspolitik

Marxismus vs. Queer Theory

 

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